Ausgabe 05/2019

Woche der Erkenntnis
Titel WW 5/19

Die Discounter bleiben ihrer Linie treu. Sie reagieren ohne Verzögerung auf die Marktentwicklung bei Wein. Leicht abzulesen an den aktuellen Aktionsofferten. Was nicht niet- und nagelfest ist, wird reduziert. »Lemberger« aus Württemberg bietet Lidl 25 Prozent billiger für 2,99 statt wie bisher für 3,99 Euro an. Hallo, ein anständiger deutscher Rotwein 1 Euro billiger? Nicht schlecht, Herr Specht, äh Herr Schwarz. Sie leben doch auch im württembergischen Unterland. Unterstützen dort sogar die Weinbauschulen. Sollen da demnächst Grasbüschel auf den Weinbergen wachsen? Aber was soll’s, Lidl hat die Premiumstrategie abgehakt, die Holzkisten aus den Märkten verbannt und verhämmert Wein wie anno dazumal. Beeindruckt hat mich ein Lidl-Angebot eines spanischen Weines: Ein Gran Reserva aus der DO Cariñena, der aktuell um 26 Prozent billiger für magere 1,99 Euro verkloppt wird, wie man das in der Sprache der Kaufleute sagt. Was war das nochmal: Gran Reserva? Fünf Jahre gereift in Holzfass und Flasche, ein Aushängeschild spanischer Qualitätsweinerzeugung. Ich würde sagen, das Wunder von Kanaan »made in Spain« und »sold in Germany«. Pah, die Konkurrenten können’s genauso gut. 
Aldi Süd verhökert Österreichs Nationalstolz Grünen Veltiner als Heurigen in der Literflasche für 2,49 statt wie zuvor für 2,99 Euro. Das geht auch mit deutschen Weinen: Weißburgunder aus der neuen Doppelregion Rheinhessen/Pfalz reduzierte Aldi Süd in der hübsch mit Prozentzeichen dekorierten Kopfgondel und verlangt jetzt 2,29 statt wie bisher 2,49 Euro. Und es geht noch radikaler: Pinot Grigio delle Venezie offeriert Aldi Süd für 1,99 Euro statt wie bisher für 2,59 Euro, immerhin 23 Prozent billiger. Um wieder auf das alte Level zu kommen, müsste Aldi den Preis um 30 Prozent erhöhen. Irgendwie scheinen die Händler am Jojo-Effekt Gefallen zu finden.
Dass der alte Jahrgang raus muss, geben auch die Onliner zu verstehen. Burdas Vicampo bot 10 Flaschen Riesling eines »mit Berliner Gold dekorierten« und von Eichelmann 2018 empfohlenen Weinguts für versandkostenfreie 49,90 statt wie bisher für 99 Euro an. 4,99 Euro für einen Riesling eines aufstrebenden Weinguts, der als Gutswein ab Hof für knapp unter 7 Euro angeboten wird, – das wirft Fragen auf. Wie steht es um den Ruf und die Preiswürdigkeit deutscher Weine? Wie soll der Kunde da noch eine Wertschätzung entwickeln? Solche Angebote sind ja keine Einzelfälle. Die Not muss groß und der Verlustvortrag hoch sein.
Apropos Not. Ein vermutlich betrügerisches Schreiben, das wahrscheinlich als Erpressungsversuch zu werten ist, verunsichert dieser Tage die Weinhandels-Branche, sofern sie im Onlinehandel unterwegs ist. Ein oder mehrere anonyme Versender behaupten, sie hätten einen Testkauf unternommen. Dabei seien die Bestimmungen des Jugendschutzgesetzes missachtet und ein alkoholhaltiges Getränk an einen Minderjährigen ausgeliefert worden.
Obwohl vermutlich Betrugsversuch, berührt die Sache einen wunden Punkt des Online-Handels mit alkoholischen Getränken und Wein, um den sich die meisten Anbieter derzeit drücken. Vorlage von Personalausweis, Kreditkarte oder die Altersabfrage sind wohl alles ungeeignete Maßnahmen, um das Problem aus der Welt zu schaffen. Einzige realistische Möglichkeit bietet die Sichtkontrolle bei Zustellung, abgesehen von verkaufsverhindernden Optionen wie dem Postident-Verfahren oder der personenidentischen Zustellung, was nur die Retourenquote in die Höhe treiben würde. Die Alterssicherung kostet zudem Geld, viel Geld, das die Onliner nicht haben und auch nicht berappen wollen. DHL bietet die Alterssichtprüfung derzeit für 1,19 Euro pro Zustellung, ohne zu gewährleisten, dass die rechtlichen Anforderungen nach dem Jugendschutzgesetz eingehalten werden. Jüngste Erkenntnis: Guter Rat ist teuer. Ich sehe sie schon hereinflattern, die Schreiben der Abmahnvereine, kommen die erst mal auf den Geschmack.

Hermann Pilz
Chefredakteur Weinwirtschaft
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