Stefan Nink über den Selfie-Wahn

Travel Kolumne - Gruß aus der Welt
Ausgabe: 
06
2018
Freitag, 8. Februar 2019 - 9:15
Kolumne
Stefan Nink

Foto: Ralf Ziegler/AdLuminaDass ich neulich in Schottland war, wissen Sie ja. Was? Nicht mitbekommen? Haben Ihnen die Nachbarn keines der tollen Videos gezeigt, die ihre Claudia mit dem Handy gedreht hat? Und Thorsten – hat der die Filme aus seiner Motorradhelmkamera echt noch nicht im Büro vorgeführt? Bei Facebook bin ich Ihnen aber doch bestimmt irgendwo untergekommen! Und garantiert doch auch auf Instagram, da sieht man mich auf gefühlt jeder zweiten Aufnahme, wenn man #scotland, #beautiful und #sunset eingibt. Nach zwei Wochen in den Highlands dürfte ich online etwa 554 Mal zu sehen sein. Mindestens.

Früher, also so bis vor zehn Jahren: Da fotografierte man im Urlaub die Dinge, an die man sich später gerne erinnern wollte. Den Blick aus dem Hotelzimmer, die Aussicht vom Gipfelkreuz oder von mir aus auch Onkel Werner und Tante Ilse, wie sie am Gardasee beim Weintrinken Händchen hielten. Heute ist das anders, heute fotografieren die meisten Leute zuerst einmal sich selbst. Ich! Ich! Ich! Ich im Edinburgh Castle, ich mit dem Dudelsackspieler, ich am Loch Ness. Raus aus dem Auto, rüber zum Aussichtspunkt, Hand in die Haare, strahlen, zwei Aufnahmen und weiter. Und weil alles ratzfatz gehen muss, weil man ja noch andere Selfies an anderen Orten machen will – kann schon sein, dass der Typ da eben mit auf dem Foto ist.

Auf den Gedanken, dass einen das stören könnte, scheint niemand zu kommen. Kurz fragen, ob das ok ist? Recht am eigenen Bild? War da was? Und dass die Gesichtserkennungs-Algorithmen in drei oder vier Wochen so weit sein werden, dass sie jeden Stefan Nink im Hintergrund eines Fotos mit dem Schriftzug „Stefan Nink“ versehen – „ey, Alter, voll krass, aber stört Dich doch nicht, oder?“

Doch, stört mich. Stört mich ziemlich. Stört mich so, dass ich irgendwann in Schottland beschlossen habe, Widerstand zu leisten. Sobald jemand mit einem Selfie-Stick in meine Richtung wedelte, hielt ich mir eine Hand vors Gesicht. Am Ardvreck Castle hab’ ich Steinchen nach einer Videodrohne geschmissen, die fünf Meter über meinem Kopf schwebte. Und auf der Isle of Skye saß ich abends auf einer Klippe, als ein zwanzigjähriger Vollbartträger sich zwei Meter neben mich postierte. Er sagte nicht Hallo oder sonst etwas, er holte sein Smartphone aus der Hose und begann, ein 360-Grad-Video zu drehen, wobei er eine Art Live-Kommentar sprach. „Und hier sehen wir, dass kaum Leute in Schottland
unterwegs sind,“ faselte er und schwenkte sein Handy in meine Richtung, „und das bei der supergeilen Optik! LOL!“. Ich stand auf und ging auf ihn zu: „Und hier sehen sie einen, der nicht in Ihrem beschissenen kleinen Video auftauchen möchte.“ Er sah mich an, als sei ich ein schottisches Burggespenst. Dann drehte er sich um und lief zügig zurück zu seinem Auto. Es sah wie Flucht aus, aber wahrscheinlich wollte er bloß schnell zum nächsten Drehort. Ich verbuchte das trotzdem als Sieg.

Zu Hause hab’ ich mir dann meine Fotos angeschaut: Burgruinen, Möwen, alte Leuchttürme, alles ganz klassisch, melancholisch, menschenleer. So ein Video mit mir an einer Steilklippe wäre schon schön.

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