Uwe Christiansen by moodpix.de
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Überleben nach der Krise - Interview mit Uwe Christiansen

Uwe Christiansen, „Christiansens“, Hamburg

„Wenn man konzeptionell etwas ändern möchte, ist das jetzt die große Chance.“

(Interview: Barbara Becker)

Während wir dieses Interview führen, findet in der Hamburger Kultbar „Christiansens“, die im kommenden Jahr ein Vierteljahrhundert alt wird, der Dreh für einen neuen Gin statt. „Es sieht aus wie in einem Filmstudio“ beschreibt Uwe Christiansen die Lage. Für den Abend hat er eine Einladung zu einem Aquavit-Dinner und ist auch sonst guter Dinge – trotz siebenmonatigem Lockdown. Denn Uwe Christiansen ist durchaus beschäftigt: Als gefragter Getränke-Experte nimmt er an Verkostungen teil und beurteilt Neuheiten, die ihm trotz der Pandemie in großer Anzahl zugeschickt werden. Sein Urteil hat Gewicht – auch wenn es nicht immer positiv ausfällt.

 

Wie geht es Dir mit der noch immer fehlenden Öffnungs-Perspektive für die Bars? Wie überlebt man als Kleinunternehmer diese lange Zeit?

Uwe Christiansen: Die Öffnung der Außengastronomie ist ein Lichtblick, allerdings nur für Betriebe, die ausreichend Außenplätze haben. Wir haben eine kleine Terrasse, ob sich der Betrieb lohnt, hängt allerdings von Detailregelungen wie Ausgangssperre, Mindestabstand und Sperrstunde ab. Und natürlich vom Wetter. In wenigen Stunden mit wenigen Plätzen genug zu verkaufen, ist nicht so einfach. Das muss man ausprobieren. Ich habe aber eher Lust wieder aufzumachen, wenn wir voll ran dürfen. Gerne mit Maske, aber es muss sich rechnen. Viele werden sich das überlegen.

Als Kleinunternehmer muss man in so einer Zeit wirklich sparen, das betrifft auch das Privatleben. Man muss sein Geld zusammenhalten. Wir haben Unterstützung bekommen und das auch pünktlich. Was ich daher empfehlen kann, ist ein guter Steuerberater, der weiß, was wann wie beantragt werden kann und was abzusetzen ist. Ich konnte meine Stromkosten nach einem Gespräch mit meinem Stromanbieter reduzieren und Kreditkartenanbieter ruhen lassen. Ganz runterfahren kann man nicht, denn die Geräte müssen regelmäßig gewartet werden, um kostspielige Schäden zu vermeiden.

 

Welche Maßnahmen sind für Dich und die Branche jetzt am wichtigsten?

Uwe Christiansen: Man muss in Gespräch bleiben und sich in den Medien engagieren. Ich habe mich auch an Aktionen beteiligt und mit den St. Pauli Gastronomen (Uwe ist 2. Vorsitzender der Interessengemeinschaft St. Pauli, Anm. d. Red.) eine Selbsthilfegruppe aufgebaut, in der wir uns gegenseitig unterstützen, um auf dem Laufenden zu bleiben.

 

Wie bereitest Du Dich und das Christiansens auf das Re-Opening vor? Wird es konzeptionelle Veränderungen geben?

Uwe Christiansen: Wenn man konzeptionell etwas ändern möchte, ist das jetzt die große Chance. Ich werde meine Öffnungszeiten anpassen und dort reduzieren, wo immer wenig los war. Unser Kerngeschäft läuft zwischen 20 und 24 Uhr, der Montag war eher schwach, an diesem Tag werde ich die Bar nicht mehr öffnen. Jetzt sollte man auch die Personalsituation überdenken. In den Zwischenmonaten, in denen wir öffnen durften, habe ich viel selbst gemacht, beispielweise die Bar. Allerdings habe ich auch bemerkt, dass es einem die Gäste übelnehmen, wenn man nicht mehr so viel Zeit für sie hat. Als Inhaber und Gastgeber ist das nicht gut. Man kann vielleicht früher nach Hause gehen, aber zu Beginn des Abends sollte man präsent sein – die Gäste möchten einen sehen.

 

Wird sich das klassischen gastronomische Geschäftsmodell aufgrund veränderter Gäste-Bedürfnisse zukünftig verändern?

Uwe Christiansen: Ich glaube, dass uns die Gäste, wenn wir wieder richtig loslegen können, plattmachen! Sie möchten zurück in ihr Wohnzimmer. Deshalb haben wir auch nichts verändert, obwohl wir durchrenoviert habe. Ich setzte auf Kontinuität.

 

Siehst Du Personalprobleme auf Dich zu kommen?

Uwe Christiansen: Das eher nicht. Meine Leute sind alle noch im Boot. Allerdings habe ich aktuell keinen Barchef, ich bin aber zuversichtlich, dass ich einen guten Mitarbeiter finde, wenn es wieder los geht.

 

Dein Best-Case-Szenario für das Re-Opening der Bar-Szene?

Uwe Christiansen: Ich wäre glücklich, wenn es wieder so wäre wie im Jahr 2019: Tolles Personal, tolle Stammgäste, schöne Consulting-Projekte, Mixwettbewerbe, viele Weihnachtsfeiern und Mixkurse – es lief bis zu Beginn der Pandemie perfekt. Mein Terminkalender war voll. Jetzt sitze ich vor einem komplett leeren Kalender. Wann werden die Leute den Mut haben, ihre Weihnachtsfeier zu buchen?

 

Über Uwe Christiansen

Der norddeutsche Uwe Christiansen ist in der deutschen und internationalen Bar Szene bereits seit 1991 bekannt, unter anderem durch seine journalistischen Tätigkeiten in diversen Fachzeitschriften, zahlreichen TV und Radioauftritten. Vorher stand er seit 1983 hinter dem Tresen u.a. in Südafrika, Griechenland und auf mehreren Kreuzfahrtschiffen, z.B. Queen Elizabeth 2. Bis heute trifft man Ihn auf den Kreuzfahrtschiffen als Lektor und Berater, z.B. Queen Mary 2, Queen Elizabeth, Delphin Renaissance, Star Flyer/Clipper. Nach über sechs Jahren im berühmten Angies Nightclub auf der Reeperbahn, eröffnete er 1997 seine erste eigenen Bar, das „Christiansens Fine Drinks & Cocktails“! Gelegentlich er ist als Consultant in den Bars der Welt unterwegs. Im Jahr 2006 wurde die Imp Bar in Shanghai von Christiansen konzipiert und eröffnet. 2003 kam sein Kultlokal „Das Herz von St.Pauli“ dazu und 2009 der Traum einer Tiki-Bar, die „Bar Cabana“ am berühmten Hamburger Fischmarkt. Er ist Gesellschafter und Gründer der Spielbudenplatzbetreiber GmbH, einem Eventgelände mitten auf der sündigen Reeperbahn. Als Berater für Getränkehersteller hat er so manch neuen Produkt zur Entwicklung und Start verholfen (Lufthansa Cocktail, Pussers Navy Rum 75%, Persiko).  Er hat seine eigene Likörmarke (Uwe Christiansens Likör vom …) und als neuestes Produkt den „St.Pauli Killer“ auf dem Markt. Mit Edeka brachte er 2015 den Gin Henderson auf den deutschen Markt.

Seit 2001 gehört er dem exklusiven Leaders Club an, einer Vereinigung von ausgewählten innovativen Gastronomen aus vielen europäischen Ländern. Er sitzt u.a. in der Jury Internationaler Spirituosen Wettbewerbe (Deutschland, Indien, Spanien, Schweden), schreibt für verschiedene Magazine, moderiert Messen und Convents und wenn es passt, spielt er auch gerne mal in einer Fernsehserie mit oder versorgt die Hollywood Stars auf Filmfestivals mit Getränken. 2013 erschien sein 3. Buch „Mixed Emotions“ beim Südwestverlag. Demnächst kommt das neue Buch „World of Cocktails“. Christiansen lebt in Hamburg am Fischmarkt und wenn es die Zeit erlaubt, fährt er Motorrad und guckt alten Autos hinterher.