Ausgabe 24/2017

Freitag, 1. Dezember 2017 - 13:30

Wein aus Trauben?

Titel WW24/17

Man kann Wein auch aus Trauben machen«, egal, ob man die Anekdote mit dem Winzer und seinen Söhnen am Totenbett oder dem sterbenden Kellermeister und seinem Azubi erzählt, wer sich über die Auswirkungen der Lebensmittelinformations-Verordnung (LMIV) Gedanken macht, wird unwillkürlich an den mit Ironie vorgetragenen Witz erinnert. Es könnte spannend werden, welche Folgen die Umsetzung der von der EU-Kommission fürs Frühjahr 2018 angemahnten Vorschläge zeitigen, die derzeit Gegenstand vieler Gespräche in der Weinbranche und auch des jüngst veranstalteten Geisenheimer Forums für Betriebsleiter waren. Vielleicht die wichtigste Aussage der Tagung, die sich um das Problem drehte, was in Zukunft bezüglich Nährwert, Zutaten und Behandlungsstoffen auf das Etikett geschrieben werden soll, fiel ganz nebenbei. Der Geisenheimer Oenologe Maximilian Freud bejahte die Frage, dass Wein auch ohne Zutaten hergestellt werden kann. So einfach, natürlich und selbstverständlich das für viele klingt, so dürfte es heute eher für einen kleineren Teil der erzeugten Weine zutreffen. Der Tragweite der Aussage waren sich nicht alle Anwesenden klar, andernfalls hätte es einen Aufschrei geben müssen. Denn sie hat das Zeug, die Weinbranche umzukrempeln. Mit der konsequenten Umsetzung der Richtlinie würde in der Etikettierung für jeden Konsumenten ersichtlich, woraus der in der adrett geschmückten Flasche befindliche Wein hergestellt wird. Wenn dann außer Trauben, Saccharose, RTK und Säuren weitere rund 40 Behandlungsstoffe neben den inzwischen obligaten Allergenen auf dem Etikett zu finden sind, bekommt die Aussage eines Weines, der »nur aus Trauben« bereitet wurde, ein ganz neues Gewicht. Mehr noch.
Die neue Unterscheidung würde die Weinproduktion in zwei vielleicht aber auch in mehrere gänzlich neue Segmente unterteilen, wie Monika Christmann, Präsidentin des  Internationalen Amtes für Rebe und Wein (OIV), aufzeigte: Wein mit Aromastoffen wäre wie bisher »aromatisierter Wein«, Wein plus Alkohol weiterhin »Likörwein«, aber aus Wein, dem Wasser oder Säure entzogen wurde, entstünde »konzentrierter oder entsäuerter Wein«. Das Gegenteil, Wein plus Säure, würde zu »gesäuertem Wein« und Wein aus Weinfraktionen »rekonstituierter Wein«. Abseits dieser Kategorien könnten sich, »puristische« Winzer mit der schlichten Aussage profilieren: »Wein aus Trauben«, der dann vielleicht mit Ausnahme des Sulfits auch keine Zusätze in der Etikettierung aufführen müsste. Ohne Zweifel würde dies für manchen Winzer eine attraktive »Außenseiterposition« eröffnen, wie die Diskussionsrunde zu Tage förderte, aber für manche Kellerei das Aus bedeuten. Wer meint, dass alles nicht so heiß gegessen wie gekocht wird, macht die Rechnung ohne den Wirt.
Die Befürworter der Kennzeichnung von Inhaltsstoffen, Nährwertangaben und Zutaten haben gewichtige Verbündete. Die OIV verhandelt derzeit mit der WHO um die Aufnahme alkoholischer Getränke in den Codex Alimentarius. Verbraucherschützer und Gesundheitspolitiker drängen zu Vereinbarungen und rüsten zum großen Schlag gegen Alkohol. Sie können gewichtige Argumente ins Feld führen. Dort wo alkoholische Getränke als Genuss- und Kulturgut konsumiert werden, tragen die Getränke in nicht geringem Umfang zum Energiehaushalt der Konsumenten bei. Das alleine schon dürfte dafür sorgen, dass das mit Inbrunst vorgetragene Argument seinen Niederschlag in der Etikettierung findet. Der Verbraucher solle besser informiert werden, ja, er habe ein Recht darauf und müsse schließlich wissen, was er mit jeder Flasche Wein, Bier und Spirituosen zu sich nimmt. Für die zukünftige Weinbereitung hat die Geschichte einen Nebenaspekt, der ebenfalls das Zeug hat, ganze Branchen durcheinander zu wirbeln: Wie die Fruchtsaftbranche zeigt, hat dort die Verpflichtung zur Angabe der Zutaten und der im Getränk verbleibenden Behandlungsstoffe zum Ersatz chemischer durch physikalisch-technische Methoden in der Bereitung der Getränke geführt. Manche Methoden sind verschwunden, ganz von alleine.

Hermann Pilz
Chefredakteur Weinwirtschaft
pilz@meininger.de

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