Die unterirdischen Kathedralen der großen Champagnerhäuser in Epernay und Reims locken Jahr für Jahr Millionen Besucher unter die Erde. Häuser wie Pommery überraschen mit zeitgenössischer Kunst auf Spitzenniveau, und das zwischen Millionen von Champagnerflaschen, 30 Meter unter der Erde. Zurück am Tageslicht lockt die kulinarische Seite der Champagne.  

Ganz gleich, ob im Marnetal, an der Côte des Blancs oder Montagne de Reims – der Blick von den meist leicht erhöht in den Weinbergen liegenden Orten in die offene Tallandschaft vermittelt immer das Gefühl von Weite und Ruhe. Die Champagne ist keine spektakuläre Landschaft à la Toskana, Steiermark, Donau- oder Moseltal, ist weder lieblich verspielt noch dramatisch und herb. Nichts – so scheint es – soll ablenken vom Wesentlichen: vom Champagner. Das große Theater wird den Besuchern meist unter der Erde geboten, in den kilometerlangen Kreide- und Kalksteinkellern von Epernay und Reims. Der letzte Akt steigt dann in einem der vorzüglichen Restaurants der Region. Doch bevor es zu Tisch geht, steht der Besuch in einem der großen Champagnerhäuser auf dem Programm. Gerade für Champagner-Einsteiger ein echter Pflichttermin. Denn bei den Führungen werden die Grundlagen der Champagnerbereitung ebenso professionell wie anschaulich vermittelt. Angefangen bei den aktuell 32 000 Hektar Weinbergen, verteilt auf 318 Crus, darunter 17 Grands Crus und 44 Premier Crus, über die drei Hauptrebsorten Pinot Noir, Pinot Meunier und Chardonnay, bis zur Champagnerherstellung mittels traditioneller Flaschengärung, mit dem Dégorgement, dem Entfernen der im Flaschenhals gesammelten Hefe, als Abschluss.

In Epernay beginnt das Besuchsprogramm eigentlich schon mit einem Spaziergang entlang der Avenue de Champagne, die gesäumt ist von vielen großen Namen der Champagnerwelt wie Moët & Chandon, Pol Roger, Perrier-Jouët oder Mercier, um nur die bekanntesten zu nennen. Wer gut zu Fuß ist, kann sich beispielsweise in die hübsche Villa Eugène einquartieren. Neben den reizvollen Zimmern ist der helle Frühstücksraum aus der Belle Epoque mit seinem Mosaikfußboden und den hohen Fenstern mit Blick in den Park ein Highlight. Hier macht sich bei Milchkaffee und Croissant schon am Morgen Champagnerlaune breit.
Das Hotel wurde benannt nach Eugène Mercier und liegt am Stadtrand von Epernay, unmittelbar am Beginn der frisch gepflasterten Avenue de Champagne, deren breite Trottoirs rechts und links sehr abwechslungsreich mit verschiedenen Bäumen begrünt wurden. Keine 100 Meter vom Hotel entfernt liegt das Champagnerhaus Mercier. Jener Eugène Mercier war ein echter Pionier in der Vermarktung von Champagner und mitverantwortlich für den kometenhaften Aufstieg des Champagners Ende des 19. Jahrhunderts in der Pariser Bourgeoisie. Nebenbei machte er seine Marke zu einer der bekanntesten Marken jener Zeit. Noch heute zählt Mercier – inzwischen wie Moët & Chandon, Veuve Clicquot, Ruinart oder Krug Teil des Luxusgüterkonzerns LVMH – zu den meistverkauften Champagnern in Frankreich und rangiert unter den Top 5 der meistbesuchten Champagnerhäuser. In den altehrwürdigen Hallen sind viele Zeugnisse seines Marketingtalents zu sehen. So wie das seinerzeit größte Weinfass der Welt, das er unter größten Anstrengungen nach Paris zur Weltausstellung transportieren ließ. Mercier ist auch das einzige Champagnerhaus, dessen kilometerlange Gänge die Besucher bequem auf einem Zug besichtigen können. Von Mercier bis zum Firmensitz von Moët & Chandon ganz am anderen Ende der Avenue im Stadtzentrum von Epernay sind es etwa zwei Kilometer. Das Champagnerhaus der Superlative setzt auch in Sachen Tourismus Maßstäbe. Alle 10 bis 15 Minuten startet eine Besuchergruppe in die insgesamt 28 Kilometer langen Keller. Führungen werden in elf Sprachen angeboten, wobei man eine deutsche Führung möglichst einen Tag im Voraus reservieren sollte. Deutsche gehören nicht gerade zu den stärksten Touristengruppen. Die Preise beginnen bei 14,50 Euro für eine traditionelle Führung, die mit einem Glas Champagner abgeschlossen wird, bis zur “Visite Grand Vintage” für 27 Euro inklusive zweier Jahrgangschampagner. Wer keine Lust auf Gruppenführungen hat, kann auch Privatführungen ab 60 Euro buchen.
Weit “intimer” wirkt im Vergleich dazu ein Besuch des Champagnerhauses Perrier- Jouët. Hier werden, wie in vielen Champagnerhäusern üblich, Führungen nur nach vorheriger Reservierung angeboten. Ein spontaner Besuch der Boutique mit zahlreichen Accessoires ist tagsüber jedoch auch ohne Voranmeldung möglich. Im Falle von Perrier-Jouët besonders für Fans der “Art Nouveau” zu empfehlen. Vis-à-vis des Champagnerhauses, in der Maison Belle Epoque, werden wahre Schätze von Künstlern wie Majorelle, Lalique, Guimard, Rodin oder Toulouse-Lautrec aus jener kurzen, aber sehr kreativen Epoche zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufbewahrt, in der Champagner die Pariser oder Berliner Salons eroberte und als sinnlich frivoler Mythos geboren wurde. Leider gehören viel Glück oder gute Argumente als großer Kunstfreund dazu, wenn man als Besucher einen kurzen Blick in die Villa, die heute als Gästehaus von Perrier Jouët dient, werfen möchte.

Ohne Überredungskunst können kunstsinnige Champagnerfreunde seit diesem Sommer in Reims in die Epoche des Jugendstils eintauchen. Kunstsammler Paul-Vrançois Vranken, Mehrheitseigner der Vranken-Pommery- Gruppe, hat die Villa Demoiselle originalgetreu in den Zustand um 1900 zurückversetzt. Mosaike, Tapeten, Möbel, Fenster, alles wurde mit großer Detailliebe restauriert oder von Kunsthandwerkern rekonstruiert. Rund eine Stunde dauert die Führung durch alle fünf Etagen der Villa, gefolgt von einer Verkostung der Champagner von Vranken Demoiselle. Die Preise für eine Gruppe von bis zu zehn Personen beginnen je nach Verkostungspaket bei 200 Euro. Wer allein, als Paar oder Familie reist, kann sich mit etwas Glück einer Gruppe anschließen. Ideal kombinieren lässt sich ein Besuch der Villa mit einer Kellerführung bei Pommery. Das wohl spektakulärste Anwesen der Champagne wurde im 19. Jahrhundert in einem betont britischen, neo-gotischen Stil erbaut. Mit 110 000 Besuchern im Jahr 2009 ist die Domaine Pommery der unangefochtene Besucherkrösus, noch vor Moët & Chandon. Und Pommery ist eines der wenigen Champagnerhäuser, das über die spektakulären Crayères verfügt. So werden die kegelförmigen, bis zu 70 Meter hohen unterirdischen Steinbrüche genannt, die hauptsächlich ab dem 10. Jahrhundert in die Kreide gegraben wurden, um den wertvollen und vor allem leicht zu bearbeitenden Baustoff aus der Erde zu holen. Die so entstandenen Höhlen eignen sich perfekt für die Lagerung von Champagner. Pommery nutzt diese imposante Kulisse jedes Jahr für eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die Experience Pommery, die in diesem Jahr unter dem Motto “Unsere schönsten Erinnerungen” steht (bis 31. März 2011).

Einen gesteigerten Designanspruch haben auch die zahlreichen Lifestyle-Accessoires, mit denen Veuve Clicquot seit Jahren sein modisch-schickes Image pflegt. Kooperationen mit der Edelbootsschmiede Riva, mit Pucci oder Porsche Design sind nur einige Beispiele aus den letzten Jahren. In der Boutique von Veuve Clicquot sind diese und viele andere Accessoires mit dem markanten Clicquot- Farb-Code zu finden. Führungen in englischer und französischer Sprache werden auf Voranmeldung ab 16 Euro pro Person angeboten. Außergewöhnlich ist die Besuchsvariante “Arômatiquement vôtre”, bei der nach der Kellerführung vier Jahrgangschampagner mit verschiedenen Käsesorten verkostet werden (Preis: 75 Euro/Person).
Anstatt Design, Kunst oder die große Champagnerhistorie in dem Mittelpunkt zu rücken gewährt Champagne Nicolas Feuillatte in Chouilly unweit von Epernay einen nicht minder faszinierenden Einblick in die moderne Champagnerproduktion auf technischem Topniveau: Gigantische, glänzende Stahltanks, lange Reihen computergesteuerter “giropalettes”, in denen die Champagnerflaschen für das Degorgement vorbereitet werden und – dann doch – dazwischen immer wieder moderne Kunst und Lichteffekte. Für 5,50 Euro pro Person inklusive einem Glas Champagner gewinnen die Besucher hier bei einem Rundgang durch die Hightech-Kellerei eine ungefähre Ahnung von der enormen Dimension und technischen Perfektion der großen Champagnerfirmen.
Wem die Welt der Champagnerhäuser über der Erde zu pompös und unter der Erde zu bedrückend und dunkel erscheinen mag, dem bietet sich in Form der Winzerbetriebe ein nicht minder reizvolles Kontrastprogramm. Doch wie aus den mehr als 3 000 Winzern den passenden auswählen? Ein sicherer Tipp sind alle 25 Betriebe, die zum Club Trésors de Champagne gehören. Einige Winzer sprechen sogar deutsch, sowie die Familie Goutorbe im Grand-Cru-Städtchen Aÿ. Réné Goutorbe und seine Frau Nicole erzeugen und verkaufen erfreulicherweise nicht nur äußerst preiswerte und sehr gute, stoffige und fruchtbetonte Champagner, sie leiten nebenbei auch noch das charmante Castel Jeanson. Dieses vor wenigen Jahren neu eröffnete, familiäre und gepflegte Hotel im Stil der Belle Epoque liegt nur wenige 100 Meter vom Weingut entfernt in der gleichen Straße, der Rue Jeanson. All jenen, die einmal so richtig in die Arbeit im Weinberg oder im Keller hineinschnuppern möchten, bietet Champagne de Telmont seine sogenannten Ateliers an. Im Atelier de l’Oenologie können kleinere Gruppen nach einer ausführlichen Einführung in die Kunst der Assemblage aus verschiedenen Grundweinen ihre eigene Cuvée von 24 bis zu 300 Flaschen zusammenstellen. Geleitet wird dieses Seminar durch den Inhaber Bertrand Lhopital persönlich. Genauso wie die “24 Stunden in den Weinbergen”: Der Tag beginnt mit einer Einführung in die Weinlese, gefolgt von einem Picknick in den Weinbergen. Nach soviel Frischluft ist es Zeit für einen Besuch der Kellerei und als Abschluss geht’s zu einem Dinner ins traditionsreiche Royal Champagne, wo ausgiebig Gelegenheit besteht, mit Bertrand Lhopital über die Eindrücke des Tages zu plaudern. In Verbindung mit dem einzigartigen Blick von Champillon hinunter ins abendlich beleuchtete Marnetal ein besonders intensives Champagnererlebnis.

Für das absolute kulinarische Highlight der Champagne sorgt Arnaud Lallement mit seinem Restaurant Assiette Champenoise in Tinqueux bei Reims. Lallement kocht mit atemberaubender Präzision und jugendlicher Experimentierfreude. Legendär sind seine Vorspeisenvariationen von der Tomate, die perfekt mit einem feinfruchtigen Roséchampagner harmoniert. Am besten mit Krug Rosé, doch diese Kombination sprengt so manches Reisebudget. Vergleichsweise leistbar sind hingegen seine frisch renovierten, großzügigen und stilvollen Zimmer.
Bevor sich Lallement an die Spitze der aktuell sieben Sterne-Restaurants der Champagne setzte, nahm das Les Crayères diese Führungsrolle ein. Unter Leitung von Gérard Boyer gehörte der Gourmettempel mit angeschlossenem Luxusboutiquehotel viele Jahre zu den besten Adressen Frankreichs. Nachdem sich der Meister in den Ruhestand verabschiedete, sorgten mehrere Wechsel des Küchenchefs für eine Degradierung durch die gestrengen Michelintester. Bleibt zu hoffen, dass unter dem neuen Küchenchef Philippe Mille wieder Kontinuität einzieht. Dafür hat sich die erst im Vorjahr eröffnete Brasserie Le Jardin im Park des Anwesens zu einem echten Treffer entwickelt. Das liegt neben der zeitgemäßen, abwechslungsreichen Küche und dem geschmackvollen Ambiente auch an der perfekten Lage unweit zahlreicher Champagnerhäuser von Pommery und Ruinart über Taittinger bis Veuve Clicquot.

Ähnlich großer Beliebtheit erfreut sich das Restaurant La Grillade Gourmande in Reims, nicht mehr als fünf Minuten Fußweg von Moët & Chandon entfernt. Patron Christophe Bernard steht persönlich in der Küche, seine Frau Kristel leitet den Service. Wer angesichts des Namens von Fleischbergen vom Grill träumt, wird allerdings enttäuscht, alle anderen werden vom feinen Essen in entspannter Atmosphäre begeistert sein. Vielleicht der Geheimtipp unter den zahlreichen Restaurants von Epernay. 
Sascha Speicher  
 



Champagnerhäuser

 

Champagne Nicolas Feuillatte Chouilly
www.feuillatte.com
Für die deutsche Führung +33 326 595563
Ein Rundgang durch die heiligen Hallen der Domäne kostet 5,50 Euro pro Person inklusive einem Glas Champagner.


Champagne Moët & Chandon
[email protected]
www.moet.de
Moët & Chandon veranstalten Führungen für Touristen in elf Sprachen. Die Führungen kosten zwischen 14,50 Euro und 27 Euro, je nach Führungsinhalt und anschließender Verkostung.


Champagne Pommery
5, Place Général Gouraud
51100 Reims
www.pommery.com
Reservierung: +33 326 616256
Pommery veranstaltet eine einstündige Führung durch die hauseigenen Kreidehöhlen, in denen der Champagner gelagert wird. Die Führung kostet 17 Euro, inklusive einem Glas Pommery Brut Royal.


Villa Demoiselle
56, Boulevard Henry-Vasnier;
51100 Reims
+ 33 3 26358050
Die Vranken-Pommery-Gruppe bietet eine einstündige Führung durch die Villa Demoiselle, gefolgt von einer Verkostung der Champagner. Preise je nach Verkostungspaket ab 200 Euro.


Champagne Perrier-Jouët
26, Avenue de Champagne
51201 Epernay
+33 326 533810


Champagne Mercier
68-70 Avenue de Champagne
51200 Epernay
[email protected]
www.champagnemercier.com
Das Champagnerhaus Mercier bietet für interessierte Champagnerfreunde geführte Touren mit anschließender kleiner Verkostung durch seine Keller. 9 bis 14 Euro kostet eine Führung, abhängig von der anschließenden Champagnerverkostung.

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