Ausgabe 16/2021

WEINWIRTSCHAFT Ausgabe 16/2021

Themen der Ausgabe

Italienische Genossenschaften

Die italienischen Genossenschaften stecken in einem Strukturwandel. Vor allem die Großen wachsen

Mosel

Corona hat den Moselanern in die Karten gespielt. Neben neuen Märkten rollte eine Tourismus-Welle durch das Tal

Valdepeñas

Großerzeuger im Fadenkreuz der Justiz

Konjunkturumfrage Italien

Italien in Noten: Wo liegen die Stärken und Schwächen des Belpaese, und welche Herkünfte laufen am besten?

Leistungstest italienische Genossenschaften

Wir haben uns durch ganz Italien verkostet. Jetzt stehen die besten Weine der italienischen Genossenschaften fest

Vertrauensfrage

Sind Sie sicher, dass überall, wo Primitivo drauf steht, auch Primitivo drin ist? Auch wenn die letzten Razzien der italienischen Polizei (s. S. 8) nicht die Dimension früherer Operationen haben, bauen sie kaum Vertrauen auf, sondern bestärken eher lang gehegte Vorurteile. Das gilt auch für Spanien. Wie seriös sind Gran Reservas für 2,69 Euro, bei denen die Kosten für den Golddraht nur geringfügig unter denen des Grundweins liegen? 

Immerhin, es tut sich etwas. In Valdepeñas (s. S. 34) nehmen die Gerichte die Operationen großer Erzeuger nun unter die Lupe. Der Druck scheint so groß, dass ein Herauslavieren schwierig wird. Doch auch hier dürfte es sich nur um die Spitze des Eisbergs handeln. In anderen spanischen Anbaugebieten ist noch nichts von entsprechenden Aufräumarbeiten zu beobachten.

Die Nachfrage nach Gran Reserva ist trotz sensationell niedriger Preise aber nicht dazu geeignet, Verkaufsschlager zu generieren. Anders sieht es bei Primitivo aus, an dem kein Weinhändler in Deutschland vorbeikommt. Doch wie kann man sich von der Echtheit der Produkte überzeugen? Labore bieten zuverlässige Methoden, um Rebsorten, Anbaugebiete und Jahrgänge wissenschaftlich zu verifizieren, aber solche aufwendigen Untersuchungen sind mit Kosten verbunden, die bei kleinen Chargen unverhältnismäßig ins Gewicht fallen.

Zertifizierung lautet das Zauberwort, mit dem sich Geschäftspartner versichern, sämtliche Reglementarien zu erfüllen. Für den Empfänger der Produkte ist die Zertifizierung aber oft genug nur ein Feigenblatt, um sich rechtlich abzusichern. Nur selten wird kontrolliert, ob das im Zertifizierungsprozess Versprochene in der Praxis tatsächlich gelebt wird. Auch durch Zertifizierungen abgesicherte Geschäfte kommen also nicht ohne Vertrauen aus. Viele haben das verinnerlicht. »Das Wein-Business ist ein People-Business«, heißt es immer wieder. Das gegenseitige Vertrauen ist ein wichtiger Baustein erfolgreicher Geschäftsbeziehungen und ein Grund, warum viele Partnerschaften in der Weinbranche lange halten. 

Leider muss man aber auch sagen, dass in der Weinbranche ein gesundes Misstrauen mindestens genauso wichtig ist wie Vertrauen. Dass der Endverbraucher dabei oft überfordert ist, belegen die Aktionspreise, deren Rabatte eigentlich stutzig machen müssten. Das gilt in Zeiten des Online-Handels umso mehr, wo oft genug Mondpreise rabattiert werden (s. S. 46). Mit solchen Aktionen gelingt es jedoch nur selten, Vertrauen und langjährige Geschäftsbeziehungen aufzubauen. Jene, die stattdessen mit Service, exzellentem Angebot und Fachkenntnis arbeiten, müssen solche Preisattacken zwar überstehen, freuen sich aber oft über treue Kunden, die ihr Geschäft stabilisieren.

So wie den Verbrauchern steht auch den Händlern beim Einkauf eine Balance zwischen Vertrauen und Misstrauen gut. Extrem niedrige Preise sollten Alarmzeichen generieren, und sei es im Sinne der Fairness: Kann der Anbieter zu diesem Preis wirklich nachhaltig produzieren und ein langjähriger Partner werden oder bleiben? Bei einigen Angeboten aus Spanien, hinter denen kein Betrug steht, bleibt diese Frage unverändert aktuell.

Vertrauen benötigen auch die Menschen und Winzer an der Ahr (s. S. 7). Der Wiederaufbau stellt sie vor Aufgaben, die kaum bewältigbar erscheinen. Ohne Vertrauen darauf, dass es doch klappt, müssten sie ihr Tal und ihre Heimat wohl aufgeben. Die Hilfsbereitschaft aus der Weinbranche ist bemerkenswert. Das Engagement derer, die sich an Spendenaktionen beteiligen oder an die Ahr fahren, um direkt zu helfen, kann nicht genug gelobt werden. Neben ihrer praktischen Unterstützung bauen sie auch Vertrauen auf, dass es doch eine Vielzahl an Menschen gibt, denen ihre Mitmenschen nicht egal sind und die nicht nur auf ihr eigenes Wohl achten. Solchen Beistand auch aus dem Handel wird die Ahr noch lange brauchen.