Familienbande: Thomas Haag mit seinen Kindern Lara und Niklas; Foto: Nico von Nordheim
Familienbande: Thomas Haag mit seinen Kindern Lara und Niklas; Foto: Nico von Nordheim

Alles außer gewöhnlich

Thomas Haag gilt als Meister der Präzision und zählt zu den besten Winzern an der Mosel. Seine Kinder Lara und Niklas haben sein ausgefeiltes ­Wein-Gen geerbt und ziehen am selben Strang.

Text: Ilka Lindemann 

Ein Freitag an der Mosel. Es ist windig und empfindlich kühl. Wir er­­kunden die Lage Niederberg Helden, die un­­trennbar mit dem Weingut Schloss Lieser verbunden ist. Beim Fotoshooting zeigt sich mal wieder auf den ersten Blick, wie aufwendig der Steillagenweinbau an der Mosel ist. Während Thomas, Lara und Niklas Haag zielsicher durch den Steilhang laufen, bleiben Ute Haag und ich respektvoll am Rand stehen, um nicht auf den Schieferstückchen abzurutschen. „Das ist schon eine fette schwarze Piste“, lacht Thomas Haag und seine Frau Ute gesteht mir ihre leichte Höhenangst. 

Schön ist es hier oben, die knapp 80 Prozent Hangneigung sorgen für ein Bilderbuchpanorama und der Blick auf die Mosel könnte nicht spektakulärer sein. „Wir sind damit groß geworden“, schwärmt Ute Haag. Moselanerin durch und durch. „Auch wenn wir mal kurz weg sind, kommen wir immer gerne nach Hause.“ Die aus Wehlen stammende Ute Haag hat Pädagogik in Köln studiert und war froh, nach dem Studium wieder in die Heimat zurückzukehren. Auch die Kinder sind immer glücklich, wenn es wieder nach Hause geht, erfahre ich. Sowohl Lara als auch Niklas hat es nach dem Abitur nach Australien gezogen, Lara war ein Jahr als Au-pair dort und Niklas ist mit einem Freund zwei Monate lang an der Ostküste gereist. Eine weltoffene Familie mit tiefen Wurzeln in der Heimat.

Thomas Haag gehört zu den weltbesten Riesling­erzeugern. Fast im Alleingang hat er den Winzerort Lieser bekannt gemacht und das Weingut Schloss Lieser an die Spitze geführt. 1992 übernahm er als Betriebsleiter und Kellermeister das Weingut, das ehemals zum Besitz des Freiherrn von Schorlemer gehörte. Ebenso wie das Wahrzeichen des Ortes, das imposante Schloss Lieser direkt nebenan. „Als wir anfingen, haben wir keine Maschinen und keinen Flaschenbestand vor­gefunden, weil die Vorbesitzer noch Fasswein gemacht haben“, berichten Ute und Thomas Haag rückblickend. Die Gebäude waren in schlechtem Zustand. Aber die beiden hatten eine Vision, krempelten die Ärmel hoch und legten los. Nach fünf Jahren harter Aufbau­arbeit kauften sie 1997 den Betrieb mit damals sechs Hektar Rebfläche. Das Weingut musste von Grund auf saniert, der Keller abgerissen und neu gebaut werden, aus den alten Ställen in der denkmalgeschützten Gutsanlage wurde die heutige Vinothek.  
 

80 Prozent Steigung – die Arbeit im Steilhang ist mühevoll und ringt den Winzern volle Konzentration ab; Foto: Nico von Nordheim
80 Prozent Steigung – die Arbeit im Steilhang ist mühevoll und ringt den Winzern volle Konzentration ab; Foto: Nico von Nordheim

Wenn man das gepflegte Anwesen mit dem idyllischen Innenhof heute sieht, kann man sich kaum vorstellen, welcher Aufwand das war. Rückschläge inklusive. „Heute kann uns nichts mehr aus der Ruhe bringen“, blickt Ute Haag zurück und erinnert an das Jahrhunderthochwasser an der Mosel im Dezember 1993. „Das Wasser stand überall und lief bis in den Keller. Es war alles unter Wasser und eiskalt.“ Der Horror, wenn man nur daran denkt. „Wir sind erst gegangen, als alle Nachbarn schon ihre Häuser verlassen hatten“, erinnert sich die Hausherrin, die damals mit der mittleren Tochter schwanger war. Inzwischen gibt es einen Hochwasserschutzdamm, der vor etwa zehn Jahren ge­­baut wurde. „Die einzige Angst, die wir heute noch haben, ist die vor Frost und Hagelschlag“, wirft Thomas Haag ein.

 

Ute Haag kümmert sich mit Passion und viel Temperament um das Marketing; Foto: Nico von Nordheim
Ute Haag kümmert sich mit Passion und viel Temperament um das Marketing; Foto: Nico von Nordheim

Thomas und Ute Haag haben ihr Weingut mit viel Mut, Herzblut und Enthusiasmus aufgebaut und zu dem gemacht, was es heute darstellt – Weltklasse. Dass sie dabei so aufgeschlossen und bodenständig geblieben sind, macht sie unglaublich sympathisch. „Wir haben gut vorgearbeitet für die nächste Generation“, lacht Ute Haag und ist froh, dass zwei ihrer drei Kinder sich für das Weinmachen interessieren. Ihre älteste Tochter ist wie sie Pädagogin geworden und unterrichtet als Lehrerin an der Berufsschule. („Einer muss ja in meine Fußstapfen treten.“) Lara ist bereits voll ins Weingut integriert, sie hat ihr Studium in Geisenheim 2017 beendet, unterstützt ihre Mutter im Marketing und kümmert sich um den Vertrieb und Export. Niklas steht kurz vor seinem Abschluss in Geisenheim. Nach dem Studium will er noch mal nach Neuseeland und dort sein Weinwissen vertiefen, bevor er ebenfalls voll ins elterliche Weingut einsteigt. Sämtliche Arbeiten im Weingut liegen in Familienhand. „Und so soll’s auch bleiben, wir möchten nichts delegieren“, so Thomas Haag. Und mit 25 Hektar Rebfläche hat das Weingut eine Größe erreicht, die gut von der Familie bewältigt werden kann.

Fast ausschließlich Steillagen gehören zum Lagenportfolio von Schloss Lieser, was ein akribisches Arbeiten voraussetzt und einen hohen logistischen Aufwand bedeutet. Doch die Re­­sultate rechtfertigen jeden Aufwand, denn die Reben stehen in den besten Grand-Cru-Lagen der Mittelmosel. Neun VDP-klassifizierte Große Lagen gehören zum Weingut. Da wäre zum Beispiel die Lage Niederberg Helden, die direkt hinter dem Weingut liegt und sich über knapp 35 Hektar entlang der Mosel erstreckt. Dort profitiert das Weingut von wurzelechten Re­­ben, die bis zu 120 Jahre alt sind. Oder die Lage Brauneberger Juffer-Sonnenuhr. Die Filet­stücke hat sein Vater Wilhelm Haag nach und nach erworben und an seine Söhne weitergereicht. Überflüssig zu erwähnen, dass Thomas Haag vom berühmten Weingut Fritz Haag in Brauneberg stammt, welches sein Bruder heute führt. 
 

Thomas Haag ist ein Meister des Rieslings, seine Weine sind geschliffen wie Diamanten; Foto: Nico von Nordheim
Thomas Haag ist ein Meister des Rieslings, seine Weine sind geschliffen wie Diamanten; Foto: Nico von Nordheim

Weine werden darüber hinaus auch aus den Lagen Piesporter Goldtröpfchen, Kestener Paulinshofberg, Wehlener Sonnenuhr, Graacher Domprobst und Himmelreich, Brauneberger Juffer und dem Bernkasteler Doctor vini­fiziert. Eine der berühmtesten Lagen der Welt, die wir als Highlight des Tages gemeinsam besuchen und die auch unseren Titel ziert. Man wird ganz andächtig, wenn das Tor aufschwingt und man die historisch so besondere Lage betritt. Der Legende nach soll der Trierer Kurfürst Boemund II. im 14. Jahrhundert von einer schweren Krankheit genesen sein, nachdem er ein Glas Wein aus dieser Lage getrunken hatte. Seitdem trägt sie den Namen Doctor.

Die 3,25 Hektar große Rieslinglage thront über dem Ortskern von Bernkastel-Kues und gilt mit ihrem uralten wurzelechten Rebbestand als eine der teuersten Weinlagen der Welt. Unter den fünf Eigentümern befindet sich die Heilig-Geist-Stiftung in Bernkastel, die ihre beiden Parzellen alle neun Jahre per Auktion verpachtet. 2016 kamen Markus Molitor und Thomas Haag zum Zug und bewirtschaften seitdem ihre Parzellen akribisch. Knapp acht Euro pro Quadratmeter pro Jahr sind dafür an den Kirchenrat zu entrichten. Thomas Haag macht daraus ein herrliches GG, das ausschließlich in einer limitierten Terroir-Kiste mit fünf wei­teren Großen Gewächsen ab Weingut und als Versteigerungswein in Mag­numflaschen zu haben ist.

Als wir später im ehemaligen Kuhstall sitzen und Weine verkosten, kommen wir kurzweilig von einem Thema aufs andere. Und eines ist klar: Was für andere Weingüter ein volatiler und oft mühsamer Prozess ist, wird hier ebenbürtig und vertrauensvoll gehandhabt – der Generationswechsel. Man schätzt sich und agiert auf Augenhöhe. Und jeder bringt sich auf seine Art ins Weingut ein. Ute und Lara Haag machen Weinproben für Privatkunden und wer beim Weingut Schloss Lieser anruft, hat immer ein Familienmitglied am Telefon.

Gerade erst hat die Familie ein Online-Tasting durchgeführt, bei dem 120 Leute via Zoom mitgemacht haben. „140 Pakete wurden vorab bestellt“, erzählt Lara, die begeistert ist, wie viele junge Leute sich inzwischen für Wein interessieren. „Es wurden so viele tolle Fragen zu den Weinen gestellt“, schwärmt auch Ute Haag. Die Familie kann stolz sein auf viele gewachsene Partnerschaften mit Importeuren und auch Privatkunden. Inzwischen liegt der Exportanteil bei weit über 50 Prozent, aber auch das Privatkundengeschäft floriert. 


 

 

Next generation: Lara und Niklas Haag werden in die Fußstapfen ihres Vaters treten; Foto: Nico von Nordheim
Next generation: Lara und Niklas Haag werden in die Fußstapfen ihres Vaters treten; Foto: Nico von Nordheim

Das liegt natürlich an den Weinen, die sich – vom herrlichen Gutswein bis hin zur edel­süßen Spezialität – auf extrem hohem Niveau präsentieren. Die ganze Kollektion der Haag’- schen Weine ist aus einem Guss und doch ist jeder Wein individuell und spiegelt präzise seine Lage wider. Thomas Haag bringt jeden einzelnen seiner Weine unverfälscht auf die Flasche. Die Weinberge werden naturnah bewirtschaftet, die Trauben per Handlese in mehreren Durchgängen selektiert. Und im Keller werden alle Weine spontan vergoren und fast alle im Edelstahl ausgebaut. Ein großes Privileg ist, dass auch die Basisquali­täten aus Spitzenlagen stammen und schon der Gutswein an Ausdruckskraft kaum zu über­bieten ist. „Für uns sind Trinkfluss und Trinkfreude die wichtigsten Attribute“, sagt der Ausnahmewinzer. Tochter Lara wirft ein: „Bei uns ist Kabinett der absolute Hammer!“ Und ihr Vater ergänzt: „Ja, der Kabi hat einen wunderbaren Fluss, dabei kannst du herrlich entspannen!“ Wir sind inzwischen so entspannt, dass wir unseren Aufenthalt am liebsten noch ­verlängern würden, aber eines ist gewiss: Wir kommen wieder.

Ausgabe 06/2021

Württemberg in Bewegung: Moritz Haidle im Portrait // Meiningers Deutscher Sektpreis 2021 // Gigondas-Highlights
MEININGERS WEINWELT Ausgabe 6/21

Themen der Ausgabe

Tolle Knolle

Unsere Kartoffel-Lauch-Suppe kommt nicht nur mit wenigen Zutaten aus, sondern ist auch von weniger ambitionierten Köchen im Handumdrehen zubereitet. Sommelière Nina Mann präsentiert den dazu passenden Grauburgunder vom Kaiserstuhl. »Hier finden Sie Rezept & Weintipp

Kraftvolles aus Gigondas

Über 1200 Hektar Rebfläche gehören zu dem Cru Gigondas im südlichen Rhône-Tal. Die Weinberge sind größtenteils mit oft uralten Grenache-noir-Reben bestockt. In dieser Ausgabe lesen Sie über die spannendsten Winzer und Entwicklungen in der unterschätzten Region. »Hier finden Sie die Ergebnisse unserer Verkostung

Moderner Traditionalist

Früher sprühte Moritz Haidle Graffiti, hörte Hip-Hop und träumte davon, als Automobildesigner zu arbeiten. Heute leitet er eines der Vorzeigeweingüter in Württemberg. Sein Herz schlägt dabei ganz besonders für den Riesling.