Spanische Garnacha - Alter Adel, neue Pracht

Issue: 
06
2013
Sunday, 22. December 2013 - 13:45
Producer
Wine
Es gibt zahlreiche spanische Sorten, denen man das Zeug zum Trendsetter nachgesagt hat. Eine Sorte hat den sicheren Durchbruch geschafft: die späte Rehabilitierung der spanischen Garnacha.
 
Man denke nur an den Hype, der zunächst um die rote Mencía-Traube entstanden war, nur um nach wenigen Jahren mir nichts, dir nichts wieder abzukühlen. Nicht, dass die Sorte qualitativ unter den Erwartungen geblieben wäre, sie vermochte einfach nicht die Marktpenetration erreichen, die man sich versprochen hatte. Andere Entdeckungen, wie die immer noch unbekannten Trauben Juan García oder Prieto Picudo stehen zwar in den Startlöchern, werden aber noch eine Weile brauchen, um zum normalen Verbraucher wirklich durchzudringen. Einen echten roten Trendsetter kann das Land momentan dennoch vorweisen. Es ist zur Überraschung vieler die altbekannte Sorte Garnacha Tinta.
 
Auch wenn im vergangenen Jahrzehnt neue Garnacha-Weine in zahlreichen Anbaugebieten wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, hat die Traube in Spanien seltsamerweise stark an Anbaufläche verloren. Es musste anscheinend erst eine kräftige Zäsur stattfinden, bevor man sich wieder auf ihre Vorzüge besinnen mochte. Heute, daran besteht kein Zweifel, hat keine spanische Sorte in so kurzer Zeit so viele neue erstaunliche Weine hervorbringen können, wie die Garnacha Tinta, obwohl ihre Anbaufläche von 175 000 Hektar in den Neunzigern auf knappe 75 000 Hektar im Jahre 2012 zurückgegangen ist. 

Die Renaissance begann im Priorato

Ihren Anfang nahm die Renaissance dieser großen spanischen Sorte natürlich im Priorato, wo sie neben der heute immer stärker in den Vordergrund tretenden Cariñena schnell zum Star wurde. Bemerkenswert ist vor allem eines an der Erfolgsstory der Garnacha im Priorato: Sie setzte sich allen Unkenrufen zum Trotz am Ende gegen all die Fremdsorten durch, die in den ersten Jahren des Booms so hoch in der Gunst der Priorato-Pioniere standen. Denn gerade die Stars der sogenannten zweiten Generation der Priorato-Weinmacher wie Sara Pérez oder René Barbier jr. geben heute frank und frei zu, dass weder Cabernet Sauvignon noch die Merlot dort eigentlich hingehören. „Vom damaligen Standpunkt her war die Entscheidung für die internationalen Sorten korrekt und nachvollziehbar. Heute wissen wir es besser, und wir bezahlen das Lehrgeld für diesen Irrtum“, erklärt Sara Pérez. Die katalanische Weinmacherin steht zu dieser Erkenntnis und hat konsequenterweise einige ihrer größeren Rebgärten umbestockt, und zwar auf die rote Garnacha.

Optimal für viele spanische Terroirs

Hinter dem Garnacha-Trend von heute steht natürlich auch die Erkenntnis, dass es sich bei dieser Traube um eine hervorragend an die spanischen Verhältnisse angepasste Sorte handelt. Erstaunen ruft eher die Tatsache hervor, dass das Wissen einer ganzen Generation von Weinmachern um die Vorteile der Rebsorte sehr spärlich gewesen sein muss. Denn der große Spanienboom von 1980 bis 1995 fand gänzlich ohne die Garnacha Tinta statt, von einigen Rosados aus Navarra einmal abgesehen. Heutzutage sitzen die mannigfaltigen Bedrohungen des Klimawandels den Winzern und Oenologen im Nacken, was dazu geführt hat, dass man diese urspanische Sorte unter einem ganz anderen Licht betrachtet. Die Garnacha Tinta, so dämmerte es jetzt vielen Weinmachern, die sich heute als große Anhänger der wahrscheinlich aus Aragón stammenden Traube manifestieren, überlebte nicht umsonst sämtliche Trockenperioden und andere Widrigkeiten des vergangenen Jahrhunderts, ohne dabei große Einbußen bei Qualität und Menge zu erleiden. Sie ist genügsam, was ihre Ansprüche an die Wasserversorgung angeht, relativ resistent gegen Schädlinge und reift nicht spät, was ihr die Unbilden des in vielen Regionen unberechenbaren spanischen Herbstes erspart. Allein auf feuchtes Wetter reagiert sie allergisch, was nicht allzu gravierend ist. Denn in drei von vier Jahrgängen bereitet ihr dies aufgrund der überwiegend trockenen Witterung in den Anbaugebieten des Ostens und entlang des Ebro-Unterlaufes kaum Probleme. Apropos Ebro: Nicht ganz außer Acht lassen sollte man auch den Ebro-Anrainer Navarra. Großartige Garnacha-Weine entstammen beispielsweise der Domaine Lupier, die auf alte Pflanzungen im von der Garnacha dominierten Bereich Baja Montaña zugreifen kann und mit La Dama einen der attraktivsten Garnacha-Weine Iberiens keltert.

Garnacha-Grössen im Montsant

Obwohl die katalanische Appellation Montsant in normalen Jahren mehr Niederschläge erhält als der berühmte Nachbar Priorato, sind viele Rebberge in gut durchlüfteten Lagen auf armen Böden geradezu prädestiniert für die Produktion von Bio-Weinen. Der Geschäftsmann Joan Ignasi Domenech gründete vor 11 Jahren eine kleine Bodega im schwer zugänglichen Bergland über Capçanes und produziert mit Teixar einen der bemerkenswertesten Garnachas der jüngeren Generation. Seine Interpretation der urspanischen Rebe fällt kantiger aus, einige Tranchen der Teixar-Cuvee, die mit den Rappen vergoren werden, machen dies möglich. Die mitten in einem Naturschutzgebiet gelegene kleine Kellerei arbeitet klimaneutral und versorgt sich teilweise aus sehr alten Rebgärten. Ignasí befindet sich in hervorragender Gesellschaft, denn aus Capçanes entstammt ein weiterer Star der spanischen Garnacha-Szene, der vielgelobte und mittlerweise auch international gebührend gewürdigte Cabrida, aus der Genossenschaftskellerei des Dorfes. Einer der Schöpfer dieses Referenzweines ist der deutsche Oenologe Jürgen Wagner, der in unermüdlicher Arbeit nicht nur seinen eigenen Wein, sondern das gesamte Anbaugebiet Montsant im Ausland bekannt gemacht hat. Unweit von Capçanes liegt das noch kleinere Weiler Marça, welches dem katalanischen Weinmachertalent Albert Jané als Bühne dient. Jané hat sich über ein Jahrzehnt an die Garnacha herangetastet, keltert puristische Weine aus Garnacha/Cariñena-Blends unter seinen inzwischen recht bekannten Marken Bráo und Acústic und hat dann schließlich zu einem reinsortigen Garnacha-Superpremium angesetzt. Auditori hat alles, was man von einem ostspanischen Bergland-Garnacha erwartet. Ein außerordentlich intensives Bukett von Blumen und roten Beeren, viel Saft, ein Hauch Erde und ein genau angepasstes Maß an Stoff, der in keinem Moment ermüdend wirkt.

Comeback in Aragón

Das Priorato hatte also den Weg bereitet und dafür gesorgt, dass der verkannten alten Sorte wieder eine gehörige Dosis Aufmerksamkeit zuteil wurde. Den nächsten Schritt taten jedoch zwei aragonesische Appellationen, die völlig unter dem Radar der Weinjournaille wie auch des Fachpublikums verschwunden waren. Campo de Borja und Calatayud zählen jeweils nur einige tausend Hektar, die allerdings einen beträchtlichen Tteil an alten Garnacha-Pflanzungen aufweisen. In diesen bis vor 15 Jahren noch wenig wahrgenommenen Anbaugebieten lief die Neuorientierung in Richtung Garnacha jedoch völlig konträr zum geschehen im Priorato ab, wo einige Weinglücksritter im Rahmen ihrer neugegründeten Kleinbetriebe den Stein ins Rollen gebracht hatten. In Aragón hingegen fiel diese Rolle ausgerechnet den großen Makrokellereien zu, von denen einige davon noch als Genossenschaften im klassischen Sinne fungierten. die Landesbank der Region im dünnbesiedelten zentralen Norden des Landes hatte den Genossenschaften über finanzielle Hilfsprogramme Unterstützung gewährt, das Resultat waren neben der technischen Aufrüstung im Keller vor allem eine selektivere Außenwirtschaft.
 
Heute sind die DO’s fast ein Synonym für die Garnacha-
renaissance in Spanien geworden. Der Garnacha-Stil in den für die beiden Herkunftsgebiete typischen semiariden Terroirs entspricht den Erwartungen. die Weine sind kraftvoll, ja mächtig, mit ausladender Frucht und milder Säure, in ihrer Jugend zudem meist von einer ungestümen, floralen Art getragen. In Calatayud hat sich eine gute Handvoll an Erzeugern mit ihren Garnacha-Weinen hervorgetan. Man denke nur an Bodegas Ateca, Bodegas San Alejandro oder die Cooperativa Virgen de la Sierra. Die 3 000-Hektar-Appellation hat aber auch einige echte Boutique-Produzenten hervorgebracht, die wirklich Beeindruckendes in Sachen Garnacha zu bieten haben. Zum einen ist da der Schotte Norrel Robertson, der unter dem Erzeugernamen „El Escocés Volante“, der fliegende Schotte firmiert und mit El Puño Garnacha einen ganz eigenen, geschliffenen Garnacha-Stil keltert, zum anderen hat sich der Spanier Javier Lázaro mit seinem Pagos Altos de Acered-Projekt in die erste Reihe der großen Garnachas des Landes eingereiht. Er liest aus einem uralten Weinberg auf über 1 000 Metern Höhe die Trauben für seinen hochkonzentrierten und enorm vielschichtigen Garnacha der Marke Lajas. Und mit diesem Wein kann man in gewisser Weise wieder die Brücke zum Priorato schlagen. Lajas hat die Wucht und die Konzentration eines Aragonesen, aber auch die Mineralität und die Tiefe eines Prioratos.

Hoher Anteil an alten Reben

Im Gegensatz zu Calatayud macht das Anbaugebiet Campo de Borja einen nicht ganz so wüstenartigen eindruck, auch wenn der Anteil an semiariden Böden nicht gerade klein ausfällt. die immerhin über 6 000 Hektar große appellation erstreckt sich zwischen Moncayogebirge und dem Ebro-Tal und weist die Garnacha Tinta als rote Hauptsorte aus. Geerntet werden diese Hochlandtrauben, die besonders konzentrierte und ausdrucksstarke Weine ergeben, oft bis in den November hinein. Etwa 5 000 Hektar Garnacha-Reben werden von der D.O. geschützt, davon 4 000 Hektar anlagen, die älter als 35 Jahre sind. In Zusammenarbeit mit der Regionalregierung in Zaragoza führt die zuständige Weinbaubehörde der D.O. ein Selektionsprogramm der besten Garnacha-Klone durch, welche die Zukunft der Traube wie die des Anbaugebietes sichern soll. Schon heute wird das Gebiet als Imperium der Garnacha bezeichnet. Völlig zu recht mag man denken, angesichts der üppigen Auswahl an Produzenten mit ausnahme-garnachas im Portfolio.

Tonangebend ist der Kellereiriese Bodegas aragonesas, der trotz, oder vielleicht gerade wegen seiner Größe, eine erstaunliche Vielfalt an wirklich hochwertigen reinsortigen Gewächsen im Portfolio hat. Als Klassiker gilt der strukturierte Fagus, ein Pionier der ersten Stunde sozusagen. Hinzu kommen Oxia, Coto de Hayas Garnacha und der satte Coto de Hayas Garnacha Centenaria von wurzelechten Stöcken. Letzterer ist wohl was Preis/Leistung betrifft kaum zu überbieten. Der ewige Rivale ist Bodegas Borsao, der mit Tres Picos ebenfalls einen modernen Garnacha-Klassiker geschaffen hat, indes aber nicht an die Angebotsbreite von Aragonesas herankommt. Sehr zu empfehlen sind außerdem Bodegas Alto de Moncayo mit dem großartigen Aquilón Garnacha, der kleine Familienbetrieb Pagos del Moncayo sowie die bis vor kurzem noch wenig bekannte Genossenschaft Crianzas y Viñedos Santo Cristo mit einigen bemerkenswert günstigen Weinen von sehr guter Qualität aus alten Garnacha-Anlagen.

Die neuen Garnacha-Ikonen aus dem Zentralgebirge nordwestlich von Madrid

Man kann das Thema Garnacha Tinta nicht abschließen, ohne auf die Initiative der Abenteurer im spanischen Zentralgebirge eingegangen zu sein, die vor den staunenden Augen der Fachwelt aus dem Nichts heraus einen ganz neuen Typ von Garnacha-Weinen geschaffen haben. Der Frontmann dieser Bewegung ist der Nachwuchsstar Daniel Jiménez Landi, der in der unbekannten Appellation Méntrida im Norden von Toledo seinen unnachahmlich feinen Garnacha-Stil entwickelt hat. Jiménez Landi und der ebenfalls innovative Erzeuger Bodegas Canopy haben mit diesen völlig eigenständigen Gewächsen ein neues Kapitel für Weine aus Kastilien-La Mancha aufgeschlagen. Parallel dazu begannen in der DO Vinos de Madrid auch Marc Isart (Bernabeleva) und Fernando García (Bodega Marañones) in die gleiche Richtung zu arbeiten. Was zeichnet diese fast schon revolutionär anmutenden Garnacha-Tintos aus? Sie entstammen alten Pflanzungen im Hochland, die kleinbeerige und dünnhäutige Klone aufweisen, die sehr feinstrukturierte, geradezu zarte Rotweine hervorbringen, die von ihrem ganzen Erscheinungsbild eher als Spätburgunder durchgehen würden. In der Nase glänzen sie durch eine vielschichtige und subtile Duftigkeit im Bukett, am Gaumen beeindruckt dann die belebende Eleganz. Das Ganze eingerahmt durch eine perfekte Balance zwischen geschmeidiger Reife und schöner Säure. Wer mitreden will, wenn es um Garnacha Tinta geht, der muss diese Weine auf jeden Fall einmal verkostet haben.

Weisse Garnachas aus Terra Alta

Langsam aber sicher nimmt auch die Produktion von hochwertigen Gewächsen der Garnacha Blanca Fahrt auf. Unverständlicherweise werden diese Weine generell kaum wahrgenommen, obwohl einige Kellereien inzwischen von der Fachpresse großes Lob erhalten, und dabei nicht nur von der spanischen Seite. Zu den großen weißen Sorten des Landes hatte man die weiße Garnacha im Grunde nie gezählt, und erst im letzten Jahrzehnt hat sich herausgestellt, wie schlecht beraten die Weinmacher der Ostküste waren, sich nicht intensiver mit dieser Sorte zu beschäftigen. Keine 2 500 Hektar macht der spanische Bestand aus, der sich in erster Linie auf Katalonien konzentriert. Von jeher gilt aber vor allem eine Appellation als Mekka für diese Sorte. Die DO Terra Alta liegt im Westen der Provinz Tarragona im Grenzgebiet zu Aragón und lieferte traditionell Lesegut für große katalanische Kellereien in anderen Gebieten. Dennoch entwickelte sich eine kleine Gruppe von Spitzenerzeugern, die sich unter anderem auf die Fahne geschrieben haben, die besten weißen Garnachas der Welt zu keltern.

Einen maßgeblichen Anteil an der Renaissance dieser Sorte hat Joan Lliberia, der in seiner Kellerei Edetària ungefähr 70 000 Flaschen auf Garnacha Blanca-Basis bereitet. Der weiße Premium der Produktlinie trägt den Namen der Kellerei und weist neben der weißen Garnacha etwas Macabeo auf. Die Sorte bringt kraftvolle, üppige Weine mit einem schönen mineralischen Aspekt hervor und eignet sich hervorragend für den Ausbau im kleinen Eichenfass. Sie hat sich zum Erstaunen der katalanischen Weinmacher als eine Traube entpuppt, die nicht zur schnellen Oxidation neigt, eine Eigenschaft, mit der sich nur wenige südeuropäische Weißweinsorten brüsten können. Sicherlich kann man die hochwertigen Weine dieser Sorte nicht in die frische, knackige Aperitif-Ecke stecken. Dafür fallen sie zu kraftvoll auf. Aber bei Tisch zu gegrilltem Fisch beispielsweise sind die Weine mit ihrer Tiefe nicht zu toppen. Wer bislang glaubte, dichte Cremigkeit und lebendige Mineralität wären ein Widerspruch in sich, dem sei dringend zu einer Garnacha Blanca-Erfahrung geraten. 

Um die große Rolle der Sorte in der Appellation zu unterstreichen, hat sich inzwischen ein gutes Dutzend von Erzeugern dazu entschieden, ein von der Weinbaubehörde zugelassenen neues Rückenetikett zu benutzen, welches neben dem Logo der DO die Bezeichnung Garnacha Blanca 100X100 trägt.
 
David Schwarzwälder