Romana Echensperger spricht über die Popularität der biodynamischen Idee.
Romana Echensperger spricht über die Popularität der biodynamischen Idee.

Moderne Biodynamie

Wer heute die Mitgliederlisten der einschlägigen biodynamischen Verbände liest, findet darauf das Who’s who der Winzerwelt. Eine Wirtschaftsform, die noch vor zehn Jahren für Praktiken wie das Vergraben von Kuhhörnern belächelt wurde, sorgt heute für große Veränderungen in der Weinwelt. Es ist daher interessant sich anzusehen, was gerade die neue Generation von Spitzenwinzern an den fast 100 Jahre alten Ideen finden. Was ist das Moderne an der Biodynamie?
Um die Frage zu beantworten hilft ein Blick auf die Geschichte und darauf, wie Agrarwissenschaften funktionieren. So gibt es den berechtigten Kritikpunkt, dass diese zu sehr unter dem Einfluss der Agrarchemie standen. Das lag auch am vermeintlichen Methodenvorteil. Düngeversuche etwa, waren einfacher durchzuführen, als das komplexe Bodenleben zu untersuchen. Vermeintliche Erkenntnisse der Düngeversuche sind zudem einfach in die Praxis umzusetzen und können durch den Verkauf entsprechender Produkte kommerzialisiert werden. Eine weitere Problematik war und ist bis heute, dass sich viel Praxiswissen den konventionellen naturwissenschaftlichen Methoden entzieht. Wie etwa der Bodenzustand, der mit seiner unterschiedlich großen Krümeligkeit viel darüber verrät, ob der Boden bereit für die Einsaat ist. Wie will man das messen? Da ist Gespür und Erfahrung gefragt. Sentimentalitäten, für die im Siegeszug der Industrialisierung und Mechanisierung kein Platz geblieben ist. Man pflügt einfach drüber, obwohl man bis heute nicht sagen kann, welche die optimale Pflugform oder Pflugtiefe ist. Die negativen Folgen, die sich oft erst nach Jahrzehnten zeigen, wurden bis dato gerne ausgeblendet. Viele Winzer wie Landwirte erleben das in der Praxis und sind damit unzufrieden. 
Ebenso muss man sich ansehen, wie Wissensvermittlung stattfindet. Das naturwissenschaftliche Wissen wird immer größer und unübersichtlicher. Nachdem auf die Erfahrung und das Gespür der Betriebsleiter in der konventionellen Praxis wenig Wert gelegt wird, kann diese Fülle von Know-how schnell für Unsicherheit und Überforderung sorgen. Praktiker, die sich nicht mehr zutrauen, eigenständig Entscheidungen zu treffen. Ein breites Beraternetzwerk bietet Hilfe an, schafft aber Abhängigkeiten. Das Rund-um-sorglos-Paket der Agrarindustrie, bei dem der Praktiker nicht mehr durchblickt, welches Mittel nun für was gebraucht wird, ob er das auch wirklich benötigt oder ob ihm einfach was verkauft werden soll. 
Die Biodynamie kann einen von vielen Wegen aus diesen Sackgassen weisen. Mit ihrem Naturbild ermöglicht sie Praktikern, sämtliches Wissen einzuordnen und für sich sowie ihren Betrieb souverän zu gewichten. In dem die Biodynamie Erfahrung und Gespür der Winzer wieder für die landwirtschaftliche Praxis nutzbar macht, befähigt sie diese, ihren Betrieb wieder als Ganzes zu denken. So entsteht ein neues Selbstbewusstsein, sowie eine neue Freiheit im Denken. Das ist das, was die Biodynamie so attraktiv für die junge Generation macht. Dabei sind die neuen Spitzenwinzer so erfolgreich, weil sie die Biodynamie nicht als Alternative zur Naturwissenschaft verstehen, sondern als Erweiterung begreifen. Sie haben für sich entschieden, dass Landwirtschaft und Weinbau mit seinen natürlichen Beziehungsgeflechten so komplex sind, dass nicht nur Agrarwissenschaftler und die Agrarindustrie etwas dazu zu sagen haben, sondern auch sie selbst.