Sizilien sieht weiß: Grillo & Co.

Foto: DOC Sicilia
Foto: DOC Sicilia

Mittelmeer-Feeling gefällig? Unsere Verkostung von knapp 100 sizilianischen Weißweinen bringt Sonne und Vielfalt ins Glas – auch im heimischen Wohnzimmer. Unser Best-of aus dieser Verkostung finden Sie »in Ausgabe 3/21 von MEININGERS WEINWELT. 

Text: Christoph Nicklas

Rund 100 000 Hektar Reben stehen auf der größten Mittelmeerinsel, die gleichzeitig neben Apulien als größtes Weinbaugebiet Italiens gilt. Zum Vergleich: Die Rebflächen aller deutschen Weinbauregionen zusammen summieren sich ebenfalls auf gut 100 000 Hektar. Ebenso enorm wie die Ausmaße der Weinberge ist auch die Vielfalt auf Sizilien. Man findet dort 24 Regionen mit geschützter Ursprungsbezeichnung (davon 23 DOCs und eine DOCG) und sieben mit geschützter geografischer Angabe (Indicazione Geografica Tipica, kurz IGT), die in unterschiedlichen Gegenden der Insel auf heterogenem Terroir ein Füllhorn eigenständiger Weinstile liefern. Die vielleicht größte Überraschung dabei: Sizilien ist mehrheitlich ein Gebiet für Vino Bianco. Zwischen 50 und 60 Prozent der Produktion stammt von Weinen aus weißen Rebsorten.

Die verkosteten Rebsorten

Was die Präsentation und Vermarktung angeht, war das Jahr 2020 auch für Sizilien nicht einfach. Andere italienische Flagships wie das Piemont, die Toskana, Umbrien und Emilia-Romagna konnten ihre Jahrgangspräsentationen im Januar und Februar gerade noch durchführen, die wichtigste Promotionsveranstaltung der Insulaner fürs Fachpublikum, Sicilia en Primeur, fiel kurz darauf dem Lockdown zum Opfer. Mehr als ein guter Grund für uns, um bei einem Tasting in den Verkostungsräumen des Meininger Verlags den Status quo der Weißweine Siziliens zu analysieren. Als Protagonisten im Mittelpunkt: Grillo, Zibibbo, Catarratto, Inzolia, in Nebenrollen ergänzt durch Malvasia, Grecanico, Chardonnay und Viognier. Spannend ist die Tatsache, dass zwischen den drei erstgenannten Hauptdarstellern auch einige Wechselbeziehungen existieren. Vom Grillo, Siziliens prominentester weißer Sorte, sagen Ampelographen, er sei Ende des 19. Jahrhunderts wahrscheinlich aus Apulien nach Sizilien gekommen. Zweifelsfrei belegt ist dies zwar nicht, doch laut jüngsten DNA-Analysen stehen inzwischen die Elternteile des Grillo fest. Die Rebsorte resultierte aus einer natürlichen Kreuzung von Catarratto und Zibibbo (auch als Muscat d’Alexandrie bekannt). Als eigenständige Sorten hatten alle drei darüber hinaus auch große Bedeutung für die Produktion von Marsala, Siziliens einstigem aufgespriteten Verkaufsschlager. Untersuchungen zum Grillo ergaben, dass zwei Biotypen der Rebsorte existieren. Der Biotyp A steht für eine frische, besonders aromatische und dem Sauvignon ähnliche Aromatik. Biotyp B produziert mehr Zucker, hat mehr Struktur und Alkohol. Beide Biotypen wurden auf Versuchsfeldern in den Provinzen Palermo, Caltanissetta und Vittoria angebaut, um ihre Reaktion auf die verschiedenen Anbaubedingungen der Insel zu testen.

Qualität & geschmackliche Diversität

Die erste Erkenntnis drängte sich beim Verkosten schon nach wenigen Weinen auf: In Sachen Qualität und geschmacklicher Diversität muss sich die heiße Vulkaninsel keineswegs vor kühleren Weißwein-Klimata verstecken. Zweite Erkenntnis: Die verschiedenen Ausprägungen des Grillo schmeckt man tatsächlich, die sensorische Palette reicht von verhaltener, zarter Frucht über satte, exotische und an Sauvignon erinnernde Aromen bis zu gelb-reifen Kernobstnoten (passenderweise bei den Vertretern mit höheren Alkoholgraden, die wohl zum Biotyp B zählen). Erkenntnis Nummer drei: Der Ätna ist und bleibt ein eigenes Kapitel auf Sizilien. Mit der lokalen Sorte Carricante, uralten Reben in Alberello-Einzelstockerziehung, vulkanischen Böden und kühlen Höhenlagen entstehen dort ohne Zweifel die feinsten und komplexesten Weine der Insel (übrigens auch in Rot).

Das vierte Aha-Erlebnis ist nicht unbedingt Sizilien-spezifisch, aber trotzdem eine Erwähnung wert: Mut zu deutlicher und gekonnter Handschrift wird auch bei Grillo, Zibibbo & Co. belohnt. Die besten, interessantesten und als Speisebegleiter geeignetsten Weißen unserer Probe waren keinesfalls fruchtig-unkomplizierte Sommerweinchen zum Nebenbei-Trinken. Maischekontakt, Ausbau in der Amphore oder Vergärung und Lagerung im Holzfass sorgen für Struktur, Nachhaltigkeit und jede Menge Spannung – und bieten somit mehr als nur flüssige Urlaubs-Erinnerungen.

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