Ausgabe 16/2020

Zwei Wege, ein Maßstab
Ausgabe 15-16/2020 der WEINWIRTSCHAFT

Die Politik oder der Staat hatte in Corona-Zeiten zwei Möglichkeiten und einen Maßstab. Option eins: Alles laufen lassen und nichts tun. Option zwei: die Vorschriften des Infektionsschutzgesetzes mit entsprechenden Einschränkungen anzuwenden. Als Maßstab diente die Beanspruchung oder besser die Überforderung des Gesundheitssystems und im engeren Sinn die Auslastung der zur Verfügung stehenden Intensivbetten.

Visuell ließ sich die verfolgte Politik in einer Abflachung der Infektionszahlen im Gegensatz zum rasanten Anstieg im Fall des Abwartens darstellen, die im einen wie im anderen Fall mit einem heftigen wirtschaftlichen Einbruch verbunden ist, aber größer ausfällt, wenn ein förmlicher Lockdown verordnet wird. Ganz nach dem Motto: Der Tod ist billiger, kostet aber das Leben.

So weit, so gut, das haben wir alles erlebt. Und jetzt, darf man fragen? Es zeichnet sich ab, dass ab Oktober erste Impfstoffe bereit stehen und ausgeliefert werden. Möglicherweise nicht bei uns, aber irgendwo auf der Welt kommen sie auf den Markt. Deshalb werden die Virologen nicht gleich Entwarnung blasen, denn bis ein Impfschutz aufgebaut oder eine Durchseuchung der Menschheit bis zu einer unkritischen Quote erreicht ist, wird es noch etwas Zeit brauchen.

Aber die neue Situation wird die Politik unter Zugzwang setzen. Menschen werden sterben mit und am Virus, genauso wie am Impfstoff, den auch nicht jeder verkraften wird. Das alles wird man zunehmend ausblenden, ja ausblenden müssen, denn der Maßstab, Überforderung des Gesundheitssystems, entfällt, sobald ein Impfstoff vorhanden ist und wirksame Medikamente, die heute schon vorhanden sind, breit angewendet werden.

Damit verliert das Beibehalten restriktiver Kontaktsperren seine Legitimation. Sobald keine Überforderung mehr droht, wird das Virus und seine Folgen in den Alltag gesundheitlicher Risiken zurückfallen.

Wer das nicht glaubt, wird von der Straße eines Besseren belehrt. Dann sind die jetzigen Proteste und Randalen verhinderter Partygänger nur ein laues Lüftchen im Verhältnis zu den absehbaren Ausschreitungen. Zurecht auch, denn die Jugend hat ein Recht darauf, ein normales Leben zu führen.

ormalität wird massiv verlangt werden und wird kommen müssen, will man Schlimmeres verhindern. In der Wirtschaft, aber auch für viele Privatleute heißt es dann, die Folgen des Lockdown aufzuarbeiten, national wie international, in der Industrie, der mittelständischen Wirtschaft wie in Kleinunternehmen. Viele müssen dann die Karten auf den Tisch legen. 

Wo der Lockdown über Monate Leistungen und Einnahmen auf null drückte, müssen Miet-, Steuer- und Kreditstundungen zurückgezahlt werden. Die bürokratisch verkappten Hilfen des Staates werden oft zu spät kommen. Die Folgen sind absehbar: Es droht in den nächsten Monaten und darüber hinaus eine Insolvenzwelle nie gekannten Ausmaßes und ein Anschwellen der Arbeitslosigkeit. 

Ganz unterschiedliche Branchen, überwiegend im Dienstleistungssektor angesiedelt, werden die Zeche zahlen. Dazu zählen Einzelhändler und Gastronomen, Bus- und Reiseunternehmer, Reedereien, Touristiker, Künstler und Konzertveranstalter genauso wie Autohäuser und Werkstätten bis hin zu Fluggesellschaften und ihre Lieferanten.

Auch der Weinbereich wird nicht ungeschoren davonkommen. Weinhändler mit hohem Gastroanteil gehören dazu, wie mancher stationäre Händler, der noch immer bewegungslos hinter seinem Tresen verharrt und auf Kunden wartet.

Es gibt andere, die sich schnell bewegten, kundenorientiert Lieferservices aufbauten, Kontakt zu ihren Kunden hielten und dazu sich endlich dem Thema Onlinehandel widmeten. Wein ist beliebt wie eh und je. Die Wein-Onlinehändler sind die großen Profiteure, wobei mit Sicherheit nicht jeder profitabel arbeitet, und dank des »systemrelevanten« LEH versinkt die Weinbranche nicht in Agonie. Wir dürfen nur den Maßstab nicht aus den Augen verlieren.