Foto: Adobe Stock/agrus
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Leserbrief: »Weinverpackungen – zurück in die Zukunft«

Mit Interesse habe ich den – sehr lesenswerten – Artikel von Vincent Messmer in der Weinwirtschaft 18/2022 über alternative Verpackungen in der Weinbranche zur Kenntnis genommen. Dabei stand das interessanteste Fazit gleich am Anfang des Artikels: Dass die Ökobilanz der Glas-Mehrwegflasche mit Abstand die beste ist und diese somit an sich das ultimative Gebinde für Wein. Nur gibt es kaum noch funktionierende Mehrwegmodelle im Markt. An dieser Stelle waren wir – leider – schon einmal sehr viel weiter: All die Umweltprobleme, die uns heute in irreversibler Form belasten, waren schon in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts bekannt und es gab etliche hoffnungsvolle Ansätze, dem entgegenzuwirken. So konnte ich bereits 1982 als damaliger redaktioneller Mitarbeiter der WEINWIRTSCHAFT sehr beeindruckt in einer Reportage über die Inbetriebnahme einer großen, hochmodernen, massiv ressourcenschonenden Weinflaschenwasch- und Wiederaufbereitungsanlage in Offenbach bei Landau berichten. 

Gemeinsam mit weiten Teilen der Weinbranche war ich seinerzeit der festen Überzeugung, dass dies die Zukunft der Weinverpackung sei. Zu dieser Zeit waren in der Pfalz aber vorwiegend die klassische Schlegel- und die Literflasche im Umlauf, was die Kreislaufwirtschaft erst ermöglichte. Auch als Fachhändler konnte ich ab 1983 noch für wenige Jahre auf funktionierende Pfandsysteme sowohl für deutsche als auch für französische Weine zurückgreifen, bis ich mich resignierend dem allgemeinen Desinteresse an Nachhaltigkeit gebeugt habe. Rudimentäre Reste funktionierender Pfandsysteme existieren ja in Süddeutschland, vornehmlich bei den regional vermarktenden Genossenschaften, bis heute. 

Die folgenden Jahrzehnte waren unter Umweltschutzaspekten verheerend: Die Flaschenindustrie warf immer neue Glasformen und Sonderflaschen auf den Markt, um eine Normierung zu erschweren bis unmöglich zu machen, und die marketingaffinen Akteure der Weinbranche folgten ihnen blind. Ein Irrsinn, der später auch Brauereien und Mineralbrunnen erfasste, die ebenfalls ohne Not Eigen- und Designerflaschen kreierten und damit funktionierende, firmenübergreifende Pfandkreisläufe aushebelten. Bevor man sich mit so possierlichen, technologisch schwierig umsetzbaren Randerscheinungen wie der »Frugal Bottle« (siehe den eingangs erwähnten Artikel) in größerem Stil auseinandersetzt, scheint mir eine Rückbesinnung auf vorhandene Technologien mit seit Jahrzehnten gegebener Füll- und Reinigungsinfrastruktur pragmatischer und effektiver. 

Vier Einheitsflaschen

Dies könnte wie folgt aussehen: Im Grunde braucht man für die relevante Vermarktung in Deutschland maximal vier Flaschenformen:  Die klassische Literflasche, sowie die 0,75-Liter-Schlegel-, Burgunder- und Bordeauxflasche, jeweils in recyclingglasgeeigneter Einheitsfarbe. Nach meinem Kenntnisstand ist dies ein auch maximal lichtschützendes, recht schickes Antikgrünbraun. Wenn man diese wiederbefüllungsgerecht ausstattet, also mit leicht ablösbaren Etiketten sowie schlichten, nur das Gewinde erfassenden Schraubverschlüssen, könnte man im Prinzip binnen kürzester Zeit das Gros der in Deutschland vermarkteten Weine so auf die Schiene bringen. 

Das gäbe zwar ein paar optische Abzüge in der B-Note, aber vielleicht haben selbst die designversessensten Vermarkter*innen mittlerweile mal ein Interesse daran, dass auch ihre Enkel noch auf Gottes weitem Erdenrund verweilen können. Was auch hilft: Bereits heute wird ja das Gros der hierzulande vermarkteten Übersee- und sonstigen Auslandsweine mit der ausgereiften Flexi-Tanklösung nach Deutschland importiert und in hochmodernen, schon aus wirtschaftlichen Erwägungen recht ressourcenschonend arbeitenden Kellereien à la Mertes, ZGM oder Reh-Kendermann abgefüllt.

Des weiteren würde ich, auch wenn ich jetzt schon die gellenden Schreie der Ultraliberalen, die am liebsten nach chilenischem »Vorbild« selbst die elementarsten menschlichsten Versorgungsgrundlagen wie Strom- oder Wasserwerke privatisieren würden, vor meinem inneren Ohr höre, ein regulatives Eingreifen des Staates bzw- der (EU-) Staaten ins Spiel bringen und über eine Flaschensteuer in  Höhe von 30 bis 50 Cent pro Flasche für nicht wiederbefüllbar ausgestattete Flaschen, aber eben nur für diese, nachdenken wollen. Dies würde gerade im Bereich der normalen Konsumweine den Anreiz für mehrwegfähige Ausstattungen schlagartig multiplizieren.

Für die Akzeptanz im gehobenen Segment würde ich mir eine Vorreiterrolle des VDP, der sich ja ohnehin schon lange intensiv mit Nachhaltigkeitsthemen auseinandersetzt, sehr wünschen: Den VDP-Adler kann man sich auch stolz auf einem schlichten, mehrwegfähigen Schraubverschluss, anstatt seitlich auf dem Nobelschrauber prangend, gut vorstellen – oder halt seitlich auf einer ablösbaren Papierbanderole. Wenn irgendwann der Berliner Wirtschaftsprüfer seine Kiste Erste Lage im 6er-Pfandtträger ganz selbstverständlich neben der Bierkiste stehen hätte – und den bei jedem anderen VDP-Betrieb wieder loswürde – wäre schon viel gewonnen. 

Auch das Thema Bag in Box (BiB) ist noch lange nicht ausgereizt: So vermarktet ja der relevanteste Player im stationären Fachhandel, Jaques’ Wein-Depot, schon seit Jahrzehnten einen nicht unwesentlichen Teil seines Sortiments in der BiB, und zwar nicht nur im absoluten Preiseinstiegssegment. Wenn hierzulande nach skandinavischem Vorbild, wo selbst die hochwertigsten Gewächse ganz selbstverständlich über die 3–5 Liter BiB vermarktet werden, mehr guter bis sehr guter Wein in dieser Gebindeform auf den Markt käme wäre auch schon viel gewonnen.

Das Ärgerliche ist: Wir haben die letzten vier Jahrzehnte im Bereich der Weingebinde unter Umweltgesichtspunkten fahrlässig verschenkt.  Das Gute allerdings, das Hoffnung macht: Alle Technologien und sämtliche Infrastruktur, hier kurzfristig umzusteuern, sind ebenfalls seit Jahrzehnten vorhanden. Die Chance ist also da, sehr schnell, effektiv und kostengünstig das Ruder in Richtung Nachhaltigkeit herumzureißen. Wir müssen sie nur ergreifen.

Gerd Rindchen

Ausgabe 23/2022

Themen der Ausgabe

Ernte 2022

Dass Dürrejahr drückt mancherorts die Erntemengen, andernorts herrscht Zufriedenheit. Und es hätte ja irgendwie alles schlimmer kommen können. Ein weltweiter Überblick.

Interview: Dr. Andreas Brokemper

Der Geschäftsführer von Henkell Freixenet über schwierige Situationen und bisherige Erfolge.

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Viele spannende Veranstaltungen und Themen erwarten die Besucher 2023 am Meininger-Stand.