Bei der Arbeit: Die Brüder Björn & Tobias Knewitz; Foto: Andreas Durst
Bei der Arbeit: Die Brüder Björn & Tobias Knewitz; Foto: Andreas Durst

Die Rheinhessen-Shootingstars: Björn & Tobias Knewitz im Portrait

Tobias & Björn Knewitz gelten als Shooting-Stars von Rheinhessen, ihre Weine bestechen mit einer kompromisslosen und unverwechselbaren Stilistik. Ab Januar 2022 wird ihr Weingut neues Mitglied des VDP.Rheinhessen. Abgehoben sind sie dennoch nicht, sondern heimatverbunden und geerdet. Für »Ausgabe 4/20 von MEININGERS WEINWELT waren wir im Weingut in Appenheim zu Besuch.

Text: Ilka Lindemann

Es ist ein knackig-kalter Morgen Anfang April, das Thermometer im Auto zeigt zwei Grad Celsius an. Der Himmel ist knallblau wie so oft in diesen Tagen, die Sonne scheint. Ein Tag wie geschaffen für ein Fotoshooting im Weinberg. Unser Ziel: die Top-Lage Hundertgulden.

Zweifellos ist der Hundertgulden eine der besten Lagen in Rheinhessen. Und eine der ältesten Klosterlagen dazu. Sie wurde bereits 1148 in einer Schenkung an das Kloster Disibodenberg erwähnt und gehört mit zu den kalk - reichsten Lagen in Deutschland. Früher gab es an dieser Stelle – an der Abbruchkante des tertiären Urmeeres – einmal ein Korallenriff; was davon übriggeblieben ist, findet sich heute als Grundgesteinsart in den Böden wieder. Das und die fossilen Reste von Muscheln und Austern bilden heute die Grundlage dieser besonderen Böden. In der Tiefe findet sich tertiärer Kalkstein und im Oberboden Kalkmergel und toniger Kalklehm.

Der hohe Anteil von Kalkstein in den Lagen rund um Appenheim verleiht den Weinen besondere Rasse; Foto: Andreas Durst
Der hohe Anteil von Kalkstein in den Lagen rund um Appenheim verleiht den Weinen besondere Rasse; Foto: Andreas Durst

Als wir ankommen, begrüßt uns auch hier ein unverwechselbares Farbenspiel – der Gelbsenf zwischen den Rebzeilen leuchtet in strahlendem Gelb mit dem knallblauen Himmel um die Wette. Wir kraxeln zwischen den Rebzeilen nach oben und kommen uns fast vor wie in einem Weinberg an der Mosel. Die Steillage hat hier eine Neigung von knapp 45 Prozent. Und von oben hat man einen sagenhaften Blick auf den Ort Appenheim und das Tal, auf den Westerberg und weit darüber hinaus bis nach Ingelheim, den Rhein und den angrenzenden Rheingau.

„Die Konditionen hier im Hundertgulden sind optimal für Wein“, schwärmt Tobias Knewitz von der Spitzenlage. „Wir können hier super-spät lesen … Wenn die Kollegen in der Pfalz ihre Ernte schon eingeholt haben, fangen wir hier erst an.“ Der Appenheimer Hundertgulden umfasst etwa 56 Hektar Rebfläche, davon sind 26 Hektar bestockt und die Knewitz-Brüder bewirtschaften knapp drei Hektar in der Kernlage … Ausschließlich Riesling. Viele Jahre lagen große Teile des Hundertgulden brach. „Als wir vor fünf, sechs Jahren auf die Idee kamen, die Lage zu Renaturieren, hat mein Vater zu uns gesagt, ,Ihr habt sie doch nicht mehr alle an der Latte‘“, lacht Tobias Knewitz und fährt fort: „Als er jedoch merkte, wie ernst uns das war, hat er uns sehr unterstützt.“

Natürlich setzt die Bewirtschaftung der Steillage akribisches Arbeiten voraus, zumal Tobias und Björn Knewitz auf biologischen Anbau, geringe Erträge und späte Lese schwören. Entscheidend ist für die beiden auch, dass die Weine zu hundert Prozent spontan vergoren werden und im Keller so puristisch wie möglich behandelt werden. Der daraus entstehende Weinstil ist straff und präzise, dabei hocharomatisch und würzig mit irrem Grip und immer einer gewissen Mineralität und Salzigkeit. Rassig und extrem würzig spiegeln alle Weine die Lagen wider, auf denen die Reben wachsen.

Während Tobias Knewitz als studierter Geisenheimer für den Keller zuständig ist, kümmert sich sein Bruder Björn mit Hingabe um die Arbeit in den Weinlagen. Die Weine profitieren von der Kompromisslosigkeit seiner Macher und bestechen mit einer unverwechselbaren Stilistik. „Der Ball kam für uns früh ins Rollen“, berichtet Tobias Knewitz im Rückblick auf die Anfänge. „Unsere Erwartungen waren immer hoch.“ 2008 produzierte er seinen ersten Wein, da war er gerade mal 18 Jahre alt. Und ehrgeizig. Die Auszeichnungen ließen nicht lange auf sich warten, früh wurde er für seine Weine von den Kritikern gelobt und als Jungwinzerstar gefeiert. Tobias Knewitz lernte bei Top-Winzern wie Philipp Kuhn und studierte Weinbau in Geisenheim. 2010 stieg er fest ins Weingut ein. Seitdem geht es stetig bergauf. Seit 2015 ist auch der jüngere Bruder Björn fest im Sattel: „Ich bin einen anderen Weg gegangen und habe drei Jahre lang eine Küferlehre gemacht, dann den Wirtschafter in Oppenheim“, beschreibt er seinen Werdegang. 

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Björn Knewitz kümmert sich um die Rebschule des Weinguts; Foto: Andreas Durst

Zehn Hektar Rebfläche haben sie von ihrem Vater übernommen – typisch für Rheinhessen mit einer großen Rebsortenvielfalt bestockt. „Am Anfang haben wir viel rausgerissen oder mit Kollegen getauscht“, berichten die Brüder. Heute bestimmt der Riesling mit etwa 50 Prozent den Sortenspiegel ihrer 25 Hektar Rebfläche. „Wir haben extrem davon profitiert, was unser Vater in Bewegung gesetzt hat. Da hat er echten Weitblick bewiesen“, sind sich beide einig. So hatte Gerold Knewitz zum Beispiel schon früh auf Chardonnay gesetzt, woraus sie heute ihren Nutzen ziehen. „Chardonnay war am Anfang für mich bloß die Allerwelts-Rebsorte, die weltweit auf jedem Acker wächst“, erzählt Tobias Knewitz. Heute ist er froh, dass er die alten Chardonnay-Reben aus dem Bestand seines Vaters hat, denn die Sorte ist gerade (nicht nur) in Rheinhessen sehr gefragt und er kitzelt das Beste aus den Trauben heraus. „Aber auch, wenn wir für den Chardonnay rennen, liegt unsere Prio doch auf dem Riesling“, so der unermüdliche Weinmacher. Was die wenigsten wissen; neben dem Weingut unterhält die Familie auch eine Rebschule, um die sich Björn Knewitz kümmert: „Die Rebveredelung war das Herzblut unseres Vaters!“, berichtet er und erklärt in knappen Sätzen, welche Arbeiten saisonal in einer Rebschule anstehen. Ganz der Tüftler, der nah am Rebstock denkt und arbeitet.

„Große Weine entstehen aber auch durch die Menschen“, sind sich die Brüder einig. „Sie entstehen durch das Miteinander, durch Diskutieren mit den Kollegen. Für uns ist es spannend, auch die Weine der Kollegen zu probieren und immer zu wissen, was die gerade denken und machen.“ Das zeichnet diese Generation von Winzern aus, die zu jedem Zeitpunkt über den Tellerrand schaut, für die das Gemeinschaftsgefühl am wichtigsten ist und die zusammen Gas gibt. „Wir Winzer hier in Appenheim sind eine coole Truppe – wir haben eine Wahnsinns-Dynamik“, schwärmt Tobias Knewitz von seinen Kollegen im Ort. Aber auch der Austausch mit den Winzern in den anderen deutschen Anbaugebieten wird regelmäßig gepflegt. So ist man immer up to date. Gut so, denn gerade in Tagen wie diesen, wo jeder auf sich alleine gestellt ist, ist das besonders wichtig. „Wir werden alle derzeit wieder mehr Winzer“, ist Tobias Knewitz überzeugt. Und das ist gar nicht schlecht.

Als wir später zusammensitzen und die Weine probieren, philosophieren wir über Herkunft und Heimatgefühle und wie wichtig beides ist: „Wir freuen uns, dass wir hier geboren sind und jedes Jahr ein neues Spiel spielen können.“ Am wichtigsten sind den Brüdern ihre Lagen. Neben dem Hundertgulden wachsen die Reben auf dem Gau-Algesheimer Goldberg und St. Laurenzi Kapelle, Lagen, die ebenfalls vom Kalk geprägt sind, daneben auf dem Nieder-Hilbersheimer Steinacker, einer kühleren Lage mit deutlich rot gefärbtem Boden und hohen Anteilen an Eisenerz. Und auf der Nachbarlage Honigberg, die Kalkmergel, tonigen Lehm, roten Kalkstein und Eisenerz birgt. Auch im Appenheimer Eselspfad mit seinen lehmigen, steinigen und tonhaltigen Böden wachsen Weißer Burgunder, Silvaner und Riesling …

In den Weinen ist ihre Herkunft deutlich spürbar. Ursprungsidentität und viel Grip, dazu eine gewaltige Klarheit machen die Knewitz-Weine so individuell. Am besten sieht man das am genialen Gutswein, den Tobias Knewitz als das „Amuse-Gueule des Hauses“ bezeichnet. Der Gruß aus der Küche leistet Großes und ist die Visitenkarte des Weinguts. Die Lagencuvée aus den vier Westerberg-Lagen spiegelt klar seine Herkunft wider und gibt den Stil des Hauses unverfälscht preis: In der Nase Noten von Senfkörnern, Kardamom, gelbe Frucht und Würze, dazu ein Hauch von Wiesenkräutern; am Gaumen dicht verwoben, säurebetont mit gelbem Steinobst, Grapefruit und mit einer Mega-Präsenz. 20 Prozent Holzanteil verleihen dem Gutswein ein cremig-würziges und saftiges Mundgefühl. Ein absoluter Wow-Gutswein, der so manch anderem Lagenwein aus dieser Weinwelt die Show stiehlt!

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"Die flintig-würzige Art der Weine ist unsere Signatur", so Tobias Knewitz; Foto: Andreas Durst

„Die Weine erzählen die Geschichte ihrer Herkunft.“ Das ist Tobias Knewitz wichtig. Ihm geht es immer um das Resultat, aber auch den Weg dorthin verliert er nicht aus den Augen. Exemplarisch für die Knewitz-Weine ist die flintig-würzige Art. „Das ist unsere Signatur“, so der Spitzen-Winzer, der ohne Unterlass an der Qualitätsschraube dreht. Er ist sicher, dem Ganzen mit dem Jahrgang 2019 noch näher gerückt zu sein und erklärt das mit der biologischen Bewirtschaftung der Weinberge: „Die Rebe wächst ganz anders – die Beerenhaut ist widerstandsfähiger und es hat sich das Frucht-Saft-Schalenverhältnis verändert“, ist er überzeugt und setzt noch obendrauf: „Über die Jahre haben wir uns verändert und auch unsere Weine finden mehr Ruhe. Seit 2016 arbeiten die Knewitz-Brüder konsequent biologisch und achten auf ausgewogene Kompostwirtschaft, Begrünung im Weinberg und organische Düngung. Ganz down to earth – denn gemachte Weine gibt’s hier nicht. Die Weinbranche braucht Menschen wie Tobias und Björn Knewitz. Visionäre, die die Weinwelt spannender und irgendwie bunter machen.

 

INFOS
Weingut Knewitz
Rheinblick 13
55437 Appenheim
www.weingut-knewitz.de

UNSERE EMPFEHLUNG: DIESE WEINE MÜSSEN SIE PROBIEREN!

2019 Riesling Nieder-Hilbersheimer Eisenerz
warme gelbe fast fleischige Nase, mit Noten von Kamille und salziger Mineralität, dicht verwoben, mit einem Hauch Minze, (Kalk trifft Eisenerz); am Gaumen knackige Säure, mineralischer Grip, sehr klare Frucht, die zwischen Pfirsich, gelbem Apfel, Quitte, Zitrusfrucht und Orangenzeste changiert, sehr lang und vielschichtig

2019 Appenheimer Riesling Kalkstein
karge, flintige Nase, kompakte gelbe Würze, Safran und Kardamom, mineralisch, zitrisch; im Mund dicht und saftig, salzig-mineralisch, Orangenzeste, dazu fast cremige Textur, getrocknete Mango, sehr mundfüllend, Grip und extrem pur

2019 Riesling Hundertgulden (Fassprobe)
noch etwas verschlossen in der Nase, aber deutlich Muskatnuss, Senfkörner und dicht verwobene gelbe Würze, die an blonden Tabak erinnert; am Gaumen dicht, salzig, viel Spiel, ein Powerpaket von 25 Jahre alten Reben, zu 100 Prozent im Holz ausgebaut

2019 Riesling Steinacker
der große Bruder vom Nieder-Hilbersheimer kommt mit karger Nase daher, sehr steinig, konzentrierte Power, Kamille, weiße Schokolade und ein Hauch Orangenblüten; am Gaumen dicht und rauchig, Orangenzeste, geschmeidig und seidig

2018 Riesling Hundertgulden
erdige Würze, die an frische Austern erinnert, konzentriertes Muschelwasser, salzig, dazu Apfel, filigran und elegant; am Gaumen dicht mit kühler Würze, Grapefruit, Mango, salzig und zugleich zitrusfrisches Finale

2018 Riesling Steinacker
steinig, weiße helle Würze, ein Hauch von weißem Pfeffer; am Gaumen sehr dicht und konzentriert, mega Säure, Zitrusbonbon, tolle Länge mit Quitte und Granny Smith, filigran und elegant, leicht Bienenwachs

2018 Chardonnay Reserve
zuerst dichte jodige Würze, Stein, dann roter Apfel, leicht Safran, gelbe Würze, feingliedrig; am Gaumen sehr dicht und salzig, Grip, Minze, ein Hauch weißer Pfeffer

Ausgabe 02/2022

Der Südpfälzer Johannes Jülg im Portrait // Erntebericht 2021 // Meiningers Deutscher Pinot-Preis
Ausgabe 2/2022

Themen der Ausgabe

Heißes für kalte Tage

... damit starten wir ins neue Jahr: Unsere vegetarische Bouillon mit Perldinkel & Riesencroûtons ist an nasskalten Wintertagen genau das richtige Gericht. Sommelier Silvio Nitzsche hat dazu die passende Cuvée aus Blauem Zweigelt und Blauem Wildbacher gefunden.
»»Hier geht es zu Rezept & Weintipp 

Franken: Alles neu?

Vom Pét Nat bis hin zum hochfiligranen Tröpfchen: Frankens Winzer haben neben Silvaner und Co. so einiges zu bieten. Glauben Sie nicht? Wir haben verschiedene Winzer besucht, ihre Weine verkostet, und unsere Vorurteile schnell über Bord geworfen. »»Hier geht es zu unseren ausgewählten Weintipps

Kein Jahr für schwache Nerven

Frost, Hagel, Starkregen …  2021 war kein einfaches Weinjahr. Wie die Winzer weltweit mit den Herausforderungen umgingen und welche Länder schließlich von einer erfolgreichen Weinlese berichten konnten, lesen Sie in unserem Erntebericht.