Warnsignale überhört

Irgendwie scheint alles mit allem zusammen zu hängen. Schnell kann man sich im Dickicht der täglichen Nachrichten verlieren. Ein Phänomen, das auch die Schlagzeilen über die immensen Schäden begleitet, die durch die Spätfröste verursacht wurden. Mehrere Hunderttausend Hektar Wein- und Obstbau seien dem Frost zum Opfer gefallen.

»Der Frost zerstört Frankreichs Wein«, titelte daraufhin eine namhafte deutsche Tageszeitung und berichtete über die Schäden, die der Witterungsverlauf dieses Frühjahr in Frankreich sowie in Teilen von Norditalien und Spanien den Winzern bescherte, was sich am Ende in der Preisentwicklung bemerkbar machen müsse und höhere Preise für die Konsumenten bedeuten könnte. 

Aber nicht nur der Weinbau ist betroffen. Die Schäden und Einnahmeausfälle der Landwirtschaft werden in Frankreich auf mehr als 4 Mrd. Euro geschätzt. Der französische Premierminister Jean Castex kündigte ein Hilfspaket von einer Milliarde Euro an, das über Stundung und Streichung von Sozialabgaben und Steuern sowie den Ausgleich von Einnahmeausfällen den Landwirten über die Runden helfen soll.

Wenn die Gelder so zügig ankommen wie die Hilfsleistungen im Zuge der Corona-Pandemie, dann darf man gespannt sein, wer das überlebt. Und das im wörtlichen Sinn, angesichts der bitteren Tatsache, dass sich in Frankreich alle zwei Tage ein Landwirt das Leben nimmt, wie die französischen Gesundheitsbehörden in einer breit angelegten Studie ermittelten. Auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern liegt die Selbstmordrate unter Landwirten seit Jahren über dem Durchschnitt der übrigen Bevölkerung.

Hermann Pilz, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT
Hermann Pilz, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT

Die schlechte wirtschaftliche Situation vieler Betriebe, Schulden und das in der Bevölkerung miese Image als Umweltvergifter, das bis zum Mobbing von Bauernkindern in der Schule reicht, wurden als Hauptursachen ausgemacht.

Die Symptome sind richtig erkannt. Der Klimawandel und die verzögerte Anpassung der Landwirtschaft an die veränderten Bedingungen verschärfen die Situation zusätzlich. So verhindert beispielsweise die Fixierung auf den Anbau von wenigen Sorten der Art Vitis Vinifera und die Ächtung neuer Züchtungen und Rebkreuzungen, Gefahren wie den Spätfrösten zu begegnen. Die werden jedoch bleiben, da sich die Durchschnittstemperatur in unseren Breiten seit Beginn der Industrialisierung bis heute um 1,2 Grad Celsius erhöht hat. Das ist für die Natur mächtig viel.

Die Gefahr hoher Temperaturen im Februar und März, einem frühen Austrieb und einem anschließenden Rückschlag aufgrund einströmender Polarluft wird weiter zunehmen. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist alles zu unternehmen, um eine weitere Erderwärmung zu verhindern. Zugleich ist aber auch eine Anpassung der Landwirtschaft gefordert. 

Die Landwirtschaft genauso wie der Weinbau sind jedoch in vielerlei Hinsicht in einem selbst gestrickten Kokon gefangen. Man hängt am Tropf des Staates, wirtschaftlich tragen sich viele Betriebe nicht, aber man arbeitet weiter, wurstelt sich durch und versucht Preise und Märkte zu fixieren und verliert damit Chancen auf Ertrag und Gewinn. Mehr noch, man spielt einer ruinösen Globalisierung in die Karten und schädigt beispielsweise durch zu niedrige Weinpreise den Handel.

Denn das eigentliche Problem liegt ganz woanders und das wird eben viel zu oft verkannt: In ganz vielen Bereichen wurde die heilsame Wirkung der Marktwirtschaft außer Kraft gesetzt. Das freie Spiel von Angebot und Nachfrage sorgt für eine effiziente Nutzung knapper Ressourcen. Auch für die Umwelt, für die Nutzung von Luft, Wasser, Boden, Transportwegen, menschlicher Arbeitskraft bis hin zu den Mitteln, die die Landwirtschaft beansprucht.

Globaler Handel und eine arbeitsteilige Welt sind sinnvoll, aber nur wenn sie zu realen Preisen und freien und gleichen Bedingungen stattfinden. Mir graut vor Ideologen und Funktionären, die das verneinen.