Gesundheitsexperten wollen Limo-Steuer

Dienstag, 27. Oktober 2020 - 12:45
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Alkoholfrei
Handel
Gesundheitsexperten fordern von der Bundesregierung unter anderem eine Steuer auf zuckergesüßte Erfrischungsgetränke. (Foto: Saramukitza/pixabay)

Anlässlich des dritten Deutschen Zuckerreduktionsgipfels, der in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie digital stattfindet, fordern Gesundheitsexperten gegenüber der Bundesregierung wirkungsvollere Maßnahmen, um den hohen Zuckerkonsum in Deutschland in den Griff zu bekommen. Darunter eine Limo-Steuer.

Der AOK-Bundesverband, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) und die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) seien sich darüber einig, dass der vom Ernährungsministerium bisher favorisierte Kurs freiwilliger Vereinbarungen mit Industrie und Handel nicht mehr ausreiche, um dem hohen Zuckerkonsum in Deutschland entgegenzuwirken. Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes: „Wenn wir die gesundheitlich bedenklich hohen Zuckerzusätze senken wollen, kommen wir mit Appellen nicht mehr weiter. Seit langem fordern wir schon ein Werbeverbot für ungesunde Kinderlebensmittel. Jetzt braucht es weitere verbindliche Instrumente. Eine Herstellerabgabe auf zuckergesüßte Erfrischungsgetränke würde das leisten.“ 

Auch Dr. Sigrid Peter, Vizepräsidentin des BVKJ, spricht sich für eine Herstellerabgabe aus und schlägt vor: „Die durch eine Steuer generierten Einnahmen könnten zweckgebunden beispielsweise in den Schulsport oder in eine gesunde Gemeinschaftsverpflegung in Kitas und Schulen investiert werden.“ Denn: Kinder und Jugendliche trinken Peters Aussage zufolge im Durchschnitt bis zu einem halben Liter zuckergesüßte Erfrischungsgetränke am Tag. Damit liege Deutschland im Europa-Vergleich auf dem dritten Platz.

Die freiwilligen Verpflichtungen der Lebensmittelindustrie seien laut DDG-Präsidentin Prof. Dr. med. Monika Kellerer unzureichend, um eine messbare und zielführende Zuckerreduktion zu erreichen. „Diese Befürchtung haben wir bereits zu Beginn des Prozesses vor zwei Jahren geäußert, leider wurden unsere Kritikpunkte seinerzeit nicht ernst genommen. Nun haben sie sich mehr als bestätigt“, betont Kellerer.

Limo-Steuer nach britischem Vorbild

Als Positiv-Beispiel für ein mögliches Steuermodell nennt die DDG-Präsidentin Großbritannien. Hier sei im Jahr 2018 eine Taxe auf Getränke mit einem Zuckergehalt ab fünf Gramm pro 100 Milliliter erhoben worden. Die Hersteller hätten ihre Rezepte daraufhin angepasst, sodass der durchschnittliche Zuckergehalt in Erfrischungsgetränken um etwa 34 Prozent auf 2,9 Gramm pro 100 Milliliter zurückgegangen sei.

In Deutschland sei der Zuckergehalt bei regulären Limonaden dagegen durchschnittlich nur um 0,16 Gramm von 9,08 Gramm Zucker pro 100 Milliliter auf lediglich 8,92 Gramm gesenkt worden. AOK-Vorstand Litsch kritisiert: „Wir sprechen hier in der Breite über Reduktionen im homöopathischen Bereich. Erforderlich ist eine Senkung um mehrere Gramm, nicht Milligramm.“ In Großbritannien sei dies mit der verpflichtenden Herstellerabgabe auf zu hohe Zuckerzusätze gelungen.

Gesetzliches Werbeverbot gefordert

AOK, BVKJ und DDG sprechen sich zudem für ein gesetzlich verankertes Werbeverbot für überzuckerte und hochkalorische Kinderlebensmittel aus. Litsch: „Es ist höchste Zeit, dass Eltern und Kinder nicht mehr auf die Werbelockrufe der Industrie für ungesunde Lebensmittel hereinfallen.“

Auch Oliver Huizinga, Leiter recherche und Kampagnen bei Foodwatch, begrüßt die Forderung nach einer Besteuerung von zuckerhaltigen Erfrischungsgetränken und appelliert an die Bundesregierung: „Fast jeder fünfte Todesfall in Deutschland kann auf ungesunde Ernährung zurückgeführt werden. Es ist höchste Zeit, dass Bundesernährungsministerin Julia Klöckner die Unternehmen mit gesetzlichen Maßnahmen in die Pflicht nimmt. Statt mit freiwilligen Vereinbarungen auf einen Sinneswandel der Branche zu hoffen, muss Frau Klöckner eine Limo-Steuer nach britischem Vorbild einführen, an Kinder gerichtete Werbung für unausgewogene Lebensmittel verbieten und sich auf europäischer Ebene für die verpflichtende Einführung des Nutri-Score einsetzen.“ // lg
 

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