Ausgabe 9/2021

Ablasshandel
WEINWIRTSCHAFT Ausgabe 9/21

Themen der Ausgabe

Baden

Burgunder, Genossenschaften und Aufbruch überall. Viele Betriebe haben die Krise als Chance genutzt

Sommerweine

Experten berichten, welche Weine bald auf keiner Terrasse mehr fehlen dürfen – egal ob weiß, rosé oder rot

VDP-Frühjahrsverkostung

Die VDP-Winzer zeigen mit ihren Kollektionen wieder einmal, dass sie zur deutschen Spitze gehören

Best of Rosé

Die Siegerweine aus über 1.000 zu Meiningers Internationalem Rosé Preis eingesendeten Proben stellen in Frage, ob Rosé nur ein Saisonprodukt ist

Freiheit Vinothek

In der Ulmer Vinothek von Marcel Mühlberger gibt es alles, was das Kundenherz begehrt. Und noch viel mehr

Ablasshandel

Die dunklen Prognosen einer im Klimawandel untergehenden Gesellschaft lässt viele Menschen einem neuen Lebensziel entgegenstreben: Wie werde ich klimaneutral? Die persönliche Ökobilanz hat Konjunktur. Deutschland rüstet auf und wird zu einem Volk von Radfahrern. Nach oben buckeln und nach unten treten, das scheint irgendwie gelernt.

Dazu passt wunderbar, dass die Corona-Pandemie den Wandel im Handel beflügelt und sich neue Geschäftsformen etablieren. Wie verkauft man heute Waren? Eigentlich braucht der gewiefte Unternehmer nicht viel. Man organisiert sich einen Online-Shop, am besten mit staatlicher Stütze, finanziert mit billigem Spielgeld, und kreiert ein Start-Up mit irrwitzigen Geschäftsplänen.

Wenn Ihnen Ideen fehlen, dann schauen Sie mal auf »sevdesk.de«. Dort können Sie die Erfolgsgeschichten von Vicampo oder Amorelie, einem Startup zur Bereicherung Ihres Liebeslebens, als Anregung nutzen. Ein Warenlager braucht es nicht oder nur auf Sparflamme, da »Just-in-time-Lieferung« heute eh das Credo aller Kostenoptimierer ist. Das sorgt für steten Warenfluss, wenn es sein muss rund um den Globus, außer der Suezkanal ist blockiert, dann kollabieren gleich ganze Branchen. Was braucht es noch? Ein Call-Center mit freiberuflichen Single-Unternehmern, denen das Wasser bis zum Hals steht und natürlich eine Garde Influencer oder Blogger, die das Einmaleins des Storytellings und des scheinbar neutralen Empfehlungsmarketings beherrschen. 

In der aktuellen Pandemie frohlocken die Onliner: »E-Commerce profitiert von den veränderten Handelsbedingungen in der Corona-Krise.« Sprunghafte Umsatzzuwächse von über 20 Prozent über den gesamten Einzelhandel vermeldet die Branche. Solches Wachstum ruft ängstlich um den Planeten Besorgte auf den Plan. Ist das auch alles ökologisch ok? Die Umweltverträglichkeit des E-Commerce wird hinterfragt. 

Doch der lässt das nicht lange auf sich sitzen und präsentiert mit stolz geschwellter Brust Studien, die zu ganz anderen Ergebnissen kommen. Man muss halt nur die Richtigen fragen. So kommt das »Öko-Institut«, gern als »führende wissenschaftliche Beratungseinrichtung für die Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft« gepriesen, zum vollkommen plausiblen Ergebnis, das eingedenk der langen Warenkette um den halben Globus per Schiff, Flugzeug und Spedition, dem Warenlager, dem Umschlag im Verteilzentrum, der PC-Nutzung durch den Kunden bei der Bestellung und der Paketzustellung, inklusive einer Retouren-Quote von 70 Prozent der gekauften Artikel, der CO₂-Ausstoß mit 919 Gramm um einiges niedriger ist als die 1.270 Gramm, wenn das gleiche Paar Turnschuhe im stationären Ladengeschäft unter den Augen der Verkäuferin gekauft wird.

Sie ahnen es, der Laden wird im Winter geheizt, und die Räume sind beleuchtet. Welch ein Frevel an der Umwelt. Das Öko-Institut könnte dieselbe Rechnung für eine Vielzahl anderer Waren machen: Das Ergebnis würde wohl immer zugunsten des E-Commerce ausfallen. Die Belieferung mit Paketdiensten erspart viele Fahrten mit dem eigenen PKW in die Stadt.

Hmm, was, wenn ich aber nicht nur ein paar Sneaker, sondern noch Hosen, ein Jackett und auf dem Heimweg gleich das Abendessen einkaufe? Wie verändert sich dann meine Ökobilanz? Andernfalls müsste ich ja das Essen ebenfalls von einem Food-Hero kommen lassen. Ach so, der radelt und verbraucht eher Kalorien, als dass er CO₂ ausstößt. Stimmt natürlich auch nicht. Aber mal ehrlich. Ein bisschen da, ein bisschen dort gedreht an der Ökobilanziererei, und schon sieht die Welt ganz anders aus.

Aber was soll der Quatsch? Was wir wirklich brauchen, ist Ökonomie und kein grüner Quark mit Soße. Jede Leistung, jeder Ressourcenverbrauch muss mit marktwirtschaftlich gebildeten Preisen gerechnet werden. Nichts dagegen, dass E-Commerce eine sinnvolle Ergänzung und neue Form des Handels ist. Aber bitte keine Fakes verbreiten.