Stefan Nink reist durch die winterliche Schweiz

ES IST EISKALT AN DIESEM MORGEN in Chur, ist ja auch Winter, ist ja auch Schweiz, da muss man sich eigentlich nicht wundern, aber der Schaffner flucht trotzdem. Ist das lausig! Er läuft auf dem Bahnsteig auf und ab, er klopft die behandschuhten Hände aufeinander und ermuntert die Passagiere, jetzt doch schnell einzusteigen in den Zug: In vier Stunden sind wir im Süden, ruft er, da ist es wärmer! Italien! Dann sind alle im Zug, und der Bernina Express setzt sich in Bewegung.

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Foto: AdLumina/Ralf Ziegler

Drinnen herrscht erst einmal Stille. Natürlich weiß jeder im Abteil, dass er die nächste Zeit auf einer der spektakulärsten Bahnstrecken Europas unterwegs sein wird, und auch, dass die schwindelerregende Trasse zwischen Chur und Tirano als wahre Meisterleistung des Eisenbahnbaus gilt. So wirklich vorbereitet ist man aber deswegen natürlich nicht auf die weiße Schönheit, in die man da eintaucht. Die letzten Industriegebietsränder sind noch nicht richtig an den Panoramafenstern nach hinten gerutscht, da liegt Graubünden schon da wie ein aufgeschlagener Fotoband: Mit weißen Weiten bis zum Horizont, dieser Rundum- Kulisse aus verschneiten Gipfeln, Graten und Zinnen, die die ganze Welt einzufassen scheinen wie einen Edelstein. Der Zug schlängelt sich durch die erste von schätzungsweise 776 Kurven und jeder ahnt: Das wird jetzt so weitergehen. Über das Albulatal ins Engadin und weiter über den Berninapass nach Italien. Eine Fototapete nach der anderen.

Bloß dem Schaffner gefällt das alles nicht. Er steht im Gang und schaut mit grimmigem Blick nach draußen, als könne er den Winter verscheuchen, wenn er ihn böse genug anblickte. Oben auf dem Berninapass haben sich Wolkennebel, Schnee und das Gletschereis auf 2253 Metern Höhe zu einem dichten, undurchschaubaren Milchigweiß zusammengetan. Jetzt dauere es aber nicht mehr lange bis Italien, sagt der Schaffner, als er Kaffee bringt, in der Lombardei sei bereits Frühling, da könne man in der Sonne auf der Piazza sitzen und kühlen Trebbiano di Lugana trinken und vor allem sei da seine Familie, drei Tage habe er frei, ach, die werde er genießen. Endlich keine Kälte mehr!

Und dann ist der Zug aus den Bergen im Tal. Bäuerinnen winken, Hunde bellen, ein Kind auf einer Schaukel streckt dem Bernina Express die Zunge raus. In Poschiavo geht es mit einem knappen Meter Abstand an Küchenfenstern vorbei, hinter denen man für einen kurzen Augenblick Familien beim Mittagessen sieht. Und in Tirano sind es tatsächlich 15 Grad in der Sonne – plus. Es riecht nach Pizza und Oleander. In den Bäumen zwitschern die Vögel.

Eine halbe Stunde später sitzt der Schaffner dann beim Feierabend-Kaffee auf der Piazza, er trägt jetzt Sonnenbrille statt Schaffnermütze und sieht glücklich aus. Dann klingelt sein Telefon. Man hört ihn reden, dann diskutieren und dann fluchen. Als der Bernina Express später zurückfährt in die eiskalte, winterweiße Bergwelt der Schweizer Alpen, kontrolliert der Schaffner mit finsterem Blick die Tickets. Der Kollege habe sich krankgemeldet, erklärt er, eine heftige Erkältung habe er sich beim Skifahren geholt. Er schüttelt den Kopf über so viel Unvernunft. Dann schaut er mit grimmigem Blick nach draußen. Als könne er den Winter verscheuchen, wenn er ihn nur böse genug anblickte.

 

Stefan Nink ist Reisejournalist. Man kennt ihn aus Funk, Fernsehen und verschiedenen Magazinen. Für uns schreibt er regelmäßig Kolumnen. "Winter in der Schweiz" ist in »Ausgabe 2/22 von MEININGERS WEINWELT erschienen.

Ausgabe 06/2022

Erhältlich ab 14.9.2022: Die Seckinger-Brüder im Portrait // Neuseeland und Australien // Trendgetränk Whisky und weitere Themen

Themen der Ausgabe

Jeden Tag eine gute Tarte

Kunterbunt und superlecker: unsere vegetarische Spiral-Gemüsequiche. Passend zu den sich einstellenden Herbstgefühlen präsentieren wir ein Wohlfühlrezept aus Mürbeteig, Petersilienwurzel, Möhren, Zucchini und Ei. Sommelier Gerhard Retter empfiehlt dazu einen maischevergorenen Silvaner aus dem fränkischen Hause Horst Sauer. » Zu Rezept und Weintipp

Hoch hinaus

Australien und Neuseeland haben schon lange deutlich mehr zu bieten als pummelige Shiraz und primärfruchtdominierte Sauvignon Blancs. In den Höhenlagen der beiden Länder untersuchte unser Autor Christoph Raffelt die Rebsorten Chardonnay und Pinot Noir, deren Kultivierungsgeschichten und Entwicklung.

Die drei Musketiere

Undogmatisch und trotzdem traditionsbewusst, innovativ und geerdet. Jonas, Philipp und Lukas Seckinger gehen in der Pfalz kompromisslos ihren Weg und sind damit zu Repräsentanten einer zukunftsweisenden jungen Bewegung geworden. Das bedeutet: den Weinen Zeit geben, keine Zusätze, nachhaltige Weinbergsarbeit.