DWV-Präsident Klaus Schneider
DWV-Präsident Klaus Schneider

»Über allem steht die nachhaltige Erzeugung«

Klaus Schneider wurde für weitere fünf Jahre im Amt des Deutschen Weinbaupräsidenten bestätigt. ddw sprach mit ihm über Ziele und Herausforderungen seiner kommenden Amtszeit.

ddw: Herzlichen Glückwunsch zur Bestätigung im Amt des Deutschen Weinbaupräsidenten. Was sind für Sie nun dringend anstehende Themen und Termine in den nächsten Wochen?

Klaus Schneider: Herzlichen Dank für Ihre Glückwünsche und auch an dieser Stelle noch einmal ein herzlicher Dank an alle, die mir ihr Vertrauen für weitere fünf Jahre ausgesprochen haben. Themen haben wir derzeit mehr als genug. Insbesondere das Thema Nachhaltigkeit, das auf europäischer und auf nationaler Ebene weiter an Fahrt aufnimmt, wird uns in den nächsten Wochen weiter beschäftigen. Die Rolle unseres Verbandes bei diesem Thema erörtern wir gerade mit den verschiedensten Playern. Aber auch das Thema Pflanzenschutz, die angekündigte Anpassung der Weinverordnung sowie die gerade laufende Reform des Geoschutzes auf EU-Ebene halten uns auf Trab. Terminlich bin ich in nächster Zeit auch in diesen Bereichen unterwegs. So werde ich zum Beispiel diese Woche zur Präsentation der von European Federation of origin Wines (EFOW) in Kooperation mit dem DWV in Auftrag gegebenen Studie zu  Nachhaltigkeitsinitiativen von geschützten Ursprungsbezeichnungen nach Straßburg reisen oder nächste Woche zum internationalen Rebzüchtersymposium nach Landau.

ddw: Was möchten Sie in den nächsten fünf Jahren Ihrer Amtszeit bewegen? Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

Klaus Schneider: Das kann ich ganz einfach in vier Themenbereiche aufteilen: den Übergang in das romanische System und die damit verbundene Herkunftsprofilierung weiter vorantreiben, faire Einkommen für Winzerinnen und Winzer sicherstellen, den Nachwuchs als Zukunft unserer Branche unterstützen sowie die gesellschaftlichen und politischen Forderungen an nachhaltige Erzeugung und in Bezug auf den Klimawandel gemeinsam mit den Erzeugerinnen und Erzeugern angehen.

ddw: Was sind aus Ihrer Sicht die aktuellen und kommenden Herausforderungen für den Berufsstand?

Klaus Schneider: Über allem steht die gesellschaftliche und politische Forderung nach nachhaltiger Erzeugung. Dem müssen wir uns als Branche stellen und proaktiv sein, wenn wir hier mit der Politik gemeinsam gestalten wollen. Aber auch innerhalb des Berufsstandes müssen wir stärker aufeinander zugehen. Wir brauchen auf allen Ebenen Kompromissbereitschaft und einen offenen und ehrlichen Diskurs. Damit meine ich innerhalb des eigenen Verbandes, verbandsübergreifend aber auch gesellschaftsübergreifend. Konkret heißt das für den DWV, dass wir mit den ausgetretenen genossenschaftlichen Verbänden weiter den fachlichen Austausch suchen und dass wir für einen konstruktiven Austausch innerhalb der Schutzgemeinschaften werben.

ddw: Wie viel Einfluss kann der Deutsche Weinbauverband auf Bundes- und EU-Ebene üben?

Klaus Schneider: Auf europäischer Ebene ist der Deutsche Weinbauverband in allen Dachverbänden vertreten. Unser Generalsekretär Christian Schwörer ist Vizepräsident der Weingruppe beim Europäischen Bauern- und Genossenschaftsverband Copa Cogeca. Mit der Versammlung der Europäischen Weinbauregionen (AREV) haben wir gerade eine gemeinsame Jahrestagung durchgeführt. Auch mit der European Federation of Origin Wine (EFOW) pflegen wir einen engen Austausch, diese Woche steht wie bereits erwähnt eine gemeinsame Veranstaltung im EU-Parlament zum Thema Geoschutz und Nachhaltigkeit in Straßburg an. Über den Verband Deutscher Weinexporteure arbeiten wir zudem im Comité Vins (CEEV) mit. In Brüssel sind wir insoweit hervorragend vernetzt und können die nationalen Interessen bestens vertreten. Insbesondere bei Copa Cogeca werden wir als Sprachrohr für alle mittel- und osteuropäischen weinbautreibenden Länder gesehen, sodass unsere Äußerungen erhebliches Gewicht haben. Natürlich haben wir auch gute Kontakte zu den deutschen Abgeordneten im EU-Parlament, insbesondere aus dem Agrar- und Umweltausschuss. Was die europäischen Weinbauverbände gemeinsam bewegen können, haben wir zuletzt bei der Abstimmung zum EU-Krebsbekämpfungsplan gesehen. Ich hoffe, dass wir den Ökoweinbau auch mit vereinten Kräften zukunftsfähig machen können.
Auch wenn viele Weichen mittlerweile in Brüssel gestellt werden, müssen wir uns natürlich auch auf nationaler Ebene einbringen. Das erfolgt zum einen über die fachlichen Abteilungen der für uns relevanten Ministerien, der ständige Austausch mit dem Weinreferat ist dabei hervorzuheben. Hier würden wir uns allerdings freuen, wenn die politische Ebene des BMEL in einen stärkeren Dialog mit uns treten würde.
In Abständen führen wir auch Gespräche zu weinspezifischen und auch horizontalen Themen insbesondere aus dem Umweltbereich mit Abgeordneten. In diesem Zusammenhang möchte ich insbesondere das gerade neu konstituierte parlamentarische Weinforum nennen, mit dem wir bereits in der Vergangenheit in ständigem Dialog standen.

ddw: Wie wichtig ist ein gemeinsames Vorgehen der europäischen weinbautreibenden Länder?

Klaus Schneider: Nur gemeinsam sind wir stark in Europa. Die europäische Weinbranche steht vor großen Herausforderungen. Die EU fordert 25 Prozent Ökolandbau, Deutschland sogar 30 Prozent, der Pflanzenschutzmitteleinsatz soll massiv reduziert werden. Die Förderfähigkeit des Absatzes unserer Weinerzeugnisse steht ebenfalls zur Debatte. Diesen Forderungen und dem dahinterstehenden politischen Druck können wir nur gemeinsam begegnen. Wir haben bei vielen Themen gute Erfahrung damit gemacht, uns zunächst mit unseren osteuropäischen Nachbarn abzustimmen, da sie aufgrund der klimatischen Verhältnisse oft den gleichen Problemen ausgesetzt sind. Das hat unsere Donauraumveranstaltung zum Thema Zukunft des Ökoweinbaus im Rahmen des 64. Internationalen DWV-Kongress gezeigt.

ddw: Wie kann jede einzelne Winzerin, jeder einzelne Winzer den Berufsstand unterstützen?

Klaus Schneider: Es gibt viel, was jeder und jede Einzelne leisten kann. So wünsche ich mir beispielsweise ein gesteigertes Engagement für den Berufsstand im regionalen Weinbauverband, gerade auch von Jungwinzerinnen und Jungwinzern, aber auch die Beteiligung am offenen Diskurs in unseren Schutzgemeinschaften zur Herkunftsprofilierung. Aber nicht nur über seine Verbandstätigkeit kann sich jeder Winzer engagieren. Im Bereich der Alkoholpolitik ist der einfachste Weg des Engagements sicherlich die kostenfreie Teilnahme am Programm »Wine in Moderation«. Dies hilft dem gesamten Berufsstand in den anstehenden Diskussionen zur Alkoholpolitik und verdeutlicht, dass die Branche sich ihrer Selbstverantwortung bewusst ist und selber auf die Konsequenzen von Alkoholmißbrauch und die Notwendigkeit von moderatem Trinkverhalten hinweist.   

ddw: Wenn Sie auf Ihre vergangene Amtszeit zurückblicken – über welche Erfolge freuen Sie sich, mit welchen Entwicklungen sind Sie weniger zufrieden?

Klaus Schneider: Das zentrale Thema meiner Amtszeit war sicherlich die vom Deutschen Weinbauverband angestoßene Weinrechtsreform, die den Übergang zu einem herkunftsbezogenen Qualitätssystem unserer Weine eingeleitet hat. Es ist uns gelungen, in den Anbaugebieten die Diskussion über die Ausgestaltung der Herkunftsprofilierung anzustoßen. Dies ging und geht leider weiterhin nicht ohne Reibungsverluste, die ich sehr bedauere, insbesondere auch die damit teilweise einhergehenden menschlichen Verwerfungen. In vielen anderen Bereichen fällt es manchmal schwer, einzustufen, inwieweit ein Verfahren erfolgreich für unsere Branche gestaltet werden konnte. Im Bereich des Insektenschutzpaktes haben wir beispielsweise für unsere Branche wichtige Ausnahmen erzielt, jedoch bringt das Paket trotzdem Einschränkungen für die Bewirtschaftung mit sich.

ddw: Wie sieht die Zukunft des Deutschen Weinbauverbandes aus? Gibt es Konsequenzen aufgrund von Mitgliedsaustritten?

Klaus Schneider: Zunächst muss ich mit Sorge auf die Folgen der Coronapandemie und des Rußland-Ukraine-Konflikts auf unsere Branche blicken. Hier bleibt abzuwarten, welche Auswirkungen die weitere Entwicklung für unsere Branche haben wird.
Mit weniger Sorgen blicke ich dagegen auf unseren Verband. Im Deutschen Weinbauverband hat es in den Jahren 2021 und 2022 zahlreiche Veränderungen gegeben. In der Geschäftsstelle ist nach der Bestellung von Christian Schwörer als Generalsekretär im Jahr 2019 nun in 2021 der Generationswechsel fortgesetzt worden. Mit unseren neuen Fachreferenten Miriam Berner und Matthias Dempfle haben wir zwei junge, hochqualifizierte, engagierte und bereits gut in der Branche vernetzte Mitarbeiter, die exzellente Arbeit für den Weinbausektor leisten. Durch die Austritte der genossenschaftlichen Verbände und des fränkischen Weinbauverbandes sowie die aufgrund der Absage der Intervitis Interfructa fehlenden Messeeinnahmen mussten wir einen erheblichen finanziellen Schlag hinnehmen. Zwar fahren wir seit Jahren bereits einen rigorosen Sparkurs mit unserer Geschäftsstelle, dieser hat jedoch sein Maximum erreicht. Die strukturelle Erhöhung der Mitgliedsbeiträge in diesem Jahr war daher leider unvermeidbar. Wir sind uns der Herausforderung für unsere Mitglieder mit dieser Erhöhung bewusst. Umso dankbarer sind wir, dass diese Erhöhung einstimmig angenommen wurde. Wir werden versuchen, unseren wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb wieder weiter auszubauen, um weitere alternative Finanzquellen zu schaffen.

ddw: Gibt es Überlegungen, die Geschäftsstelle des DWVs nach Berlin zu verlegen, um näher an der Bundespolitik zu sein? 

Klaus Schneider: Nein. Diese Antwort ist klar und aus meiner Sicht bei der derzeitigen Situation auch final. Nicht nur die Bundesanstalt für Landwirtschaft, sondern auch das Landwirtschaftsministerium haben ihren Hauptdienstsitz in Bonn. Hier ist auch das Weinreferat angesiedelt, sodass wir oft unmittelbaren persönlichen Kontakt zum BMEL in Bonn haben. Aber auch die Nähe zu unseren Mitgliedsverbänden und nach Brüssel, wo die politischen Weichen gestellt werden, ist aus unserer Sicht in Bonn ein entscheidender Vorteil. Von Bonn aus sind wir in zwei Stunden mit dem Zug in Brüssel, von Berlin aus muss man fliegen, was man in Zeiten der Diskussion um Nachhaltigkeit auch eher kritisch sieht. Natürlich kommen wir trotzdem regelmäßig zu Gesprächen nach Berlin. Vieles läuft aber auch mittlerweile digital, wenn es um einen kurzfristigen, schnellen Austausch geht.

ddw: Wie funktioniert die Zusammenarbeit bzw. der Austausch mit dem BMEL? Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht unserem Bundeslandwirtschaftsminister der deutsche Weinbau?

Klaus Schneider: Der Austausch mit dem Fachreferat ist eindeutig mit den Worten vertrauensvoll und konstruktiv zu bezeichnen. Wir sind zwar nicht immer einer Meinung, aber das müssen wir ja auch nicht sein. Der Kontakt mit der politischen Spitze und auch die Bedeutung des Weinbaus in der Hausspitze des BMEL hat sich seit der Wahl deutlich verschlechtert. Der Weinbau hat in der Landwirtschaft immer eine besondere Rolle eingenommen, was durch die häufige Anwesenheit von hochrangigen Politikern dokumentiert wurde. Dieser Diskurs, den wir vielfach angeboten haben, findet derzeit nicht statt. 

ddw: Wie wollen Sie als Verband das Jahresthema »Nachhaltigkeit« weiter angehen und voranbringen?

Klaus Schneider: Das ist eine kontroverse und spannende Frage, die ich noch nicht final beantworten kann. Wir sind zwar in der Diskussion in unserem Vorstand einen Schritt weiter gekommen, derzeit sprechen wir weiter mit der Wissenschaft und mit allen Playern am Markt, um die Möglichkeiten auszuloten. Die Diskussion geht hier von einem Wissenstransfer in die Branche bis hin zu einer wie auch immer gearteten Beteiligung an einer Zertifizierung. Wir diskutieren hier ergebnisoffen, sind uns aber bewusst, dass wir zeitnah eine Antwort benötigen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass wir alle Erzeuger bei dieser Diskussion mitnehmen müssen. Diese Gratwanderung versuchen wir aktuell zu meistern.

ddw: Gibt es schon Ideen für das Jahresthema 2023?

Klaus Schneider: Wir werden in diesem Jahr das Thema Nachhaltigkeit sicherlich nicht abschließen können. Auch die Themen Herkunftsprofilierung, Pflanzenschutz und Alkoholpolitik werden uns noch über Jahre weiter beschäftigen. Ich möchte an dieser Stelle daher noch offenlassen, ob wir 2023 wieder ein explizites neues Jahresthema festlegen werden. Ich bin ein großer Fan davon, Dinge die man anfängt auch zielgerichtet und erfolgreich zu Ende zu bringen. Daher liegt mein Fokus derzeit noch auf dem aktuellen Jahr.

ddw: Was wünschen Sie sich ganz persönlich für unsere Branche? Wo möchten Sie diese in zehn Jahren sehen?

Klaus Schneider: Ich wünsche mir, dass die Winzerfamilien in ihren Betrieben den Generationswechsel mit ihren Kindern durchführen können und auch in zehn Jahren noch empfehlen können, unseren schönen Beruf auszuüben und nicht sagen müssen, »Lern erst etwas, das dir dein Einkommen sichert«. Daher müssen wir es schaffen, Weine deutscher Herkunft noch besser zu profilieren und so auch das Einkommen für Winzerinnen und Winzer zu verbessern.

ddw: Zum Abschluss eine persönliche Frage: Wenn Sie dafür Zeit haben, wie entspannen Sie?

Klaus Schneider: Am besten entspanne ich im Kreis meiner Familie und auch bei der Arbeit im Weingut. Ausflüge in unsere Weinbauregionen oder auch gelegentlich in die Anbaugebiete unserer europäischen Nachbarn können dabei helfen.

 


Zur Person

Klaus Schneider, alter und neuer Deutscher Weinbaupräsident stammt aus Dirmstein in der Pfalz. Der 63-jährige Schneider studierte in Geisenheim Weinbau und Kellerwirtschaft und gründete gemeinsam mit seiner Frau Andrea das Wein- und Sektgut Jesuitenhof in Dirmstein. Mittlerweile werden die beiden von Sohn Moritz Schneider unterstützt.

ddw 25-26/22 vom 9.12.2022

Themen der Ausgabe

Marketing

Die Bedeutung von virtuellen Weinverkostungen

Betriebs­wirtschaft

Strategische Markenbildung als Schlüssel zum Betriebserfolg

Markt­forschung


Die Ergebnisse der Geisenheimer Absatzanalyse