Stefan Ninks Reise mit dem Polar Bär Express

DURCH DIE GEÖFFNETE TÜR PFEIFT DIE KÄLTE IN DEN WARTERAUM, und für einen kurzen Moment weiß man nicht, ob der Dampf vom gerade ausgeschenkten Kaffee stammt oder ob es der Atem der anderen Passagiere ist. Der Schaffner jedenfalls entschuldigt sich – nicht für den Durchzug, sondern für die Verspätung: Einige Elchjäger fehlten noch mit ihren Quad-Fahrzeugen, die müssten dann noch verladen werden. Er schaut in die Runde, als wolle er sich vergewissern, dass die chinesischen Passagiere ihn verstanden haben. Und die nächsten Sätze ebenfalls. „Sie werden heute leider keine Eisbären sehen. In diesem Teil Kanadas gibt es die nicht. Ich kann Ihnen auch nicht sagen, wieso der Zug heißt, wie er heißt.“

AdLumina Ralf Ziegler
Foto: AdLumina /Ralf Ziegler 

Der „Polar Bear Express“ fährt im Norden Ontarios auf einer 300 Kilometer langen Strecke von Cochrane hinauf nach Moosonee – in Pekings Reisebüros ist das offenbar Eisbärengebiet. Deswegen gibt es im Wartesaal jetzt laute Diskussionen und weinende Kinder. Aber dann kommt der Zug und alle steigen ein, Tagesausflug ist Tagesausflug und über fünf Stunden Fahrzeit pro Strecke werden auch ohne Eisbären vergehen. Dass die Fahrzeit nie eingehalten wird, hat man den Passagieren aus China nicht gesagt. Auch nicht, dass sie nicht allein in ihrem Wagen bleiben werden. Weil der Polar Bear Express die einzige Möglichkeit ist, von Cochrane nach Moosonee zu kommen, kann man ihn überall per Handzeichen stoppen. Und aussteigen. Oder zusteigen. Was viele, sehr viele Leute so machen.

Es gibt diesen wunderbaren Film von Jim Jarmusch, „Dead Man“, in dem Johnny Depp um 1860 im Zug in den Wilden Westen fährt. Das gleichmäßige Rattern lässt ihn immer wieder einschlafen, und wann immer er ein Stück weiter westlich aufwacht, sehen die Mitreisenden ein Stück verwegener aus. Im Polar Bear Express ist es genauso. Nacheinander steigen zu: Ein einsamer Trapper mit einem Geweih in der Hand (die chinesischen Passagiere schießen Selfies). Angler mit ihren Kanus, ihrer Ausrüstung und einem halben Waffenlager (die chinesischen Passagiere tuscheln miteinander). Zwei Frankokanadier mit wilden Bärten und einem erlegten Schwarzbären, der augenblicklich ein ohrenbetäubendes Spektakel auslöst, weil sämtliche auf den Zug verteilten Hunde ausrasten. Die chinesischen Passagiere sitzen wie versteinert.

Es dämmert bereits, als der Polar Bear Express in Moosonee ankommt. Die Touristen aus Peking drehen eine Runde durch den Ort und fahren dann mit dem Polar Bear Express zurück. Jetzt sitzen sie im Warteraum am Bahnhof, und zusammen mit einem frostigen Windstoß kommt ein neuer Schaffner herein, und für einen kurzen Moment weiß man nicht, ob der Dampf vom gerade ausgeschenkten Glühwein stammt oder ob es der Atem der anderen Passagiere ist. Der Schaffner bittet um Entschuldigung für die Verspätung, sie sähen es ja selbst, all die Kisten draußen auf dem Bahnsteig, das werde wohl noch dauern. „Bleiben Sie derweil nur hier im Warmen sitzen“, sagt er, „da draußen gibt es ja sowieso keine Eisbären“. Wer die sehen wolle, könne übrigens das „Polar Bear Habitat“ besuchen: In der Pflegestation lebten drei Exemplare. „Die ist in Cochrane. Das ist der Ort, wo Sie heute früh losgefahren sind.“

Stefan Nink ist Reisejournalist. Man kennt ihn aus Funk, Fernsehen und verschiedenen Magazinen. Für uns schreibt er regelmäßig Kolumnen. "Polar Bär Express" ist in »Ausgabe 4/22 von MEININGERS WEINWELT erschienen.

Ausgabe 05/2022

Erhältlich ab 13.7.2022: Weinwelt on tour zu La Vialla // Genussziel Malta // Alte Reben Portugal //Best of Riesling und weitere Themen

Themen der Ausgabe

Kleine Kunstwerke

Die bunten Summerrolls liegen gerade voll im Trend und das ist auch kein Wunder: Mit Gemüse, Tofu, Limette und frischem Koriander gefüllt, überzeugen die kleinen Köstlichkeiten nicht nur optisch. Dazu empfiehlt Sommelière Alexandra Rehberger einen erfrischenden Low-Alcohol-Schäumer. »zu Rezept & Weintipp

Wurzelecht

Ja, es gibt sie noch, wenn auch nur vereinzelt und verteilt auf der ganzen Welt. Von der Reblaus verschont, bringen die wurzelechten, häufig mehr als 100 Jahre alten Reben, heute noch eindrucksvolle und komplexe Weine hervor. Wo man die fast schon historischen Gewächse findet und welche Vorteile sie bieten, lesen Sie bei uns.

Ein Ort zum Genießen

Endlose Olivenhaine, Zypressen, Weinberge, blühende Wiesen und grüne Wälder – willkommen in der Toskana, genauer gesagt in der Fattoria La Vialla. Beim Arbeiten im Takt mit der Natur entstehen dort spannende Weine mit Charakter und Tiefgang. Warum Bienen und ihre Pollen dabei eine wichtige Rolle spielen, hat WEINWELT-Chefredakteurin Ilka Lindemann bei einem Besuch des familiengeführten Biobetriebs erfahren ... »weiterlesen