Travel Kolumne: Stefan Nink auf den Spuren von Game of Thrones

WAR SCHON MAL JEMAND IN NORDIRLAND? Die meisten fahren ja in die Republik im Süden, wenn sie nach Irland fahren – dabei kann Nordirland absolut spektakulär sein. Vor allem die Antrim Coast. Die nordirische Nordküste sieht aus, als habe sich die Eiszeit damals vor Arbeitsbeginn ein paar doppelte Whiskey genehmigt und im angetrunkenen Übermut anschließend wahllos Buchten, Strände, Halbinseln und andere geologische Kabinettstückchen gebastelt. Am Ende dann hier und da noch ein paar Felsbrocken ins Meer gestreut. Das Ganze mit kilometerlangen Steilklippen garniert. Und am nächsten Morgen dann nur achselzuckend festgestellt, dass man jetzt ja nichts mehr daran ändern könne.

Die meisten Küsten-Besucher kommen allerdings wegen Game of Thrones. Die erfolgreichste Fernsehserie der Welt wurde hier gedreht (wer sie nicht kennt: Das ist eine Art Shakespeare-Stück mit feuerspuckenden Drachen und Zombies). Deswegen sieht man überall Menschen, die geschnitzte Kneipentüren fotografieren (zu sehen in Staffel vier, Episode fünf) oder einen bestimmten Parkplatz (war in Staffel fünf, Episode sechs, ein Hafen). Und wenn man in Castle Ward vorbeischaut, kommt gleich jemand im mittelalterlichen Knappenkostüm angelaufen und drückt einem einen großen Jagdbogen in die Hand – Castle Ward hat nämlich in Staffel eins bis sechs die Burg Winterfell gespielt.

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Foto: AdLumina/Ralf Ziegler

„Ich wollte mir eigentlich nur ... also ... die Burg interessiert mich aus historischen Gründen.“
„Hier sind die Pfeile. Folgen Sie mir bitte auf das Ausbildungsgelände.“
„Äh ... Ausbildungs ... was?“
„Stellen Sie sich bitte vor, Sie müssten Winterfell verteidigen. Die Zielscheiben sind
die vorrückenden Untoten. Folgen Sie jetzt meinen Befehlen. Achtung: Anlegen!“
„Äh ...“
„ANLEGEN! Und jetzt: zielen! Feuer frei!“

Kennen Sie das? Eigentlich will man ja solchen touristischen Hokuspokus überhaupt nicht mitmachen, aber dann steckt man auf einmal mittendrin – und hat ziemlichen Spaß. Die ersten drei, vier Pfeile fliegen wohin auch immer. Der Knappe lächelt aufmunternd. Der nächste Pfeil schlägt relativ mittig ein. Der Knappe runzelt die Stirn. Der nächste Pfeil bleibt zitternd im Auge der Scheibe stecken. Der Knappe jubelt. Der letzte Pfeil landet dort, wo sonst nur Robin Hood ihn hinbekommen hätte. Der Knappe sieht aus, als habe er ein leibhaftiges Wunder erlebt.

Er muss anschließend dann auch sofort telefoniert und die Kunde verbreitet haben: Beim Check-in eine halbe Stunde später jedenfalls weiß bereits jeder Bescheid. Im Cuan Inn – während Staffel eins Hotel der Filmcrew – hat sich eine Runde von Einheimischen versammelt. Und dann entwickelt sich der Abend, wie sich Abende in Irland
eben manchmal entwickeln: Es wird erzählt, es wird gelacht, es wird ein Guinness getrunken und noch eines und ein Glas Game-of-Thrones-Wein dazu, und irgendwann ruft jemand nach dem Helm, und irgendwer bringt den Helm, den Ritterhelm aus der Fernsehserie, und irgendwer setzt dem Besucher diesen Helm auf den Kopf, und der Besucher ballt die Faust und ruft ein paar Filmzitate in den Raum und alle lachen und alle trinken und ganz plötzlich und von einem Moment auf den anderen wird es dem Besucher zu eng unter dem Ding und zu heiß, viel zu heiß und er will den Helm absetzen, und dann, tatsächlich erst dann, merken er und alle anderen: Der Helm ist ihm viel zu eng. Der Helm lässt sich nicht mehr abnehmen. Der Helm sitzt fest.

Machen wir es kurz: Es ist immer gut, wenn jemand weiß, wer im Ort welches Handwerkszeug besitzt. Eine Säge zum Beispiel. Eine, die mit hartem Filmrequisiten-Kunststoff fertig wird. Wie gesagt: Nordirland kann absolut spektakulär sein.

 

Stefan Nink ist Reisejournalist. Man kennt ihn aus Funk, Fernsehen und verschiedenen Magazinen. Für uns schreibt er regelmäßig Kolumnen. "Game of Thrones lässt grüßen" ist in Ausgabe 6/21 von MEININGERS WEINWELT erschienen.

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