Ausgabe 7/2021

Stadtlandwandel
WEINWIRTSCHAFT Ausgabe 7/21

Themen der Ausgabe

Südafrika

Verkaufsverbote, Ausgangssperren, Exportverbote. Das krisengebeutelte Südafrika hat noch viel vor sich.

POS-Aktivitäten

Für den LEH sind sie mehr als nur Stolperfallen: Verkaufsdisplays sind aus unseren Läden nicht wegzudenken.

Apulien

Der Stiefelabsatz Italiens kann mehr als Primitivo. Dennoch kämpft die Region mit strukturellen Problemen.

Navigator

Die Weinhandlung Julius Kalbhenn gehört seit 100 Jahren zu Bremen wie Grünkohl, Beck’s und die Weser.

Interview

Lutz Heimrich von Superiore.de beantwortet Fragen rund um den Onlinehandel und dessen Zukunft.

Stadtlandwandel

Die Corona-Pandemie ist für viele Entwicklungen in unserer Gesellschaft Treibsatz und Beschleuniger.

Das trifft insbesondere auf die Veränderungen in Handel, Gewerbe und Industrie, aber auch unseres Lebensraumes, unserer Städte, Dörfer und Landschaften zu. Der Aufschwung des Onlinehandels, aber auch mancher obskurer Geschäftsideen, wie den Heimlieferdiensten für frisch zubereitetes Essen oder frische Waren, bekommen in der Pandemie unerwartet Schützenhilfe.

Halten wir mal einen Moment inne und überlegen, was da auf uns zu kommt, was realistisch ist, was Fantasterei und wo der Betrug anfängt? Wird es tatsächlich so sein, dass massenhaft frische Salate, fertig gekochter Fisch, der Braten oder das Nudelgericht per Fahrradkurier ins Haus kommen? Wird das Partyzubehör samt Wein, Brot und Käseplatte demnächst just-in-time angeliefert, wenn die hippen, geringbeschäftigten Praktikanten gerade Lust auf eine Feierabendparty haben? Welche Kosten entstehen für Unternehmen und die Gesellschaft? Wer trägt die Umweltlasten? Wer entsorgt den Müll? Wer übernimmt die Soziallasten für die Dienstleister, für die Billiglöhner, die irgendwann ausgepowert, blutleer am Rand der Gesellschaft stehen? Mit Sicherheit nicht die multinationalen Konzerne, die sich in Staaten und Standorte billig einkaufen und nach erfolgreichem Fischzug schneller verabschieden, als man denken kann. Die Ortsansässigen schröpft der Fiskus, die fliegenden Multis sind dort zu finden, wo keine Steuern und gesellschaftlichen Lasten zu tragen sind. 

Derweil verändert sich unser Lebensumfeld rasant. Die Innenstädte bluten aus. Besetzte in den letzten Jahren eine Textilkette nach der anderen freiwerdende Ladenlokale in 1A-Lagen, kehrt sich der Trend gerade um. Eben noch berappten sie irrsinnig hohe Mieten, die sich nur realisieren ließen, wenn man eine Jeanshose, die am Weltmarkt 3,50 Dollar kostet, mit schickem Etikett und Strasssteinen verziert, für 150 Euro verkloppt. Jetzt sind sie fort, in der Insolvenz oder nur noch im Netz zu finden. 

Es ist ein fundamentaler Wandel im Gange: »Beliebte Marken verschwinden – neue Geschäfte eröffnen«, titelte vor kurzem eine Zeitschrift über den Rückzug bekannter Marken und listet das Who-is-who der Einkaufswelt von Adler über Douglas und Esprit bis Zara auf.

Die Läden bleiben nicht leer, zumindest nicht in den Großstädten. Aber wer sind die neuen Mieter und Nutzer? Glaubt man den Einzelhandelsverbänden zieht es Discounter wie Aldi und Lidl, aber auch Drogeriemärkte und Fitnessstudios, Garküchen und Möbelmärkte in die vakanten Einkaufslagen. Das »One-Stop-Shopping« nimmt zu. Ein Trend, der nicht erst seit gestern läuft, sich aber mit der Coronakrise noch deutlich beschleunigt. Die Lebensmittelhändler spüren es am ehesten. Die Zahl der Kunden und der Einkaufsstopps sinkt, dafür steigt die Bon-Summe. 

Der klassische Weinfachhandel ist von der Stadtflucht kaum betroffen. Systemrelevant konnte er sein Geschäft am Laufen halten und in 1A-Lagen waren Weinhändler mit wenigen Ausnahmen schon seit Jahrzehnten nicht mehr zu finden. Somit alles gut für den Wein und den versierten Handel? 

Die Bedrohung lauert im Netz, da allzu viel Spielgeld im Umlauf ist und ein Hasardeur nach dem anderen das große Geschäft wittert. Beispiel gefällig? Die Mediengruppe ProSiebenSat.1 hat sich mit einem Betreiber von Internetseiten zusammengetan, der schon seit geraumer Zeit mit seinen Ideen den Weinmarkt bereichert. Unterstützt von Testimonials wie dem Schauspieler Christoph Maria Herbst verhökern die Partner über die Plattform »Vinzery« eine erkleckliche Zahl von nicht ganz unbekannten Winzern. 6 Flaschen Pfälzer Wein für 29,90 Euro frei Haus spiegelt das Niveau wider, das, zu Ende gedacht, eine ganze Branche ruiniert. Prima, Wein im Umfeld von »GNTM« und »Schlag den Star«.

Da fällt mir im Übrigen ein, was als nächstes durchs Internet wabert: »D2C« – Direct-to-consumer. Da lob ich mir die Aktivitäten von Heiner Lobenberg, der dieser Tage einen 1.400 Seiten starken Katalog mit 850 Winzern herausbrachte und auf seiner Homepage lediglich Restbestände rabattiert und das in Maßen.