Stefan Nink verliert die Orientierung

Travel Kolumne - Gruß aus der Welt
Ausgabe: 
04
2019
Donnerstag, 25. Juli 2019 - 9:45
Kolumne
Stefan Nink

Foto: Ralf Ziegler/AdLumina

Mit einem Navajo unterwegs im Navajo County – so ein Angebot kann man sich doch nicht entgehen lassen! Und da steht er auch schon und wartet: Jimmy Peshlakai, Abkömmling einer genealogisch eindrucksvollen Ahnenreihe von Schamanen und Medizinmännern. Ein Weiser, ein Wissender und ein Mann, der gerne vermittelt zwischen seinem Volk und den Besuchern seiner Heimat. Dazu muss man wissen, dass viele der landschaftlich schönsten Gegenden des amerikanischen Südwestens auf dem Gebiet der Navajo liegen. Und viele der Canyons und Berge für sie eine spirituelle Bedeutung haben. Peshlakai soll da ein wenig helfen und erklären. Damit es unter Touristen nicht länger heißt: Nee, lasst das lieber, die lassen euch im Monument Valley nicht mal aussteigen. Andererseits sollen Besucher natürlich nicht mit plärrenden Smartphone-Lautsprechern in den heiligen Canyons herumlaufen. Man ahnt es schon: Jimmy Peshlakai hat keinen einfachen Job.

So wie heute zum Beispiel: Ich als Besucher will möglichst viel sehen, mein indianischer Guide aber ist hundemüde. Gestern Abend ein Vortrag in Cameron, vorhin schon ein Grußwort bei einer Veranstaltung in Tuba City – kein Wunder, dass Peshlakai auf dem Beifahrersitz bloß eine kurze Wegbeschreibung zu den versteckten Petroglyphen gibt, die er als erstes zeigen möchte. Da vorne rechts auf die Sandpiste, bis zum Berg, anschließend scharf links. Dann schläft er ein. Und fällt offenbar in eine Art Koma, jedenfalls bekommen ihn weder Schlaglöcher noch Weckrufe zurück. Als er endlich aufwacht, haben wir uns heillos verfahren. „Wo sind wir?“, fragt der Navajo. Ich weiß es nicht. Peshlakai auch nicht.

Die nächsten Stunden holpern wir auf diversen Staubpisten zwischen unterschiedlich großen Felsbrocken und -bergen herum, ohne eine Ahnung zu haben, wie wir an unser Ziel kommen sollen. Wir biegen links ab („Das sieht gut aus!“), wenden nach drei Meilen wieder und versuchen es rechts („Das ist die Piste zu den Petroglyphen!“) und steigen aus, um uns auf einem Hügel einen Überblick zu verschaffen. Im Mietwagen sind noch Chips, ein paar Tomaten und ein Rest Rotwein, was man bei Campingtrips eben so dabei hat. Das vertilgen wir während einer Pause. Dann rumpeln wir weiter. Müssen ja gleich kommen, die Petroglyphen.

Bis dahin erzählt Peshlakai vom Plan einer Investorengruppe, eine Seilbahn hinunter in den Grand Canyon zu bauen, und wie die Navajo Monate über das Projekt debattierten. Davon, dass es seit fast zwanzig Jahren kaum noch geregnet hat. Und von den jungen Leuten, die nach ihrem Studium nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren, sondern in Los Angeles bleiben. Er will wissen, wie das in Deutschland ist, mit dem Regen und den jungen Leuten. Irgendwann seilt sich im Westen die Sonne ganz allmählich Richtung Horizont ab.

Dann wird die Piste plötzlich breiter und kurz darauf zur Straße, und Jimmy Peshlakai weiß wieder, wo wir sind. Steht jetzt ja auch auf den Straßenschildern. Als er eine Stunde später am Parkplatz aussteigt, war von den Petroglyphen schon länger keine Rede mehr. Als hätten wir überhaupt nie zu ihnen gewollt. Als sei von Anfang an nur geplant gewesen, ein bisschen herumzufahren und zu erzählen, ein Navajo und sein Besucher, irgendwo auf den staubigen Pisten des amerikanischen Südwestens.

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