Ab-, Auf-, Seitwärts?

Schon seit längerem lässt sich die Entwicklung des Weinmarktes nicht mehr hundertprozentig nachvollziehen. Daran ist zumindest zum Teil die Corona-Pandemie schuld. In der Pandemie hat sich das Einkaufsverhalten der Bundesbürger deutlicher als zuvor verändert, und das macht es mangels geeigneter, oder besser gesagt, richtig angewandter Marktforschungsinstrumente schwer, den Markt plausibel zu beurteilen. Im Raum steht die behauptete Premiumisierung des Marktes und die Veränderung des Anspruchsniveaus der Konsumenten, was Wein betrifft.

In der Tat dürften sich die Weinkonsumenten und vor allem jene 20 Prozent, die bekanntlich für 80 Prozent des Konsums stehen, weiterentwickelt haben und sind inzwischen zu Multi-Channel-Käufern mutiert, um in der Sprache der Virologen und Genforscher zu bleiben. Sie bedienen sich im stationären Weinfach- und Lebensmittelhandel genauso unverkrampft wie im Online-Handel oder in den Vinotheken und den massiv aufgerüsteten Online-Shops der Winzer und Weingüter, die den Direktvertrieb darüber forciert haben.

Für die Marktforschung sind diese Konsumenten auf Basis von Scannerdaten im Lebensmittelhandel oder den vulnerablen Erfassungen der Haushaltspanels mit anarchischen Erfassungsmethoden kaum zu greifen. Über Prozentsätze und Hochrechnungen lässt sich trefflich streiten. Ob sie der Realität entsprechen, darf man getrost bezweifeln.

Hermann Pilz, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT
Hermann Pilz, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT

Wirklich plausible Daten über die wenigstens volumenmäßige Weinmarktentwicklung liefert derzeit nur die Weinmarktbilanz auf Basis der Bestands-, Ernte- sowie der Ex- und Importzahlen, die an das Statistische Bundesamt gemeldet werden. Anfang 2022 wird man also Genaueres wissen, wie sich der Markt tatsächlich entwickelt hat. Die Weinbestände liegen zum Stichtag 2021 (31.07.) in jedem Fall schon mal 60 Mill. Liter unter dem Vorjahr. Offenbar wurde von den Beständen gezehrt.

Ein paar verfügbare Zahlen liefern dennoch Hinweise wie es gelaufen sein könnte. Eine Größe ist die zur QbA-Prüfung angestellte Flaschenweinmenge. Mit 4,43 Mill. Hektolitern im Zeitraum von Januar bis Oktober 2021 liegt das Volumen in Rheinland-Pfalz als wichtigstem weinbautreibendem Bundesland mit 1,2 Prozent im Plus. Vor allem die Weingüter füllen und verkaufen mehr, die Kellereien dümpeln auf Vorjahresniveau. Weitere Kenngröße sind die Importzahlen, die sich von Monat zu Monat erholen und auf vorläufiger Basis wieder über 14 Mill. Hektoliter liegen, was dann den endgültigen Gesamtimport 2021 auf über 15 Mill. Hektoliter hieven könnte.

Deutlich rückläufige Zahlen melden dagegen die Marktforscher von IRI für den Absatz im Lebensmittelhandel bis Ende Oktober 2021 mit einem Minus von 5,7 Prozent. Hauptverantwortlich für den Rückgang ist der förmliche Absatzeinbruch im Discounthandel, vor allem bei den preis- und werbeaggressiven Hard-Discountern, die im zweistelligen Umfang Absatzrückgänge am Weinregal verzeichnen müssen. Betrachtet man das desaströse Ergebnis unserer Discountverkostung, dann wird die Kaufzurückhaltung der Verbraucher mehr als verständlich.

Im Gegenzug gewinnen die Vollsortimenter. Vor allem Edeka und Markant legen zu, im Umsatz stärker als im Absatz. Daraus folgt eine deutliche Verschiebung hin zum behaupteten höherpreisigen Weineinkauf, von dem auch die Markenweine im Handel profitieren.

Eine Folge der Entwicklung ist ein steigender Durchschnittspreis für Wein. Was dann die vermutete Premiumisierung untermauern würde, zumindest auf den ersten Blick. 

Das nächste Jahr wird man also sehr gut aufpassen müssen, dass man, was die Entwicklung der Weinpreise betrifft, nicht Birnen mit Äpfeln vergleicht. Ein Teil der Preiserhöhung wird sich durch die Nachfrageverschiebung hin zu besseren Weinen erklären, ein anderer durch höhere Preise aufgrund gestiegener Fassweinpreise und höherer Material-, Arbeits- und Produktionskosten. Eines dürfte sicher sein: Wein wird in jedem Fall teurer.

Ausgabe 2/2022

WEINWIRTSCHAFT 02/2022

Themen der Ausgabe

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