Der Sonne entgegen

Juhu, die Gastronomie darf wieder öffnen und zwar außen wie innen. Wer hätte vor Monaten gedacht, dass die Erholung nach fast nicht endender Frühjahrstristesse doch irgendwie schneller kam. Zuversicht macht sich breit: Die Impferei erlebt Fortschritte. Schließlich ist schon ein Viertel der Deutschen vollständig geimpft, und für rund die Hälfte der Bevölkerung hat’s zumindest mal für eine Injektion gereicht. Die Inzidenzwerte gehen nach unten und immer mehr Kommunen und Landkreise melden »coronafrei«. Das beflügelt natürlich geschäftliche Aktivitäten. Vor allem der Dienstleistungssektor erlebt einen Aufschwung. Vom Musiklehrer bis zum Kosmetiksalon atmen ganze Branchen auf und wollen so schnell wie möglich zur Normalität zurückkehren. Die Kunden harren der Dinge und dürsten mal wieder in ein Restaurant gehen zu dürfen, in Urlaub zu fahren oder andere Annehmlichkeiten zu genießen.
 

Hermann Pilz, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT
Hermann Pilz, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT

Fast schon überrascht von der Anfang Juni wie aus heiterem Himmel erfolgten Öffnung der Innengastronomie kehren jetzt auch viele Wirte an ihre Plätze hinter den Tresen zurück. Beim Öffnen des Zapfhahns entweicht aber meist nur ein laues Lüftchen statt eines kräftigen Zischens und beim Blick in die Keller stehen die Gastronomen nur allzu oft vor leeren Weinregalen. Die Vorräte sind weg, und jetzt muss erst mal geordert und aufgefüllt werden. 

Die frohe Botschaft wird von Winzern, Weingütern und Weinhändlern natürlich mit Begeisterung aufgenommen. Es herrscht förmlich Aufbruchstimmung, wozu auch die jüngste Prognose über einen bevorstehenden kräftigen Aufschwung der deutschen Wirtschaft beiträgt, den die Bundesbank dieser Tage publizierte. Schon 2021 soll das Wirtschaftswachstum, nach einem Corona-bedingt scharfen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes im vergangenen Jahr um 4,8 Prozent, wieder um 3,7 Prozent zulegen. 2022 traut dann die deutsche Notenbank der Wirtschaft einen fast schon kometenhaften Aufstieg zu und rechnet mit einem Zuwachs von über 5 Prozent.

Also alles bestens und eitel Freude Sonnenschein? Vor allem heißt es realistisch bleiben: Nach einem vorhergehenden Rückgang macht sich ein Zuwachs immer gut. Allerdings steht man dann erst mal dort, wo man schon gewesen ist. Dazu sind die Lieferketten inzwischen fragil wie noch nie. So wie zu Beginn der Pandemie Klopapier und Taschentücher knapp waren, sind es auf einmal Baumaterialien, Rohwaren oder Logistikleistungen. Auf manchen internationalen Märkten lassen sich höhere Preise erzielen als auf dem preisaggressiven deutschen Markt. Nur allzu logisch, dass die Waren dorthin fließen. Im einen wie im anderen Fall wird man sich jedoch erst einmal um die Solvenz der Geschäftspartner kümmern müssen. Wer jetzt monatelang von staatlicher Stütze gelebt hat und sich Zahlungen, Miete und Abgaben stunden ließ, der wird unter Umständen ein prächtiges Rollieren von Einnahmen und Ausgaben inszenieren, das am Ende nicht aufgeht. Viele Insolvenzen sind nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. 

Die eigentliche Katastrophe lauert jedoch woanders. Über die ganze Corona-Zeit wurden Reformen hinten angestellt. Schlimmer noch, der Staatsanteil ist weiter kräftig gewachsen. Immer neue Leistungen, Versprechungen und Segnungen werden ausgeheckt und in Gesetze und Verordnungen gepackt, obwohl schon heute klar ist, dass sie nicht ohne immensen Aufwand kontrollierbar, geschweige denn finanzierbar sein werden. Die Diskussion um die Rente und der Aufschrei der Sachverständigen wurde abgebügelt, und schon ist das Thema verschwunden. Das Problem bleibt. Aber dafür rettet Deutschland die Welt, außer zu Ferienzeiten, wenn die Deutschen sich als Reiseweltmeister allen grünen Zukunftsträumen zum Trotz als reisefreudige Touristen erweisen. 

Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja demnächst Urlaub mit Ökosiegel auf Berechtigungsschein. Das wäre doch mal ein neues Gesetz wert.

Ausgabe 15/2021

WEINWIRTSCHAFT 15/2021

Themen der Ausgabe

Prosecco DOCG

Nur wenige kennen die Unterschiede zwischen Prosecco DOC und DOCG. Der Preis ist nur ein Kriterium.

Ahr

Ein Blick auf die Aufräumarbeiten in den Weingütern nach der verheerenden Flut

Französische Genossenschaften

Die Sieger unserer Verkostung stehen fest. Vor allem bei Rotweinen punktet Frankreich durch seine Vielfalt