Drei Urteile - Schwarz

Freitag, 28. Februar 2020 - 11:45
Kolumne

Kolumne Sebastian Bordthäuser

Das Urteil ist wie ein Kompass der uns hilft, Dinge zu bewerten, um uns in der Welt zurecht zu finden. Manche Leute urteilen vorschnell, manche mit Bedacht, einige Menschen brauchen erst ein wenig Zeit, um sich ein Urteil zu bilden. Das beste aller Urteile ist das Vorurteil, denn man braucht eigentlich nichts dafür zu tun, nichts abwägen, oder gar aufpassen, dass man niemandem auf die Füße tritt. Doch wie entstehen diese Vorurteile? Und was noch viel wichtiger ist: Warum verschwinden sie nicht irgendwann wieder, sondern kleben wie Teer und Federn, beispielsweise am Beaujolais, am Lambrusco oder am deutschen Wein? Frage ich in den USA einen normalen Weintrinker nach deutschem Wein, wird „Süß!“ seine Antwort sein. Wieso hält sich negativer Leumund für Lichtjahre, während Fakten die Halbwertszeit eines Snickers haben?

Die Antwort dazu fand sich letztens in einer Studie zum Sozialverhalten von Primaten. Dazu wurden zwölf Schimpansen in einen Raum gesperrt. Man schaute, dass sie gut miteinander auskamen, damit es keine Randale um Futter oder Weibchen gibt. Dann wurde eine Klapp-Leiter in den Raum gestellt, auf der oben ein Korb mit Bananen stand. Die Affen müssten also nur die Leiter hoch, um an die Bananen zu kommen. Die Leiter stand jedoch unter Strom. Der erste Affe bekam also einen ordentlichen Stromschlag und schrie wie am Spieß. Die anderen Affen wussten das Schreien nicht zu deuten, bis der zweite Affe versuchte, die Leiter zu besteigen und ebenfalls losschrie. Nach einigen Versuchen war klar, dass man gefälligst die Flossen von der Leiter zu lassen habe. Dann begann man, die Affen auszuwechseln: Ein alter Affe raus, ein neuer Affe rein. Der Neue rennt natürlich sofort zu den Bananen, schafft es aber nicht bis zur Leiter, weil ihn der aufgebrachte Mob vorher schrecklich verprügelt. Dem Neuen war zwar nicht klar, warum, aber er begriff schnell: Wer an die Bananen will, der kriegt eins in die Fresse. Die Versuchsleiter stellten danach den Strom an der Leiter ab und tauschten weiter Affen aus, bis alle ersetzt waren. Die Versuchsanordnung bestand aus dem Raum, der Leiter, einem vollen, unberührten Korb Bananen und zwölf Affen, die allesamt nie einen Stromschlag bekommen haben, aber jeden, der sich der Leiter näherte, unter lautem Gekreische hemmungslos verdroschen. 

Nun ist ein Stromschlag nicht zu vergleichen mit einem Schluck Beaujolais, den man im Zweifel ausspucken kann, bevor man vom Nebentisch eine geknallt bekommt. Das Prinzip des Vorurteils scheint nach genau diesem Muster zu funktionieren. Der Ruf ist so ramponiert, dass ihn niemand mehr trinkt, sondern nur noch davon parliert. Das Vorurteils-Paket steht fein geschnürt im Raum. Und da passt wie gesagt viel rein: Neben den oben angeführten Beispielen ist bestimmt noch Platz für Vinho Verde, Bocksbeutel, Soave, Edelzwicker, Trollinger und Liebfrauenmilch.

Was bleibt ist die Frage: Wie kriegt man die Vorurteile wieder weg? Jeder, der sie pflegt, tut das aus gefühlter Überzeugung, und die gilt heute als mindestens so stichhaltig wie wissenschaftliche Fakten. Es bleibt also unsere Aufgabe, neue Leitern zu bauen. Aus Holz vielleicht. Das nimmt die Angst vor Stromschlägen. 

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