Silvaner-Entdeckung an der Hessischen Bergstraße: Julien Meissner und Rabea Trautmann von Schloss Schönberg (Foto: Malte Grüner)
Silvaner-Entdeckung an der Hessischen Bergstraße: Julien Meissner und Rabea Trautmann von Schloss Schönberg (Foto: Malte Grüner)

Silvaner-Suite

Das Silvaner-Universum hat in den letzten Jahren so viele Veränderungen erlebt, dass man sich der Dynamik schrittweise nähern muss, um nicht den Überblick zu verlieren. Die wesentlichen Faktoren sind in vier verschiedenen Bereichen zu finden, die jedoch nicht isoliert stehen, sondern einander beeinflussen. Herkunft und Handschrift spielen dabei eine entscheidende Rolle. 

1. Regionale Hotspots

Jenseits der althergebrachten Silvaner-Epizentren im Maindreieck und im Steigerwald findet man heute auch in den „Outskirts“ im Norden (z. B. in Garstadt und Ramsthal) und Südwesten (speziell das Taubertal mit den Weingütern Stahl und Krämer) mehr beachtenswerte Individualisten als je zuvor. In einer überschaubareren Zahl vollzieht sich diese Entwicklung auch innerhalb anderer Anbaugebiete – konkret gilt das für Rheinhessen, die Pfalz und im Einzelfallbeispiel für die Hessische Bergstraße. 

2. Newcomer & Geheimtipps

Neben Franken-Newcomern wie Laura Seufert, Tom Glass, Tobias Winkler oder Marco Geßner fielen uns einige Betriebe aus der flächenmäßig größten Anbauregion Rheinhessen (aktuell knapp über 2.000 Hektar Silvaner) positiv auf, die zwar nicht alle als Newcomer gelten, aber auch nicht unbedingt sofort mit Silvaner in Verbindung gebracht wurden – zu Unrecht. Denn was Hans Oliver Spanier und Carolin Spanier-Gillot aus alten Silvaner-Reben in Hohen-Sülzen vinifizieren, zählt zu den charaktervollsten Vertretern der Sorte in ganz Deutschland (bei sehr fairem Preisniveau). In der naturaleren Stilistik überzeugten Kai Schätzel und Aufsteiger Christopher Barth auf ganzer Linie. Ein tröstender Trend, denn mit der Betriebsschließung des Weinguts von Michael Teschke verlor Deutschlands Sylvaner-Szene einen seiner interessantesten Protagonisten. Apropos naturbelassen: Einen wieder gänzlich anderen, leicht an Chenin und Garnacha Blanca erinnernden und angenehm zeitlosen Stil bewies Christoph Zieglers Collective Z mit dem Kalkoven Sylvaner aus Leistadt. 
Und da ist dann noch die Hessische Bergstraße: Deutschlands kleinstes Weinbaugebiet verfügt mit Schloss Schönberg (das Schwesterweingut von Niko Brandners Griesel-Sektprojekt) über einen ebenso unerwarteten wie hochklassige Silvaner-Exoten, seit 2018 zunächst von Rabea Trautmann vinifiziert (und schon damals vielversprechend) und heute mit Julien Meissner (davor bei J. Neus und Reichsrat von Buhl) als Betriebsleiter. Die Stilistik dort wirkt lässig und mutig zugleich: etwas Holz, helle bis flintige Reduktion und ein burgundischer Touch mit attraktiver Mineralität der Bergsträßer Grantiböden.

3. Handschrift? Ja, bitte!

Über die Herkunft hinaus manifestierte sich in unserer Verkostung die Tatsache, dass eine gekonnte und prononcierte Winzerhandschrift gerade bei einer von der Grundaromatik her sehr dezenten bis neutralen Rebsorte wie Silvaner unverzichtbar ist, wenn wirklich große Weißweine daraus entstehen sollen. Mögliche Tools sind z. B. lange Maischestandzeit, oxidativer oder rassig-reduktiver Ausbau, kleines Holzfass, Tonneau oder Betonei. Das gilt für sämtliche genannten Betriebe genauso wie für den Spitzenreiter aus dem Elsass. Die Silvaner der Domaine Ostertag sind eine Antithese zu belanglosen Brot-und-Butter-Silvanern mit wenig Ausdruck. Statt dezentem Easy-Drinking begegnet man hier Weinen, die polarisieren, mit denen man sich auseinandersetzen muss, und die mit extremem Tiefgang samt großer innerer Dichte und Ruhe belohnen –  Zen-Sylvaner sozusagen. 

4. ... und nur keine falsche Bescheidenheit 

Alle diese Punkte machen Silvaner bzw. Sylvaner heute zu einer Sorte, die sich vor den großen Weißweinen aus Chardonnay oder Riesling absolut nicht verstecken muss – und es auch meistens nicht mehr tut. Der preisliche Aufwärtstrend war beim Silvaner schon lange überfällig. Während bei unserer Probe 2014 noch viele der am höchsten bepunkteten Weine unterhalb der 25-Euro-Marke lagen, pendeln sich die Top-GGs momentan zwischen rund 30 und 45 Euro ein (beispielsweise das Mönchshof GG von Bickel-Stumpf: bei der Probe 2014 mit Jahrgang 2012 noch für 25 Euro, in dieser Probe mit den Jahrgängen 2019 und 2017 für 36 respektive 40 Euro, oder in kleinerem Maße Horst Sauers GG Am Lumpen 1655 von 23 auf 27 Euro). Gleichzeitig lassen sich nach wie vor im Bereich von knapp 20 Euro echte Highlights finden – mit Silvaner können Somms derzeit also vom Offenausschank bis zum noblen GG auf der Weinkarte punkten. 

Wir zeigen hier elf unserer Favoriten mit ganz unterschiedlichem Profil. Die kompletten Ergebnisse der Verkostung mit über 150 Weinen samt ausführlichen Weinbeschreibungen gibt es in der nächsten Ausgabe von meiningers sommelier. cn

94 Punkte: 2020 Retzstadt Der Schäfer Reserve Silvaner,  Weingut Rudolf May, Franken,  13 %vol., 35,– €

94 Punkte: 2020 Retzstadt Der Schäfer Reserve Silvaner, Weingut Rudolf May, Franken, 13 %vol., 35,– €

94 Punkte: 2018 L‘Exutoire SVV3 Hors-Série Sylvaner, Domaine Ostertag, Elsass, 13 %vol., 19,90 €

94 Punkte: 2018 L‘Exutoire SVV3 Hors-Série Sylvaner, Domaine Ostertag, Elsass, 13 %vol., 19,90 €

94 Punkte: 2019 Untereisenheimer Höll Silvaner, Tom Glass, Franken, 13,5 %vol., 21,– €

94 Punkte: 2019 Untereisenheimer Höll Silvaner, Tom Glass, Franken, 13,5 %vol., 21,– €

2020 Maustal Silvaner GG, Weingut Zehnthof Luckert, Franken, 13,5 %vol., 45,– €

2020 Maustal Silvaner GG, Weingut Zehnthof Luckert, Franken, 13,5 %vol., 45,– €

94 Punkte: 2016 Stetten Stein Silvaner GG, Weingut am Stein, Franken, 12,5 %vol., ca. 45 €

94 Punkte: 2016 Stetten Stein Silvaner GG, Weingut am Stein, Franken, 12,5 %vol., ca. 45 €

93 Punkte: 2020 Auerbacher Silvaner, Schloss Schönberg, Hessische Bergstrasse, 13 %vol., 13,50 €

93 Punkte: 2020 Auerbacher Silvaner, Schloss Schönberg, Hessische Bergstrasse, 13 %vol., 13,50 €

93 Punkte: 2020 Hohen-Sülzen Sylvaner  Alte Reben VDP.Ortswein, Battenfeld-Spanier, Rheinhessen, 12,5 %vol., 19,– €

93 Punkte: 2020 Hohen-Sülzen Sylvaner Alte Reben VDP.Ortswein, Battenfeld-Spanier, Rheinhessen, 12,5 %vol., 19,– €

93 Punkte: 2015 Indigenius Silvaner, Weingut Manfred Rothe, Landwein Main, 13 %vol., 25,– €

93 Punkte: 2015 Indigenius Silvaner, Weingut Manfred Rothe, Landwein Main, 13 %vol., 25,– €

93 Punkte: 2019 Silvaner Grauer Stein, Carsten Saalwächter, Landwein Rhein, 12,5 %vol., ca 60 €

93 Punkte: 2019 Silvaner Grauer Stein, Carsten Saalwächter, Landwein Rhein, 12,5 %vol., ca 60 €

93 Punkte: 2020 Les Vieilles Vignes de Sylvaner, Domaine Ostertag, Elsass, 13 %vol., 17,50 €

93 Punkte: 2020 Les Vieilles Vignes de Sylvaner, Domaine Ostertag, Elsass, 13 %vol., 17,50 €

93 Punkte: 2013 Castell Schlossberg Silvaner GG, Fürstlich Castell‘sches Domänenamt, Franken, 13 %vol., 42,– €

93 Punkte: 2013 Castell Schlossberg Silvaner GG, Fürstlich Castell‘sches Domänenamt, Franken, 13 %vol., 42,– €

02-2022

Themen der Ausgabe

Panorama

Pechstein - die dunkle Seite von Forst

Pairing

Alexandra Rehberger und Hannah Müller – Weinkompetenz im Schloss Hohenstein

Probe

Brunello – Die neue Hierarchie