Stefan Nink unterwegs im Eisbärengebiet

Travel Kolumne - Gruß aus der Welt
Ausgabe: 
01
2020
Dienstag, 3. Dezember 2019 - 14:00
Kolumne
Stefan Nink

Foto: Ralf Ziegler/AdLumina

Auf den ersten Blick sah unsere Lodge etwas provisorisch aus, eher wie eine große und hastig zusammengezimmerte Blockhütte, aber das war uns in diesem Moment völlig schnuppe: Wir waren viel zu aufgeregt nach unserem Flug. Mit dem Hubschrauber ins Hotel! Das ging nicht anders, liebe Greta, die Seal River Lodge liegt mitten im Nirgendwo, und in diesem Teil Kanadas gibt es keine Straßen. Es gibt übrigens auch nur eine Stadt, Churchill, ein ehemaliger Handelsposten der Hudsonʼs Bay Company. Zwischen uns und Churchill lagen nun 60 Kilometer. Und ziemlich viele Eisbären. Die wollten wir sehen. Die würden wir sehen, sagte der Manager der Lodge. Ganz bestimmt sogar.

Zur Begrüßung gab es Gulaschsuppe, Rotwein und die neuesten Episoden aus dem Lodge-Alltag: Weil die Hudson Bay auch Ende Oktober noch nicht zugefroren war und die Bären noch nicht zur Robbenjagd hinaus aufs Eis konnten, lungerten sie in der Nähe des Hotels herum. Eisbären riechen eine Robbe auf 20 Kilometer Entfernung – da kann man sich vorstellen, welche Anziehungskraft eine Holzkonstruktion auf sie ausübt, in der Gulaschsuppe zubereitet wird. Und man kann sich auch vorstellen, wie schnell so eine Suppe verschüttet ist, wenn ein Eisbär beschließt, seinen Kopf durch ein halb geöffnetes Küchenfenster zu stecken. Nachts bloß die Fenster geschlossen lassen, mahnte der Lodge-Manager. Und keine Angst haben: Die Huskys draußen im Schnee würden sich schon melden, wenn sich ein Bär nähere.

Natürlich hat nachts niemand ein Auge zugetan und natürlich gab es keinen Eisbären-Alarm. Stattdessen weckte uns der Lodge-Manager irgendwann nach Mitternacht, weil draußen der Himmel in Flammen stand. Polarlichter in einer kalten kanadischen Winternacht sind ein Anblick, den man nie wieder vergisst. Als schütte jemand immer wieder neue Farbe über der Nacht aus, so sah das aus, der Himmel wurde grün und gelb und rot und wieder grün, die Nacht leuchtete in allen Regenbogenfarben. Es war, als würde man der Schöpfung bei einer heimlichen Zugabe zuschauen, lange nach dem eigentlichen Vorstellungsende, wenn der Vorhang längst gefallen ist.

Als die Kälte von unten hinauf in die Beine kroch, gingen wir zurück zur Lodge. Unsere Taschenlampen frästen kleine Lichtkorridore in die Dunkelheit, aber die Spuren im Schnee hätten wir auch ohne ihre Hilfe entdeckt – Bärentatzen sind ziemlich groß. Die Spuren kamen von links aus der Nacht, eine geradeaus führende, zielstrebige Linie; wenn man nach rechts schaute, sah man sie in der Dunkelheit verschwinden. Bloß im Schnee an der Wand der Lodge gab es ein ziemliches Getrampel. Wir sahen uns an. Wir sagten nichts. Beim Hineingehen schimmerte etwas Helles im Lichtstrahl der Lampe am Türrahmen. Es ließ sich leicht vom Holz lösen. Ich habe das Büschel Eisbärhaare immer noch. Sie sind nicht weiß, sondern beinahe durchsichtig. Manchmal, wenn ich sie in die Hand nehme und im richtigen Winkel gegen das Licht halte, leuchten sie in allen Regenbogenfarben. Wie der Himmel über Manitoba, in einer kalten kanadischen Nacht.

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