GG – Gut gedacht

Selten dürfte das fälschlich Otto von Bismarck zugeschriebene Bonmot über die Entstehungsgeschichte von Gesetzen besser gepasst haben, als im Fall der am 7. Mai 2021 im Bundesgesetzblatt veröffentlichten und tags darauf in Kraft getretenen Vierundzwanzigsten Verordnung zur Änderung der Weinverordnung: »Gesetze sind wie Würste, man sollte besser nicht dabei sein, wenn sie gemacht werden«, legte man dem großen Ahnherr deutscher Kanzler in den Mund. Wohl wahr. Selbst der Verordnungsgeber muss sich eingestehen, dass schon bald weitere Änderungen notwendig sein werden und die Verordnung nur ein Zwischenschritt auf dem Weg der Weiterentwicklung des deutschen Weinrechts darstellt.  

Mal ganz abgesehen von einigen handwerklichen Fehlern, die schnellstens korrigiert werden müssen, überraschte viele die Aufnahme von »Erstes und Großes Gewächs« in die Verordnung, die auf Antrag des Landes Hessen im Bundesrat in quasi letzter Minute eingeflickt wurden, um dem »wachsenden Wildwuchs« in diesem Bereich Herr zu werden, wie mancher hinter vorgehaltener Hand die vom Rheingauer Weinbauverband losgetretene Initiative kommentierte. Das Ganze erinnert jedoch eher an schicksalshafte Wendungen in tragischen Opern, als dass ein wirklicher Könner Regie geführt hätte. 

Wer offen und ehrlich genug ist, muss sich eingestehen, dass der Verband deutscher Prädikatsweingüter (VDP) für den deutschen Wein mit den Großen Gewächsen Herausragendes geschaffen hat, das jetzt auf der Kippe steht. Man kann landauf landab die einschlägigen Händlerangebote sichten und darf sich verwundert die Augen reiben, in welche preislichen Höhen sich deutsche Weine inzwischen emporschwingen. 300 Euro pro Liter für einen trockenen, deutschen Riesling aus dem Jahrgang 2017, wann gab es das schon mal? Dazu wächst die internationale Anerkennung. In den USA und in anderen solventen Märkten beginnen die Weine Fuß zu fassen. 

Hermann Pilz, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT
Hermann Pilz, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT

Man kann zu den Großen Gewächsen stehen, wie man will, und darf die kommerzielle Bedeutung nicht überschätzen, aber deutsche Top-Weine, die auf Augenhöhe mit französischen, italienischen und internationalen Spitzenweinen am Markt um Kunden buhlen, wer hätte vor Jahren gedacht, dass das mal möglich wird? Tragisch ist die Geschichte, da es dem VDP vor Jahren nicht gelungen ist, die Marken »Erstes Gewächs« und »Großes Gewächs« zu schützen. Nur mit dem eher sperrigen Zusatz »VDP« genießen die Begriffe Schutz. Folglich nutzen schon heute etliche Betriebe außerhalb des Verbands die Bezeichnungen »GG« oder »Großes Gewächs«. 

»Nicht wirklich ein Problem, solange die Betriebe darunter auch wirklich Weine aus hochwertigen Einzellagen vermarkten«, meint VDP-Präsident Steffen Christmann. Doch was, wenn sich demnächst größere Erzeugergemeinschaften oder ein paar Fassweinwinzer mit einem findigen Kommissionär und Vermarkter kurzschließen und plötzlich 50.000 Flaschen GG-Wein für 8,99 Euro beim Discounter verhökert werden? Man muss nur an die Eisweinaktionen im Discount denken, um sich im Horrorfilm wiederzufinden. 

Faktisch kann derzeit jeder ein Großes Gewächs auf den Markt bringen und erst ab Jahrgang 2024 greifen laut jüngster Weinverordnung restriktivere Vorgaben, die selbst dann nur auf dem Niveau der erfolglos gebliebenen »Selection« dümpeln. Das kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein, weshalb der VDP dringend strengere Regeln fordert, die im Endeffekt in eine Art Lagenklassifikation oder Lagenbonitierung münden müssten, denkt man die Geschichte konsequent zu Ende. »Das Kind hängt über‘m Brunnen, ist aber noch nicht reingefallen«, skizziert der VDP-Präsident die derzeit missliche Lage, die allerdings noch eine ganz andere Seite hat: Der Klimawandel lässt mangels Wassernachschub ehemalige Spitzen- immer öfter zu Kümmerlagen werden. Wohl dem, der Beregnung hat, doch das dürften die Wenigsten sein.