Kalifornien muss man erleben. Menschen. Landschaften. Orte. Wineries. Wein ist ein exzellenter Führer in den berühmten Anbauregionen Napa und Sonoma. Denn Wein wird von einem Enthusiasmus begleitet, wie wir ihn kaum kennen. Lassen Sie sich anstecken und anregen und lernen Sie mit uns einige der faszinierendsten Adressen kennen. 

Als ich über die Golden Gate Bridge ratterte, schien noch die Sonne. Dann aber häuften sich die Wolken, die vom Pazifik ins Land zogen. Sie erinnerten daran, dass dessen mäßigende Einflüsse eine Hauptrolle bei kalifornischer Weinqualität spielen. Gleich hinter Healdsburg beginnt das Alexander Valley, ein breites Tal, eingerahmt von niedrigen Höhenzügen. Rund 30 Kilometer vom Pazifik entfernt, zählt es zu den wärmsten Anbaugebieten. Dies ist nicht das Reich des Pinot Noir, mit dem Sonoma sein Image in letzter Zeit erheblich aufpolierte, sondern von enormen alten Zinfandel- und Petite Sirah-Stöcken. Früher Quelle billiger “jug wines”, stammen nun einige der besten Zins Kaliforniens aus dem Tal. Man denke an Seghesio, Sausal und ... Stryker. Stryker? Gab es früher in Sonoma und Napa vorwiegend größere Wineries, hat eine neue Dynamik eingesetzt. Viele kleine Betriebe sind entstanden und heißen Besucher gern willkommen. Oft wird ihre Produktion vorwiegend im eigenen Tasting Room abgesetzt. Aber der Besuch lohnt. Stryker Sonoma ist dafür ein Beispiel. Die moderne Winery fügt sich vorbildlich in die Landschaft ein. Mit viel Glas schufen die Architekten einen faszinierenden Austausch zwischen Innen und Außen und verblüffend stimmige Raumgefühle. Millionenerbin Pat Stryker bewies nicht nur beim Bau Intuition. Winemaker Tim Hardin kreiert in Handarbeit an die 30 verschiedene Weine in Mini-Mengen, darunter kernige Zinfandels und großartige Cabernets wie den 2006 Estate, der 2010 zum besten Rotwein Sonomas gekürt wurde!

Probieren macht hungrig. Der nahe Jimtown Store ist seit 1895 Treffpunkt für Einheimische und Passanten aller Art. Seit 1991 gibt die smarte Carrie Brown ihm neuen Pep. Hier stärkt man sich mit origineller hausgemachter Kost auf Bänken, drinnen oder draußen. Die Zutaten stammen von Gärtnern und Bauern aus der Region. Local & organic (Bio) lautet die Devise, die mich von nun an auf Schritt und Tritt begleitet. Healdsburg ist das Zentrum des nördlichen Sonoma County, ein nettes Städtchen mit quadratischem Platz. Darum reihen sich Restaurants, Geschäfte und Tasting Rooms. Gallos früheren hat inzwischen Jean-Claude Boisset von seiner Frau Gina übernommen. Dort kann man seine kalifornischen Weine mit Boisset-Burgundern vergleichen. Ist es Absicht, dass die ersten besser schmecken?
Morgennebel, moderate Temperaturen und geeignete Böden haben das Russian River Valley, südwestlich von Healdsburg, zum Eldorado für Chardonnay und Pinot Noir gemacht. Twomey Cellars hat sich auf letzteren spezialisiert. Alle vier Pinots verschiedener Herkünfte liegen unter 14 Prozent Alkohol und wurden spontan vergoren. Winemaker Ben Cane gelingen wunderbar geschliffene Weine, die man im modernen Tasting Room bei Weitblick genießt. Beim Lynmar Estate ist die Hälfte des 40 Hektar großen Guts mit Chardonnay und Pinot Noir bestockt, der mit intensiven Aromen von Blüten, Beeren und Gewürzen höchste Auszeichnungen errang. Im Garten wächst biologisches Gemüse, die Basis delikater Gerichte, die auf der weiten Terrasse zu eigenen Weinen serviert werden. Versäumen Sie nicht die Florence Avenue im nahen Sebastopol. Dort produziert der kanadische Künstler Patrick Amiot aus Schrott skurrilste Skulpturen, unter anderem für die Vorgärten seiner Nachbarn. Seine Frau Brigitte Laurent verleiht ihnen mit Farbe zusätzlichen Witz.
Beim samtigen Russian River Valley Pinot Noir mit seiner intensiven Frucht rümpfen Insider inzwischen die Nase. Sie folgen dem neuesten Trend zu schlankeren, frischeren Pinots Noirs von noch kühleren Lagen wie der Sonoma Coast. Die Küste muss man sehen und dem Highway One nach Norden folgen. Eine kurvenreiche Strecke mit spektakulären Felskulissen und aufwirbelnder Gischt. Im Armstrong Redwood Nationalpark warten die beeindruckendsten Baumrie- sen Sonomas. Nahe der Bodega Bay sind die Sonoma Coast Villas mit ihrem toskanischen Flair eine ideale Basis. Im Duck Club Restaurant werden frische Zutaten von lokalen Biobauern mit Esprit zubereitet. Strategisch gut platziert ist der komfortable The Vintners Inn in Santa Rosa. Im dazu gehörenden John Ash & Company steht Thomas Schmidt am Herd, ein Kalifornier, der viele Jahre das Topaz in Bremen betrieb. Tom kocht kalifornisch, vielseitig inspiriert, doch mit deutlich mexikanischem Touch.
Buena Vista ist die Keimzelle feiner Weinkultur in Kalifornien. Gegründet vom ungarischen Grafen Agoston Haraszthya 1857, ist der nach 1940 restaurierte Kellerbau heute Tasting Room. Dort empfängt mich Ex-Lehrer Joe zur Cheese & Wine Experience. Amüsant zu schmecken, wie sich Weine verändern, je nachdem, was man sich in den Mund schiebt. Übrigens haben die Weine vom Ramal Vineyard in Carneros Format. Im rappelvollen The girl & the fig-Restaurant an Sonomas Hauptplatz serviert man französisch inspirierte Küche, aber auch lokale Käse und Charcuterie. Dann wartet Walter Schug auf mich. Walter, 76 Jahre jung, ist einer der Wegbereiter des kalifornischen Weins. Auf dem Staatsweingut Assmannshausen aufgewachsen und mit Geisenheim-Diplom versehen, sah er schon 1959 seine Chance in Kalifornien und wurde 1973 Winemaker bei Joseph Phelps. Aber Walters Liebe gehörte seit eh und je dem Pinot Noir. Ab 1983 selbstständig, erwarb er 1989 im kühlen Carneros 20 Hektar und errichtete dort sein eigenes Gut im Fachwerkstil. Liebend gern erklärt er die Vorzüge seiner kühlen Lagen, Grundlage hervorragender Pinots Noirs und Chardonnays. Die Ledson Winery am Sonoma Higway sieht wie ein altes normannisches Schloss aus, doch Steve Ledsons Fantasiebau wurde erst 1993 errichtet. In Glen Ellen führt die Benziger Family auf ihrem 34-Hektar-Gut vor, was biodynamischer Anbau ist. Sehenswert. Sonst dreht sich dort alles um Jack London, der von 1909 bis zu seinem Tode 1916 auf der Beauty Ranch, heute Jack London State Historic Park, lebte. Unten im Ort komme ich in der netten Jack London Lodge unter und kehre in ihrem Saloon ein. Hier treffen sich die “locals”. In ihrer Gesellschaft klingt mein letzter Abend in Sonoma angeregt aus.

Klassiker und Avantgarde

Durch die Mayacamas Mountains, die Sonoma und Napa trennen, gelange ich nach Calistoga, dem nördlichsten, wärmsten Zipfel des Napa Valley. Hier wachsen besonders volle, konzentrierte Rotweine. Man traut seinen Augen kaum, wenn man vor dem Ort einen Hang hinauffährt. Plötzlich sieht man eine wahrhaftige Burg vor sich. Dario Sattui, Winzer, Bauund Burgherr, hat absichtlich diverse Stile in sein Castello di Amorosa integriert. Ein Stein gewordener, 2007 fertig gestellter Traum von 107 Zimmern und Kellergewölbe auf über 8000 Quadratmetern. Dort reifen italienische Sorten, aber die Krönung ist die Cabernet Reserve Il Barone. Hinter der Natursteinfassade des 1882 gegründeten Chateau Montelena verbirgt sich vor allem der Kellerraum. Die Renaissance des Guts begann 1972 mit dem Anwalt James Barrett. Beim legendären Pariser Weinwettbewerb 1976 gewann sein Chardonnay Jahrgang 1973. Eine Sensation. Seither zählt Chateau Montelena zu den besten Napa-Erzeugern, auch mit Cabernet Sauvignon und Zinfandel. Trotz der Qualität der Weine denken Amerikaner bei Calistoga zuerst an heiße Quellen. Samuel Brannon, erster Millionär des Goldrush, eröffnete dort 1862 sein Hot Springs Resort. Damit reiche Städter dieses problemlos erreichen konnten, baute er eine Eisenbahnlinie von San Francisco. Heute hat sie sich in den Napa Valley Wine Train verwandelt, in dem man gemütlich entlang des Highway 29 von Napa nach St. Helena zukkelt und in den prächtig restaurierten Wagen feine Küche und ausgewählte Weine genießt. In Calistoga boomen Spas, die heißbegehrte Schlammbäder anbieten. Nette Unterkunft findet man im familiären EuroSpa & Inn. Mehr zur Geschichte Calistogas zeigt das kleine, reizvolle Sharpsteen Museum. Gute Kost gibt es im Barolo, einer italienischen Bar, einfallsreiche Sterne- Küche vom Frühstück bis Abendessen im modernen Restaurant Solbar etwas außerhalb. Aber Sie sollten den Ort nicht verlassen, ohne bei T’Anne Butcher eine Wine Sensory Experience mitgemacht zu haben.  einander liegen. Joseph Phelps gigantischen Redwood-“Schuppen” findet man östlich des Trails. Phelps war einer der Pioniere. Auch dank Walter Schug, seinem ersten Winemaker. Walter kreierte Insignia, die erste Spitzenblend aus Bordeaux-Sorten des Tals, und vinifizierte den ersten Syrah der USA.

Aber Napa besteht nicht nur aus Klassikern. Newcomer CADE hat einen avantgardischen ökologischen Keller auf dem Howell Mountain errichtet mit gebogenen Barrique-Tunneln im Berg und davor kleinen Gärtanks, einen für jeden Rebblock. Mit Solarenergie, reduziertem Wasserverbrauch, Bio-Anbau, Landschaftsschutz und hervorragenden Weinen. Vor allem dem Cade Estate Cabernet Sauvignon! Immer wieder überrascht Kalifornien mit wegweisenden Projekten. Dazu zählt Quintessa. Dem Chilenen Agustin Huneeus, früher Chef von Concha y Toro, und seiner Frau Valeria gelang es, 1990 ein 113 Hektar großes, jungfräuliches(!) Gelände in Rutherford zu erwerben. Davon haben sie auf 69 Hektar biodynamisch gepflegte Weinberge angelegt. Vom Aussichtspunkt nehmen Besucher wahr, mit welchem Respekt für Natur und Bäume das Gut entwickelt wurde. Die Weinbereitung vollzieht sich per Schwerkraft in der bestens in den Hang integrierten Winery unter der Regie von Charles Thomas, unter anderem Ex-Chief-Winemaker von Mondavi. Resultat: Quintessa – eine hochklassige Cuvée aus Bordeaux-Sorten.
Dritter im Bunde der Avantgardisten ist Hall. Die frühere Botschafterin der USA in Wien Kathryn Hall und ihr Mann Craig begannen 2003, Wein im Napa-Tal zu erzeugen. Inzwischen haben sie 186 Hektar bestockt, die anerkannt biologisch bewirtschaftet werden. Gern empfangen sie Besucher auf ihrem Gut, östlich von Rutherford. Unter der Villenetage mit exquisiter moderner Kunst vergären nur rare Topweine wie Cabernet Sauvignon aus dem umgebenden Sacrashe Vineyard. 
Das ruhige Yountville hat sich zur Gourmet- Kapitale des Tals aufgeschwungen. Bei Hurley’s treffen sich Napa-Winemaker, denn Chef Bob kocht kalifornisch mit mediterranem Touch, gut und günstig. Liebenswert kommt man im Lavender Inn unter, wo man Gästen mit Humor und Großzügigkeit begegnet. Bill Keever verbindet mit Deutschland viele Erinnerungen aus seiner Zeit in Düsseldorf. Jetzt erzeugt er mit Frau, Kindern und Winemakerin Celia Welch auf knapp drei Hektar Hanglage einen beeindruckenden Yountville Cabernet Sauvignon. Während bei Keevers alles neu und gediegen ist, wird die Hopper Creek Winery wegen Ursprünglich- und Herzlichkeit als Geheimtipp gehandelt. Sie ist das Steckenpferd des Deutschen Dieter Tede, der als Reeder in San Francisco Karriere machte. Winemaker Barry Grushkowitz erzeugt pro Jahr 2 500 Kisten Wein im Garagenstil, unter anderem Cab, Zin und Syrah mit Charakter, mit denen der joviale Dan Besucher im Tasting Room bezaubert. Ich habe mir die Stadt Napa als Finale aufgehoben. Unterkunft finde ich in La Residence, einem luxuriösen Inn mit historischem Herrenhaus, schönem Garten und Pool. Am Rande von Downtown Napa ist der Oxbow Public Market ein Eldorado für Genießer. In animierendem Ambiente findet man hier die besten Produkte der Region und Leckeres zum sofortigen Genuss. Auf die meisten Shops und Tasting Rooms stößt man in der 1st, 2nd und der Main Street. In letzterer überrascht das Ubuntu Restaurant mit höchst originellem vegetarischem Essen, mit dem Chef Aaron London einen Stern errang. Durchgehend “grüne” Philosophie, einschließlich Design und Weinkarte. Aktueller kalifornischer Trend. 

André Dominé  

Noch ist der Klimawandel ein Thema, das in Deutschland nur vereinzelt Aufmerksamkeit erregt, doch er stellt auch den deutschen Weinbau vor große Herausforderungen. In südlicheren Gefilden ist er inzwischen viel präsenter und führt zur Vernichtung vieler Weinberge.