Ausgabe 16/2018

Kredit verspielt
Titel WW16/18

Landwirtschaft und grüne Berufe genießen Wertschätzung in der Bevölkerung. Romantische Vorstellungen von heiler Welt beflügeln nicht erst seit TV-Formaten wie »Bauer sucht Frau« oder den Auftritten von »Weinköniginnen im Dirndl« die Fantasie. Aber die moderne Landwirtschaft hat viel Kredit verspielt. Man muss sich nicht wundern, dass in der Bevölkerung wenig Sympathien für staatliche Hilfen bestehen. In der Ablehnung kocht hoch, dass die Agrarindustrie eh schon hoch subventioniert ist, Verantwortung trägt für hohe Nitratgehalte im Wasser und Verursacher etlicher anderer Umweltsünden ist.
Landwirte sind verantwortlich für unhaltbare Zustände in Viehställen und aufgrund verengter Fruchtfolgen selbst Teil des Problems möglicher Ernteausfälle. Mais und Raps auf jedem zweiten Acker fördern nicht nur Wildunfälle sondern sind eine ökologisch-glyphosate Katastrophe per se. Wer den Unsinn nachwachsender Rohstoffe als Standbein der Landwirtschaft ersonnen hat, sollte noch heute die Gülle saufen, die aus einem Zuviel an Fleischproduktion hergestellt wird. Nur aufgrund hoch subventionierter Preise rechnen sich Biogasanlagen oder Solar- und Windparks, die fast immer an den falschen Stellen stehen. Was als Maßnahme zur dezentralen Energieversorgung für Haushalte ersonnen wurde, ist über Abgaben für »erneuerbare Energien« zur Umverteilung von arm zu reich geworden. Nicht nur auf bayerischen Ställen prangen Solarpanels, auch auf vielen Discounterdächern sorgen sie für sprudelnde Einnahmen.
Und der Weinbau? Als Sonderkultur spielt er nur regional eine Rolle. Wird aber ebenfalls kräftig subventioniert. In seiner Art als flächendeckende Monokultur ist er nicht gerade ein ökologisches Vorzeigeprojekt. Wer den Landwirten und Winzern allein die Schuld auflädt, ist auf dem Holzweg. Die Politik hat vielfach und wider besseres Wissen falsche Rahmenbedingungen gesetzt. Wer will dann dem Einzelnen verübeln, dass er zuerst an die eigene Existenz denkt?
Jetzt werden die Folgen des Klimawandels sichtbar, wie andere Phänomene, die das Land entvölkern und die Städte platzen lassen. Nicht nur in Deutschland oder Europa, weltweit. Statt Ursachen zu bekämpfen und endlich anzufangen, den Ressourcenverbrauch mit den tatsächlichen Kosten zu belasten, erfinden Politiker ständig neue Regelungen und drehen ein immer größeres Rad der Umverteilung. Korruption, Schwindel und Betrug grassieren wie die Pest, wo es Geld zu verteilen gibt.
Wie kann es sein, dass öffentlich-rechtliche Rundfunksender, die mit Abgaben am Leben erhalten werden, satte Werbegelder vereinnahmen und verlogene Slogans wie »Lidl lohnt sich« oder »Jeden Tag besonders – einfach Aldi« zu jeder Stunde in den Äther plärren? Fragt sich, für wen lohnt sich dort der Einkauf »wochenendlich« oder am »Framstag«? In aller Unverfrorenheit werden im gleichen Atemzug Rabatte auf Produkte offeriert, die nur aufgrund von Raubbau in aller Welt erzeugt werden können. »15 Cent für 100 Gramm Hähnchenschenkel« warb ein Edeka-Händler aus dem Ruhrgebiet, der angeblich Lebensmittel liebt. Sind sich diese Menschen bewusst, was sie vernichten? Der Rest der Produktion landet in Afrika und zerstört dort die lokale Produktion. Dafür heißt es bei Lidl, »wer schreit heute die billigsten Preise raus?« Bildungsferne Schichten werden zum Mittelpunkt der Gesellschaft. Wäre es wirklich schlimm, bescheidener, dafür intelligenter und wirklich auf Basis regionaler Erzeugung zu leben? Was bleibt badischen Winzern für ihre Weine, die bei Aldi als Weißherbst zu 1,99, Müller-Thurgau für 2,49 oder Spätburgunder für 2,79 Euro pro Liter- oder Dreiviertelliterpulle an die ignoranten Kunden verkloppt werden? Das haben die Funktionäre prima hinbekommen. Die nachfolgenden Generationen können einem leidtun. Ab 2050 wird es ungemütlich auf der Erde. Ressourcenverbrauch, Überbevölkerung, Migration und Verschmutzung werden sich in Rekorden überbieten.

Hermann Pilz
Chefredakteur Weinwirtschaft
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