Ausgabe 25/2014

Weinrechtschaos - Gleiche Spielregeln für alle – das ist mal wirklich eine Aufgabe für Politiker und Staat.

Ein größeres Chaos und Wirrwarr im Weinrecht und damit in den Grundlagen, wie Wein erzeugt und verkauft werden darf, bestand wohl noch zu keiner Zeit. Verantwortlich ist kein Einzelner. An dem Flickenteppich weben eine Menge unterschiedlicher Akteure: profilierungssüchtige Politiker, undurchsichtige Lobbyisten, wohlmeinende Verbandsfürsten und mit vorauseilendem Gehorsam geimpfte Staatsdiener. Jeder trägt sein Scherflein bei. Die Vorstellung, Natur und Wirtschaft in Schablonen pressen zu können, von denen man denkt, sei seien wünschenswert und würden Vorteile bringen, laufen über kurz oder lang in die Irre. Dass wir nicht gegen, sondern nur mit der Natur und nicht gegen ökonomische Gesetzmäßigkeiten, sondern im Rahmen dieser leben und handeln können, sollte selbst einfacheren Gemütern einleuchten. Das europäische Weinrechtssystem gründet auf der Einteilung Europas in verschiedene Weinbauzonen, von Zone A bis CIIIb. Damit verbunden sind in Gesetze gegossene Regeln, wie Weinbau jeweils stattfinden darf, welche önologischen Verfahren angewandt werden dürfen, welche Grenzwerte für Rohmaterial und Inhaltsstoffe der verschiedenen Traubenerzeugnisse und der daraus hergestellten Weine gelten. So wie gedacht, spielt die Natur aber schon lange nicht mehr mit. Aufgrund des Klimawandels und des technischen Fortschritts haben sich die Bedingungen radikal verändert. Die Säuerung ist nicht mehr nur im Süden erforderlich, genauso wie Maßnahmen zur Alkoholkorrektur nicht mehr nur im Norden notwendig sind. Das Regelwerk stammt aus den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts und ist längst von der Wirklichkeit überholt. Jahr für Jahr überschreiten Pflanzen und Tiere die Alpen Richtung Norden. Rebsorten ist das verwehrt. Es darf nur angebaut werden, was zugelassen ist, aber nicht, wovon sich jemand ein gutes Geschäft verspricht. An Bestehendem wird festgehalten, komme was da wolle. Die Mindestmostgewichte für Qualitäts- und Prädikatsweine dümpeln auf einem Niveau ohne jedwede Relevanz. Aber man hält daran fest, genauso wie an der Limitierung der Produktion, die nicht qualitätsorientiert erfolgt, sondern als Regulierung des Marktes. Seit Jahren kastriert sich der deutsche Weinbau selbst und blockiert in Europa an vorderster Front die unternehmerische Freiheit, auf eigenes Risiko das anzubauen, was man für sinnvoll erachtet. Wieso lässt man Generationen von Winzern eine bestmögliche Ausbildung angedeihen, nur um ihnen im Berufsleben vorzuschreiben, was und wie viel sie produzieren dürfen? Aus berufenem Munde bekam die Branche dieser Tage die Wahrheit ins Gesicht gesagt: »Ich wünsche mir eine liberale Handhabung der Pflanzrechteregelgung«, erklärte Dr. Dirk Richter, Vorsitzender des IHK-Weinausschusses anlässlich der Eröffnung des Branchentreffs der Weinwirtschaft vor ein paar Tagen. »Der Anbaustopp hat keinen Einfluss auf den Erhalt oder den Verlust des Weinbaus in der Steillage«, diktierte Richter den Anwesenden ins Stammbuch. Er muss es wissen, ist er doch selbst Weingutsbesitzer an der Mosel, ein Großteil seiner Flächen liegt in traditionellen Steillagen.

Den Gipfel des weinrechtlichen Chaos stürmte die Branche in diesem Herbst. Was nicht passt, wird passend gemacht: Rückwirkend wurde das Mindesmostgewicht für die Rebsorte Dornfelder reduziert. Der Rechtsunterworfene muss in Zukunft wohl vorausahnen, welche Segnungen Weinlobby und Politik demnächst über ihn ergießen. Mostgewicht gesenkt? Da fehlt doch was: Na klar, Alkohol! Die Anreicherung muss erhöht werden. Kein Problem: Ende Oktober saßen in Brüssel die Vertreter der Mitgliedsstaaten beieinander und signalisierten, dass die Anreicherungsspanne rückwirkend erhöht wird. Die Liste solcher Eingriffe und Schnellschüsse, die mehr Probleme als Lösungen mit sich bringen, ließe sich fast beliebig fortsetzen. Was braucht es wirklich: einheitliche Regelungen und ein Maßnahmenkatalog, der für alle gilt. Die klare Definition, was Wein ist und wo die Kunst beginnt, Weinbezeichnungen, die wahr und zutreffend sind, und viel unternehmerischer Mut. Alles andere regelt der Markt, sofern für alle die gleichen Spielregeln gelten.