Ausgabe 22/2020

Neue Ideen gefragt
WEINWIRTSCHAFT 22/2020

Die Menschheit durchschreitet ein tiefes Tal, anders wird man die aktuelle Situation in vielen Ländern vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie nicht beschreiben können. Überall auf der Welt steigen die Infektionszahlen. Manche Politiker, Virologen und Epidemiologen befürchten gar einen unkontrollierbaren Ausbruch der Pandemie. Das alles im Bewusstsein, dass nur ein kleinerer Teil der Bevölkerung wirklich schwer erkrankt und mit wenigen Ausnahmen eher die hoch betagten oder vorerkrankten Menschen betroffen sind.

Einerlei, die Belastungsgrenze des Gesundheitssystems liefert den Maßstab für die Beschränkung individueller und gesellschaftlicher Freiheiten. Finanzielle und gesellschaftliche Kollateralschäden nicht abschätzbaren Ausmaßes werden sehenden Auges von Behörden und Exekutiv-Politikern in Kauf genommen.

Zu den Beschränkungen gehören an oberster Stelle die Möglichkeiten zu reisen und öffentliche und private Veranstaltungen oder auch nur die benachbarte Gastronomie besuchen zu können. Beides unterliegt derzeit prohibitiven Beschränkungen. Natürlich stellt man sich auch in der Weinbranche die Frage, wer, wie und in welchem Umfang von den Restriktionen betroffen sein wird. 

Im Fokus stehen die großen Messen, die derzeit reihenweise abgesagt werden. Darum ist es schwer vorstellbar, dass die ProWein als größte internationale Weinfachmesse im März 2021 in Düsseldorf unverändert stattfinden wird. Dabei stehen nicht die Rahmenbedingungen oder die Realisierung der Hygiene- und Sicherheitskonzepte der Messe in Frage, sondern die Erwartung, wer auf der Messe als Besucher aufschlagen wird.

Die ProWein hat sich als internationale Drehscheibe etabliert. Doch wenn das internationale Publikum und die Entscheider nicht kommen – nicht kommen können oder, wie von vielen Handelskonzernen par ordre du Mufti verordnet, nicht kommen dürfen – stellt sich die Frage nach dem Sinn der Messe im Frühjahr 2021. Das beantworten viele Aussteller mit einem klaren Statement und verlangen, wie nicht anders zu erwarten, eine Verschiebung des Neustarts der ProWein ins Jahr 2022.

Ob die Messe gut beraten war, die im stillen Kämmerlein ausgebrütete Verlängerung um fünf Tage bei Beibehaltung des Buchungsstands aus März 2020 als Antwort auf die Corona-Pandemie kundzutun, mag dahin gestellt bleiben. Sie stößt bei vielen aus unterschiedlichsten Gründen auf Ablehnung. Viel entscheidender ist jedoch die Abstimmung der Besucher mit den Füßen und welche Art der Beteiligung dann noch für die Aussteller attraktiv und sinnvoll ist. Die Aussagen unserer Umfrage sind eindeutig.

Dabei werden Messen und persönliche Begegnungen dringender gebraucht denn je. Im Frühjahr dienen sie der Vorstellung des neuen Jahrgangs und neuer Weine. Sie sind unerlässlich zur Kontaktpflege und für viele Betriebe stellt die Neukundenakquise eine existenzielle Frage dar. In der heutigen Zeit umso mehr als die Corona-Pandemie gewaltige Lücken in den Abnehmerstrukturen hinterlässt. Viele Fluglinien, Feriendestinationen oder die Airport-Shops verzeichnen Geschäftseinbußen im Bereich von 80 Prozent bis zum Totalausfall. Ganze Branchen und viele Kunden stehen vor dem Aus. 

Damit brechen vielen Erzeugern wichtige Absatzmärkte quasi über Nacht weg. Da hilft dann auch ein leichter Zugewinn im Onlinehandel nicht. Vor allem aus dem Ausland droht Ungemach. In vielen Ländern ist der Weinverkauf über die Gastronomie wichtigster Absatzkanal. Wenn dort nichts läuft, wachsen die Bestände und drängen schließlich auf die wenigen, noch einigermaßen funktionierenden Absatzmärkte. Insofern sorgt die Corona-Pandemie auch auf dem deutschen Weinmarkt für gewaltigen Druck. Neue Konzepte sind daher gefragt und mit der Initiative »Bulk Wine Tasting by Meininger’s Weintest« stoßen wir schon im Herbst neue Türen auf.