Ausgabe 5/2021

Absurdistan
WEINWIRTSCHAFT Ausgabe 5/21

Themen der Ausgabe

Rheinhessen

Deutschlands größtes Anbaugebiet diskutiert über das Gestern, Heute und Morgen

Branchenbarometer

Schwere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Wohin geht die Reise 2021?

Online-Tastings

Der virtuelle Verkostungsraum hat die Weinbranche durch das letzte Jahr begleitet. Was wird bleiben?

Chile

Der steinige Weg des Landes zwischen Anden und Pazifik in Corona-Zeiten

Marktforschung

Prof. Dr. Simone Loose berichtet über einen Markt in Schieflage

Absurdistan

Wieso werden permanent ökonomische Grundprinzipien negiert? Als deutscher Weinerzeuger würde ich mir die Haare raufen, angesichts von deutschlandweit im Jahr 2020 genehmigten 308 Hektar neuen Rebflächen, ungefähr so viel oder so wenig wie in den Vorjahren.

Bei der mit der Prüfung der Anträge beauftragten Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) waren dafür 2.632 Anträge für insgesamt 697 Hektar eingegangen. 2.611 Anträge wurden genehmigt, mit im Durchschnitt 0,12 Hektar oder einer Zuteilung von weniger als der Hälfte der beantragten Fläche. Die Verteilung auf die einzelnen weinbautreibenden Bundesländer und Gebiete folgt einem ausgeklügelten Berechnungssystem, das in herrlichem Amtsdeutsch an Kompliziertheit kaum zu übertreffen ist. Um es den Winzern und Antragstellern auch ja, im wörtlichen Sinn, schwerer zu machen, genießen Steillagen mit Hangneigungen von mehr als 30 Prozent eine Priorisierung. Ich sehe sie vor mir, die deutsche Winzerschaft, als Helden im Steilhang ihren Schweiß vergießen. Wie heißt es so schön, man wächst mit seinen Aufgaben.

Dass die Priorisierung nicht wirklich was zu bedeuten hat, darf man allerdings der Tatsache entnehmen, dass von den 308 Hektar rund 164 auf Rheinhessen entfielen und 37 Hektar auf die Pfalz, Gebiete, die nicht gerade für Steillagen Bekanntheit genießen. Sei es drum, irgendjemand wird sich schon was dabei gedacht haben. 

Die Grundlage für das »Genehmigungssystem für Rebpflanzungen« liefert die Verordnung (EU) Nr. 1308/2013, deren Regeln fürs Pflanzen seit 1. Januar 2016 in der Europäischen Union Gültigkeit hat. 

Während man in Rom solche Verordnungen vom Hörensagen kennt, in Paris abheftet, wird sie in Berlin punkt- und kommagetreu durchgeführt. Deutschland hat sich anders als die Nachbarn, die sich einen jährlichen Zuwachs von einem Prozent der vorhandenen Rebfläche genehmigten, für einen Satz von 0,3 Prozent entschieden.

Deutschland rettet damit genauso wie im Klimaschutz die Welt oder in diesem Fall den Weinmarkt vor dem Überlaufen, wie ein Schreiben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft an die EU-Kommission vom Februar 2020 offenbart. Die Deutschen trinken weniger Wein, ist dort nachzulesen, und auch der Export lahmt gewaltig. Eine mit einer Flächenausweitung verbundene Mehrproduktion würde die Erzeugerpreise sinken lassen, so die Befürchtung. Der Markt wäre gestört.

Eigentlich sagen die Wirtschaftswissenschaften etwas anderes: »Steigen die Preise, steigt die Produktion, sinken die Preise, sinkt die Produktion«. So ist es eigentlich auf der ganzen Welt, nur eben nicht in Deutschland, wo das Vertrauen in ökonomisches Handeln von Unternehmern nicht sehr ausgeprägt ist. 

Zornesröte müsste das Antlitz deutscher Winzer färben, wenn sie zur Kenntnis nehmen, dass Italien 2020 seine Rebfläche um immerhin 6.722 Hektar erweitert hat. Derzeit wird in Apulien und Sizilien aufgerebt, davor wurde kräftig im Veneto die Prosecco-Produktion angekurbelt. Seit 2016 ist die Rebfläche allein in Frankreich und Italien um zusammen über 70.000 Hektar gewachsen.

Offenbar machen die dort produzierten Weine einen Bogen um Deutschland und stören das angenommene Gleichgewicht der Preise nicht. Die Winzer in den romanischen Ländern scheinen zudem ideenreicher zu sein, was die Verschiebung von Rebflächen von einer Region in die andere betrifft. Wie beschreibt die italienische Weinbauzeitung Corriere Vinicolo so treffend den schwungvollen Verschiebebahnhof: »Durch die Tür hinaus und durchs Fenster wieder herein«. Nein, Deutschland zementiert lieber besitzstandwahrend seine Rebfläche, obwohl Strukturwandel, Unternehmergeist, Klimawandel und ökologische Gesichtspunkte eine Diversifizierung der vorhandenen Monokulturen dringend verlangen würden.