Wurzelechte Reben: Der Schatz vieler Winzer (Foto: Natalia/stock.adobe.com)
Wurzelechte Reben: Der Schatz vieler Winzer (Foto: Natalia/stock.adobe.com)

Wurzelechte Reben: Der Schatz vieler Winzer

Wurzelechte Reben sind der Stolz vieler Winzer, manche Pflanzen werden 100 Jahre alt und älter. Und die Weine von den alten Schätzchen gelten als besonders komplex. Auf der Suche nach dem verlorenen Geschmack …
Dieser Artikel ist zuerst erschienen in »Ausgabe 5/2022 von MEININGERS WEINWELT.

Text: Matthias Stelzig

Für viele Winzer sind sie seltene Zeugnisse eines Weinstils, der mit der Reblaus-Katastrophe Ende des 19. Jahrhunderts weitgehend verloren ging. Trotzdem sind sie vom Aussterben bedroht. Es sei denn, ein ganz neuer Trend setzt sich durch. Doch es lohnt ein Blick zurück auf die Geschichte. Das Ende der wurzelechten Reben in Europa ist nämlich so gruselig, es könnte aus einem Bram Stoker-Roman stammen. Dessen Dracula reiste im Bauch eines Schiffes unerkannt ins friedliche Yorkshire, um dort den armen Menschen das Blut auszusaugen. Auch die Reblaus legte mit einem Schiff zunächst im Vereinigten Königreich an. Um 1860 hatten sich europäische Botaniker in den USA für die dortigen Unterarten der Weinrebe begeistert und sie Richtung Heimat verfrachtet. Sie ahnten nicht, dass die Kisten im Laderaum ungebetene Gäste beherbergten, die es auf den Saft der europäischen Reben abgesehen hatten. So wie die Opfer in den Dracula-Romanen nicht wussten, wer ihnen das Blut aussaugte, waren die Winzer zunächst ratlos. In der Zeit verbreitete sich die Zwerglaus aus der Ordnung der Schnabelkerfen über ganz Europa. Einige Gegenden hatte die Reblaus trotzdem nie erreicht. Chile, auf der Westseite der Anden hinter der Atacama-Wüste, blieb bis heute verschont. Australien und Neuseeland waren zu abgelegen, auch Inseln weit im Mittelmeer wie das griechische Santorini oder Rimbach in Unterfranken. Ein bisschen wie ein vergessener Schrebergarten liegt das Flurstück „Zum Brücklein“ dort mit seinen unregelmäßigen Stockreihen mitten im Ackerland am Hang. Gepflanzt 1835, ist er der älteste Weinberg Frankens. „Hier wachsen bis heute 35 Rebsorten, von denen 23 so selten sind, dass sie nicht mal einen Namen haben“, erklärt Winzer Otmar Zang stolz. Doch solche botanischen Schatzkästchen sind rar. Noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts haben Winzer ihre Rebstöcke durch Stecklinge vermehrt und so Lücken im Weinberg geschlossen. Seitdem haben Rebschulen diese Aufgabe mit Pfropfreben übernommen und bei der Zucht oft jedes Jahr aufs Neue die Reben mit den größten Trauben vermehrt. Davon sind nicht alle Winzer überzeugt.

Wurzelechte Reben in Deutschland

In Deutschland finden sich die meisten wurzelechten Reben an der Mosel. „Die Reblaus“, erklärt Christopher Loewen, „verbreitet sich über den Boden und hat in dem trockenen Steinboden ohne viel Feinerde so ihre Schwierigkeiten“. Seine steile Lage im Maximin Herrenberg wurde 1896 gepflanzt und entging irgendwie allen Flurbereinigungen, als viele Nachbarn ihre Erträge um die Wette steigerten. Solche 100 Jahre alte Reben hält so mancher Winzer auch genetisch für geeigneter, zum Beispiel, weil sie feststellen, dass sie unempfindlicher gegen die Pilzkrankheit Botrytis sind. „Die Stiele sind stabiler, wir können die kleinbeerigen Trauben reifer ernten“, beobachtet Stefan Erbes in seinen Lagen Erdener Treppchen und Ürziger Würzgarten. „Etwas kontinuierlicher“ sei die Reifung, stimmt ihm seine Nachbarin in der Lage, Katharina Prüm, zu, „Pfropfreben schlagen plötzlich in die Überreife um.“ „Sie sind auch genetisch vielfältiger. In der Rebschule wachsen tausend eineiige Zwillinge heran“, sagt Loewen, „bei wurzelechten Reben sind es tausend Einzelpersönlichkeiten.“ Giorgi Natenadze hat wurzelechte und gepfropfte Reben gezielt gleichzeitig gepflanzt. „Die alten Pflanzen durchwurzeln den Boden auch mit viel mehr feinen Wurzeln“, erklärt der georgische Winzer. So finden sie auch in trockenen Jahren länger Wasser – und kommen dabei naturgemäß viel mit den Mineralstoffen des Bodens in Berührung. Die könnten sich später als Geschmacksstoffe im Wein wiederfinden. „Das Verhältnis von Wurzelmasse zu Fruchtmasse ist für mich ausschlaggebend“, urteilt Reinhard Löwenstein. Der Winzer überraschte die Weinwelt 2003 mit einem „Oenologischen Manifest“, in dem er eine Analogie zwischen der Theorie des Moselaners Karl Marx und der industriellen Produktion von Wein entwarf. Nach dem Ökonomen lässt die industrielle Fertigung von Waren den Arbeiter verarmen, weil ihm das Produkt seiner Arbeit nicht gehört und fremd ist. Auch beim Wein sieht Löwenstein das Endprodukt so weit von seinem Ursprung, dem Terroir, entfernt, dass es austauschbar wird.

Wurzelechte Reben sind kleine botanische Schätze (Foto: andrewhagen/stock.adobe.com)
Wurzelechte Reben sind kleine botanische Schätze (Foto: andrewhagen/stock.adobe.com)

Das Prinzip der Ertragsmaximierung trifft für viele auch auf die amerikanischen Wurzeln zu. „Je mehr Flüssigkeit sie transportieren, desto mehr Wasser lagern die Trauben ein“, so Erbes. Bei wurzelechten Reben könnte das umgekehrt sein. „Es findet auch ein genetischer Austausch statt“, bestätigt Professor Marc-André Selosse vom Nationalmuseum für Naturgeschichte in Paris. Auch wenn nicht ganz klar ist, welchen Effekt das hat, „braucht man ein Reservoir an guter DNA, und typischerweise haben wilde Vitis vinifera eine höhere Resistenz.“ Immerhin stammen die Stecklinge immer von einem kräftigen Rebstock aus demselben Weinberg und konnten sich so über Generationen an ihre spezifische Umwelt anpassen. „Lange haben Forscher abgestritten, dass sich die Umwelt auf die Gene auswirkt“, sagt Löwenstein, „heute ist das klar.“ Viele Winzer würden diese Reben deshalb gern vermehren. Die Methode dazu heißt französisch-schick „Sélection Massale“ und ist etwa das, was jeder Hobbygärtner mit seinen Zimmerpflanzen macht: Er bricht einen Trieb ab, lässt ihn Wurzeln treiben und pflanzt ihn aus. Nur wurde das ab 2006 verboten, denn ein Gegenmittel für die Reblaus gibt es bis heute nicht. Hinter vorgehaltener Hand erfährt man aber, dass es viele trotzdem tun. Das Risiko ist auch überschaubar. Längst nicht jeder Rebstock hat die typische Verwachsungsstelle unten am Stamm, auf einem Hektar Weinberg können schon mal 10 000 Stöcke eng gedrängt am Steilhang stehen. Definitiv eine Sisyphos-Aufgabe für den Kontrolleur.

Wie schmecken die Weine?

Dann stellt sich natürlich noch die entscheidende Frage: Schmecken die Weine besser? „Vergleiche sind da fast unmöglich“, wehrt Löwenstein ab. „Die Reben müssten ja zur gleichen Zeit gepflanzt und immer gleich behandelt worden sein.“ Das leuchtet ein. Und weil die Sélection Massale nicht legal ist, gibt es da auch kaum belastbare Daten. In einer Probe stellt sich Loewens „1896“ aus dem Jahr 2016 jedenfalls als opulenter Tropfen dar. Viel Schiefer und frische Zitrone, feine Kräuter im Hintergrund, das alles mit Spannung und Tiefe. Entsprechend groß ist oft die emotionale Bindung an solche wurzelechte Stöcke. Markus Schneider aus der Pfalz stieg mit seiner Cuvée „Black Print“ zu einem der bekanntesten deutschen Winzer auf und verkauft Millionen Flaschen davon. Doch Schneiders Lieblingsplätzchen ist ein uralter Hang mit wurzelechtem Portugieser, den er erhalten hat und sortenrein abfüllt. „Auch wenn die Genetik langsam verloren geht“, klagt er. Nachpflanzen kann er nur Pfropfreben. „Das ist tragisch.“ Ganz ähnlich geht es Loïc Pasquet. Der Franzose hat sich auf die Suche nach dem verlorenen Geschmack gemacht. Seine Weine macht der Winzer aus dem Bordelaiser Graves zu einem großen Teil aus Cabernet Sauvignon, den er Petite Verdure nennt, und Uralt-Sorten wie Tarnay, Pardotte und Cabernet Goudable, die kein Mensch kennt. Alle wurzelecht, alle vor der Reblausplage gepflanzt, 20 000 Einzelstöcke pro Hektar, kein Fassausbau. „Kein Mensch hält das in einer Blindprobe für Bordeaux“, sagt er. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben derzeit nicht. Wer den kulturellen Reichtum des „Liber Pater“ schmecken will, muss für eine Flasche bis zu 30 000 Euro auf den Tisch legen. „Kein Preis kann der 150-jährigen Geschichte von Bordeaux wirklich gerecht werden“, kontert Pasquet alle Kritik, seine Mission sei es, „die Praktiken unserer Vorfahren zu erhalten und den ursprünglichen Geschmack von Bordeaux zu bewahren“. Pasquet schlägt den ganz großen Bogen. „Wurzelechte Weine gibt es in Europa seit 8000 Jahren, das ist unsere Kultur.“ Nur leider verboten. „Es gibt aber jede Menge Länder, wo wurzelechte Reben wachsen.“ Er rasselt eine Liste von den Kanaren bis nach Georgien runter. „Die Menschen haben das nur vergessen.“
 

Wurzelechte Reben als Weltkulturerbe

Für Pasquet ist wurzelecht ganz einfach „der Gral des europäischen Weins“, gepfropfte Reben kann man überall pflanzen, „die amerikanischen Wurzeln sind ein Filter, das Terroir bleibt draußen. Im Napa Valley, in Chile oder der Toskana, die Weine schmecken immer gleich.“ Nur wurzelechte Stöcke reflektieren die Herkunft. Deshalb hat er sie zur Chefsache erklärt und will sie als Weltkulturerbe von der UNESCO anerkennen lassen. In seiner Gruppe Francs de Pied – Französisch für wurzelecht – hat er eine illustre Reihe Wurzelecht-Winzer von der Champagne bis nach Kampanien versammelt. Aus Deutschland sind Egon Müller und J. J. Prüm dabei. Schirmherren sind Albert II. von Monaco und die französische Ex-Diplomatin und georgische Präsidentin Salomé Surabischwili. „Viele einflussreiche Leute müssen ins Boot.“ Pasquet versteht etwas davon. Große Ziele, eine komplizierte Gemengelage, wenn es um den wissenschaftlichen Nachweis geht, einiger politischer Widerstand, und letztlich freut sich auch nicht jeder Winzer darüber, wenn man seine Weinbereitung mit Marmelade kochen vergleicht. Kann das klappen mit dem Kulturerbe? „Das ist normal, dass sich Leute da sträuben“, so Pasquet, „wenn man ihnen sagt, sie machen Fehler mit fettem Merlot. Aber wir müssen das Erbe schützen – und Baguette hat es ja auch geschafft.“ So einfach ist das.

Ausgabe 03/2023

MEININGERS WEINWELT

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Kohldampf auf Pasta

Nudeln machen glücklich! Deswegen ist unsere Pasta mit Grünkohl, Brokkoli & Pistazien genau das richtige für alle Nudelfans, die gerade einen Powerkick nötig haben. Sommelière Sabrina Jüttner empfiehlt dazu einen Riesling aus dem Rheingau und sorgt damit für ein gelungenes Match. »Zu Rezept & Weinempfehlung

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Die gibt es überall, auch in der Weinwelt. Wir haben uns mit ausgewählten Markenkünstlerinnen und -künstlern aus der internationalen Weinszene unterhalten und erfahren, was hinter dem Erfolg bekannter Markenweine steckt und wie sie entstehen.

Auf an die Nahe!

Wenn es um die renommiertesten Weingüter Deutschlands geht, dann darf der Name Dönnhoff auf keinen Fall fehlen. Aus Trauben, die aus den legendärsten Lagen der Nahe stammen, baut Cornelius Dönnhoff tiefgründige und extrem lagerfähige Rieslinge aus, die sich ihre internationale Bekanntheit verdient haben.