Ausgabe 18/2021

WEINWIRTSCHAFT Ausgabe 18/2021

Themen der Ausgabe

Top-Trends Italien

Nachgefragt: Was sind die wichtigsten Wein-Trends aus Italien im deutschen Fachhandel?

Große Gewächse Teil I

Im ersten Teil präsentieren wir die besten Rieslinge, die bei der GG-Vorpremiere in Wiesbaden verkostet wurden

Verpackung

Alle reden von Nachhaltigkeit. Die Verpackungsbranche hat sich deshalb viele kreative Lösungen einfallen lassen

Marktforschung

Aktuelle Marktdaten im Überblick. Wie ist der Handel aufgestellt, und was konnte sich in der Krise behaupten?

Präsente

Zum Jahresende haben Präsente Hochkonjunktur, besonders nachdem durch Corona ohnehin viel gespart wurde

Mehr Diskurs bitte

Man kann es drehen und wenden, wie man will, in der Weinbranche vollzieht sich ein grundlegender Wandel. Auslöser dürfte weniger die Corona-Pandemie sein, die eher die Begleitmusik liefert, als der Klimawandel mit all seinen Folgen wie Spätfrösten, Dürren und Feuersbrünsten oder Regen-, Sturm-, Hagel- und Flutkatastrophen, die begleitet werden von Bodenerosion oder der Ausbreitung epidemischer Krankheiten und neuen Schädlingen wie der Kirschessigfliege. Man wird gar nicht fertig alles aufzuzählen, was an Gefahren und Schäden dem Weinbau drohen. 

Letzten Endes bedeutet die Entwicklung, dass sich das Produkt Wein wandelt und die Produktion nicht einfacher, sondern eher teurer wird. Die frühere Überschuss-Situation wandelt sich in einen Mangel an Wein. Dennoch sollte man immer die Tassen im Schrank lassen: Wein ist eine Nebensache, weder lebensnotwendig noch unverzichtbar. Allerdings eine schöne Laune der Natur und wer Wein kennengelernt hat, möchte ihn nicht missen. Wein ist Teil unserer Kultur und von Konsumenten, die ihn trinken, darf man erwarten, dass sie das mit Verstand und Kenntnis tun und sich auch über den Wert und die geforderten Preise von Wein Gedanken machen.

Über alle diese Themen muss und kann man mit Konsumenten reden, sofern sich die Chance dazu ergibt. Insofern kann ich den Brass verstehen, den Weinhändler Martin Kössler (Kössler und Ulbricht, Die Weinhalle) auf ein Interview in der Süddeutschen Zeitung mit Online-Weinhändler Heiner Lobenberg (Lobenbergs Gute Weine) öffentlich gemacht hat. Kösslers Kritik richtet sich nicht in erster Linie gegen Lobenberg, als vielmehr darauf, dass mit seichten Fragen eine Chance vertan wurde, ernsthaft über Wein, seine Probleme und die Veränderungen zu reden und das Interview besser ins Feuilleton als in den Wirtschaftsteil gepasst hätte. 

Spinnen wir den Gedanken mal weiter. Welche Fragen wären denn die richtigen gewesen? Da ist zum einen die Ignoranz eines Teils der Konsumenten, sich ernsthaft mit Wein zu beschäftigen. Klar, Wein muss man nicht mögen. Wein ist auch nicht existenziell. Man kann Wein links liegen lassen, dazu hat jeder das Recht. Fakt ist aber auch, dass drei Viertel oder vielleicht sogar mehr der erwachsenen Bevölkerung Wein kaufen und trinken. Das tun sie aber meist ziemlich ahnungslos und geben sich häufig genug mit hochstapelnden Bewertungen und schönfärberischen Beschreibungen von Erzeugern und Handel zufrieden. Das liefert der Banalisierung von Wein und der Rabattkultur Vorschub. 

Stattdessen hätte man Fragen können, wie Wein sich verändert. Wie wird Wein angesichts moderner Önologie immer öfter zum Retortenprodukt? Wie verhält sich das mit dem Säurezusatz in den letzten Jahren? Wie wird Wein im Keller statt im Weinberg gemacht? Warum landet ein Großteil der von der Landwirtschaft ausgebrachten Pestizide in Sonderkulturen und im Weinbau? Wie steht es um weinbauliche Monokulturen und natürliche Lebensräume bis hin zu Fragen um den Wert und die Preise für Wein: Was darf Wein kosten? Ist er das wert? Wie viel Show und Glitzer begleiten für Normalsterbliche unbezahlbar teure Weine?

Dazu hätten man fragen können, wie Wein vermarktet wird. Was bieten die verschiedenen Einkaufsstätten? Wie verschieben sich die Marktanteile bis hin zur Frage, ob Onlinehändler ihre Geschäfts- und Logistikmodelle auf Kosten der Allgemeinheit betreiben, die später die Soziallasten zu tragen hat? Warum wird das freie Spiel von Angebot und Nachfrage außer Kraft gesetzt, das einzig dazu in der Lage ist, die Kosten beanspruchter Ressourcen in realen Preisen darzustellen? Stattdessen ergeht sich das Interview in Schönfärberei und Plattitüden, die symptomatisch für unsere Gesellschaft geworden sind. Ich finde es gut, dass Kössler seine Kritik geäußert hat. Frischer, unverstellter Diskurs hat noch nie geschadet.