Foto: Ralf Ziegler/AdLumina
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Stefan Nink zu Gast im Geisterhaus

Halb drei morgens und glockenhellwach: Jetlag ist etwas Schreckliches. Man schreckt von irgendeinem Geräusch aus dem Schlaf und weiß: Das war’s. Vor allem, wenn das Geräusch weiterhin zu hören ist – dann kann man das Wiedereinschlafen vergessen, das ist ein ehernes Jetlag-Gesetz. So wie neulich bei diesem Knarzen von der Decke meines Hotelzimmers.

Wieso musste die Frau aus Kansas da über mir um diese Zeit auf und ab laufen? Wurde die denn nie müde? Draußen schneite es. Auf der Hinfahrt hatte es genieselt und es war nebelig, man konnte nur ein paar hundert Meter weit sehen. Zum Glück tauchten irgendwann die Lichter des Ortes Estes Park auf. Und das „Stanley“, mein Hotel. Baujahr 1909 und berühmt geworden durch den Gruselautor Stephen King. Der hat hier nämlich schlecht geschlafen, weil kleine Mädchen immerzu vor seinem Zimmer Ball spielten. Am nächsten Morgen teilte man ihm allerdings mit, dass er der einzige Gast gewesen sei, und schon war die Idee zu „Shining“ geboren. Ich dachte: Ist bestimmt spannend. Und historische Hotels mag ich sowieso.

Der Mann an der Rezeption gab mir Zimmer 401. Das war natürlich perfekt – genau in diesem Zimmer hat damals nämlich auch King übernachtet, hatte ich gelesen. Leider war 401 an diesem Herbsttag vor allem lausig kalt. Als ich den Regler des Heizungsthermostats bedienen wollte, löste sich das komplette Ding. Statt der Hausgeister erschien also: der Hausmeister. Er schraubte das Thermostat fest und verabschiedete sich. Im Hauskanal lief „Shining“, was denn auch sonst. Gerade befreite der Hausgeistbutler den durchgeknallten Jack Nicholson aus der Kühlkammer.

Im Zimmer obendrüber trampelte jemand auf und ab. Musste eine der Freundinnen aus Kansas sein, die vor mir eingecheckt hatten. Beim abendlichen „Geister-Rundgang für unerschrockene Gäste“ waren sie auch mit dabei gewesen. Unsere Führerin erzählte von Mord und Totschlag und all den ruhelosen Seelen, die im Hotel herumspuken. Ich habe dann den Rezeptionisten gefragt, ob er auch diese seltsame Musik höre, die in der Lobby schwebe. „Die kommt aus dem CD-Player“, meinte er indigniert.

Zurück in Zimmer 401 war es unterdessen etwa 20 Grad kälter geworden. Der herbeigerufene Hausmeister schaute fassungslos. Weil alle anderen Zimmer belegt waren, wurden zwei fahrbare Heizungen hineingerollt. Eine teure Flasche Rotwein kam auch, auf Kosten des Hauses. Im Fernsehen irrte Jack Nicholson mit seinem Hackebeil im Heckenlabyrinth des Hotelgartens herum. Die Frau über mir lärmte weiterhin. Irgendwann muss ich doch eingeschlafen sein, jedenfalls war es draußen plötzlich hell.

Der Mann an der Rezeption war immer noch da. Er freute sich, sehr, dass ich nicht erfroren war in 401. Ich erzählte ihm vom nervigen Getrampel. Er wurde kreidebleich. Er öffnete den Mund. Er drehte sich kurz um, als ob er sich sammeln müsse. „Im Zimmer ÜBER Ihnen?“, fragte er dann. Und plötzlich wusste ich, was er gleich sagen würde. Ganz genau wusste ich das.

Schlagworte

Ausgabe 02/2023

Erhältlich ab 11. Januar: Weingut Schloss Schönberg // Weine vom Bodensee // Meiningers Deutscher Pinot-Preis

Themen der Ausgabe

Lust auf was Leichtes?

Da haben wir genau das Richtige für Sie. Mit dieser leicht pikant gewürzten und aromatischen Misobrühe mit Dorschfilet wickeln Sie Ihre Gäste einfach um den kleinen Finger. Der passende Weintipp darf auch nicht fehlen. Der kommt dieses Mal von Lea Rupp, die das Restaurant Mühle im gleichnamigen Hotel in Schluchsee betreibt. »Rezept und Wein verraten wir hier

Spannende See-Funde

Rund um den Bodensee wird Wein angebaut, in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Wir haben eine Rundreise gemacht und uns mit Winzerpersönlichkeiten getroffen, die mit charaktervollen und individuellen Weinen glänzen. Machen Sie sich gefasst auf eine traditionsreiche Kulturlandschaft, die durch visionäre Zukunftsideen neuen Glanz bekommt.

Schloss Schönberg

„Unterwegs auf unbekanntem Terroir“. So lautet der Claim vom jüngsten Weingut an der Hessischen Bergstraße. Rabea Trautmann und Julien Meissner sind angetreten, um mit intelligentem Handwerk, hohen Ansprüchen und einer konsequenten Qualitätsoffensive die Weine von Schloss Schönberg an die Spitze zu führen. Und das gelingt perfekt.