Ausgabe 12/2018

Eine Reise wert
Titel WW12/18

Das Weinland Österreich hat was zu bieten. Alle zwei Jahre versammeln sich die wichtigsten Weinerzeuger in der Wiener Hofburg zur Weinmesse VieVinum. In diesem Jahr bereits zum 20. Mal. Man muss dem Geschäftsführer der Weinmarketing Österreich, Willi Klinger, Recht geben: Im Vergleich zu den imposanten Palästen der einstigen K&K-Monarchie sieht jedes andere Messegelände arm aus. Die Messe als Tischpräsentation hat unverändert ihren Charme, fördert auf unprätentiöse Weise den direkten Kontakt zwischen Erzeugern und Besuchern und hält die Kosten für die Weinaussteller in Grenzen. Hohe Eintrittspreise für Weinliebhaber sorgen für ein alles in allem erträgliches Gedränge und der Anstand der Österreicher verhindert ein bacchantisches Gelage wie in Verona. Der Steinhaufen und der guten Atmosphäre wegen, auch wenn sie noch so anziehend und historienbeladen sind, kommt jedoch kein Weinhändler und Weinliebhaber nach Wien. Es geht schließlich um Wein und für die Profis unter den Besuchern um Angebot, Qualität und Preise. Die kann sich sehen lassen. Nach dem Urknall des österreichischen Weinbaus 1985 hat sich das Land berappelt und auf Basis von Grüner Veltliner, Blaufränkisch, Zweigelt und Co gezeigt, welches Potenzial in den heimischen Rebsorten und Weinbergen steckt. Auf der Weinmesse VieVinum kann der Besucher ein repräsentatives Angebot verkosten. Dazu bietet das inzwischen weit entwickelte Rechtssystem aus den drei generischen Qualitätsweingebieten Niederösterreich, Burgenland und Steiermark und den demnächst 18 DAC-Regionen aus den 16 spezifischen Weinbaugebieten Orientierung. 

Auch wenn für die Weinerzeuger in der Vermarktung die Rebsorte und der Erzeugername als individuelle Marken im Vordergrund steht, liefert das dem romanischen Weinrecht angeglichene System zum einen eine gute Orientierung und zum anderen den Bezug der charakteristischen Weine zu ihrer regionalen Herkunft. In der Spitze bietet die Lage, in Österreich Ried genannt, den lokalen Bezug und die Ausweisung von Gebiets-, Orts- und Lagenweinen oder Kategorien wie Klassik und Reserve eine gewissse Klassifizierung. In Kürze dürfte die Vollendung des neuen Rechtsrahmens folgen, womit Österreich dem deutschen Weinbau um Lichtjahre voraus ist, wie am 4. Juni auf dem Neustadter Weinrechtstag mehr als deutlich wurde. Vermutlich brauchen solche Entwicklungen eben Generationen. Wer den österreichischen Nachbarn über die Schulter schaut, entdeckt jedoch noch zwei weitere Phänomene abseits der großen Experimentierfreudigkeit rund um Natural-, Orange- oder ungeschwefelte Weine, die immer besser gelingen und alterhergebrachtes Denken ad absurdum führen. Österreichischer Wein ist in der Regel trocken ausgebaut und zudem beeindruckend haltbar. Das hat seine Gründe. Punkt eins: In Österreich ist Wein Essensbegleiter und da passen in erster Linie trockene Weine. Die Säure ist nicht das Problem. Punkt zwei der österreichischen Identität ist die Haltbarkeit der Weine, die richtig Freude macht. Zehn, fünfzehn Jahre alte trockene Weine präsentieren sich präsent und frisch und kein bisschen gealtert. Auch das kommt nicht von ungefähr. Die durchschnittlichen Hektarerträge liegen in Österreich rund bei der Hälfte der deutschen, auch in der Spitze. Trotzdem gelingt den Erzeugern eher karge, straffe Weine an, die mehr in sich ruhen als explosiv nach außen streben. Das hat seinen Preis, weshalb Österreich inzwischen weit von einem Billigweinland entfernt ist. Die große Kunst wird es sein, die entsprechenden Preise im In- wie im Ausland zu erzielen. 

Das wird über kurz oder lang den Strukturwandel beflügeln. Von den derzeit 15.000 Traubenproduzenten werden nicht alle überleben. Bleibt zu hoffen, dass die Politik die Bedingungen für Veräußerung und Vererben und die Inanspruchnahme natürlicher Ressourcen so stellt, dass der Familienbetrieb und nicht die Industrie das erfolgreiche Modell der Zukunft ist, da Trauben- und Weinerzeugung in einer Hand und der Wettbewerb konkurrierender Winzer noch immer die spannendsten Weine liefert.

Hermann Pilz
Chefredakteur Weinwirtschaft
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