Ausgabe 12/2019

Die Not ist groß!
WW 12/19

Die weltweite Vernetzung von Computern und IT-Systemen ist eine tolle Sache. Viele Dinge werden erleichtert. Wir bekommen Zugang zu Informationen und Waren in ungeahntem Ausmaß. Aber wie bei allem Neuen gilt: Es kommt darauf an, was wir daraus machen.
Die Auswüchse des Internet-Hypes sind nicht zu übersehen. Sicher sind sie zu einem großen Teil den rasanten technologischen Entwicklungen geschuldet, die unser komplettes Leben bis zu den banalsten Dingen des Alltags grundlegend verändern.
Dagegen ist nichts zu sagen. Nichts bleibt wie es ist. Der Wandel gehört zu unserem Leben. Gewandelt hat und wird sich auch das Leseverhalten und wie Informationen dargeboten und aufgenommen werden. Wie lange gibt es noch Print, fragen sich viele? Ich sage, heute und in Zukunft wird Gedrucktes seine Bedeutung behalten. Klar man kann heute vieles auf Bildschirme laden. Ein großer Flatscreen erleichtert das Lesen. Aber richtig ist auch: Auf einem Smartphone nehme ich nur kurze Nachrichten wahr. Bei längeren Artikeln mit ergänzenden Informationen, Grafiken, Tabellen und Bildern wird es schon schwierig. Nicht nur der Inhalt auch die Form und Darstellung sind Information. Und wer will auf einem Smartphone ein Buch lesen, darin arbeiten, wichtige Stellen herausnehmen, archivieren oder teilen?
Ich weiß, es gibt die Jünger der vollkommenen Digitalisierung. Vielleicht existieren irgendwann Menschen, die nie ein Buch gelesen haben? Sie tun mir leid und werden hoffentlich die Ausnahme sein. Aber was, wenn es demnächst Techniken gibt, die ohne Bildschirm auskommen? Vielleicht reicht irgendwann eine beliebige Projektionsfläche, und wir können mehr Informationen, Texte, Bilder, Filme und visuelle Informationen darstellen als wir es je für möglich hielten. Was sollen dann noch gedruckte »unveränderlich« gespeicherte Information? Wir haben doch alles dabei, jedes Buch, jedes Bild, jede Information.
Sie merken es selbst, der Haken liegt im »Unveränderlichen«. Irgendwann müssen wir konkret werden und bleiben nicht mehr transzendent. Haben wir nicht schon zu viel verloren? Was wird aus unseren liebsten Erinnerungen? Geht es Ihnen auch so? Seit wir Fotos mit dem Smartphone machen, archivieren wir sie nicht mehr. Fotos aus früheren Zeiten hatten Bestand. Jahrzehnte, Jahrhunderte. Bilder früherer Generationen existieren immer noch; aus guten und aus schlechten Zeiten. Unsere eigenen Erinnerungen verblassen. Daten gehen verloren. Irgendwann verschwinden vermutlich auch Menschen, da ihre Daten zufällig beim Kopieren verloren gingen.
Und was ist mit der Realität, in der wir leben? Wie leicht lassen sich Informationen heute digital manipulieren. Im österreichischen Polit-Skandal um rechte Dummköpfe und kriminell veranlagte Politiker mussten Forensiker bemüht werden, die Authentizität der Aufnahmen und Personen abzusichern. Wie viele gefälschte Bilder und Informationen beherbergt inzwischen das Internet. Personen, Orte, alltägliche wie spektakuläre Ereignisse werden gefakt. Daraus resultieren Lügen, Fehlurteile, katastrophale Fehlentscheidungen. Die Wirklichkeit wird heute schon in einem Ausmaß verzerrt und manipuliert, dass sie uns in letzter Konsequenz schadet, extrem schadet. Schon tauchen erste Videos mit Reden von Menschen auf, die diese nie gehalten haben. Täuschend echt. Ich will nicht nach dem Staat rufen, aber als Repräsentant des Volkes und oberste Macht hat er Einhalt zu gebieten und Regeln zu erlassen. Andernfalls, davon bin ich überzeugt, droht uns der Untergang. Wir werden das Internet bändigen und der Weisheit folgen müssen, die uns schon Goethe mit seiner Ballade über den Zauberlehrling auf den Weg gegeben hat: 
»Ach, da kommt der Meister! 
Herr, die Not ist groß! 
Die ich rief, die Geister,
Werd ich nun nicht los«.


Hermann Pilz
Chefredakteur Weinwirtschaft
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