91 Punkte: 2021 Gradis´Ciutta Robert Princic Ribolla Gialla, Collio DOC, 12,5 % vol.
91 Punkte: 2021 Gradis´Ciutta Robert Princic Ribolla Gialla, Collio DOC, 12,5 % vol.

Wein des Monats: Oktober 2022

91 Punkte
2021 Gradis´Ciutta Robert Princic Ribolla Gialla, Collio DOC, 12,5 % vol. 

Robert Princic wirkt in den ersten Momenten eher wie ein englischer Cricket-Nationalspieler als ein italienischer Winzer. Rötlich-dunkelblonde Haare, schlaksig, ein bisschen blass, recht wortkarg und ziemlich elegant. So weit, so stereotyp. Denn je länger man sich mit dem Weinmacher aus der Region Collio in Nordostitalien unterhält, desto mehr taut er auf und lässt an seiner Leidenschaft für vergorenen Traubensaft mit viel Herkunftscharakter teilhaben. Und davon hat der Collio jede Menge. Auf den sanften grünen Hügelketten der 1.500-Hektar-Appellation (knapp 90% der Fläche sind mit Weißwein-Trauben bestockt) treffen autochthone (Ribolla Gialla) und seit langer Zeit lokal adaptierte Reben (Friulano, Malvasia Istriana) auf aktuell angesagte weiße Sorten wie Pinot Bianco, Pinot Grigio, Chardonnay und Sauvignon Blanc. Ein unverwechselbares Terroir-Merkmal ist der mineralstoffreiche Bodenmix aus Mergel- und Sandsteinschichten, "Ponca" genannt, der den Weinen im besten Fall eine dicht gewobene Textur gibt, aber nie ins Fette abdriftet. 


Die Rebsorte, aus der unser Wein des Monats erzeugt wurde, ist auf ähnlich spannende Weise ambivalent. Ribolla Gialla kann nämlich einiges: kaltvergoren-mainstreamig, frisch und reduktiv, reifefähig mit dezenter Oxidation und nicht zuletzt maischevergoren bis zum Anschlag. Als Orange Wine vor gut zehn Jahren bei Journalisten, Somms und anderen Nerds auf die Bildfläche sprang, war diese Machart der Vinifikation im italienischen Collio und dem direkt angrenzenden Karst-Gebiet auf der slowenischen Seite längst keine Neuheit mehr, sondern ein regionaler Weintypus mit viel Tradition. Wer sich durch Flaschen von echten Pionieren und Top-Winzern an diese Historie heranverkosten möchte, dem seien hiermit die Namen Josko Gravner, Edi Kante, Stanko Radikon (†), Dario Princic und Benjamin Zidarich ans Herz gelegt. 


Doch zurück zum Ribolla von Robert Princic, der weder maischevergoren noch mainstreamig noch oxidativ, sondern einfach wunderbar stimmig ist. Attraktive helle Frucht, die an alte Birnensorten und Saft von Konstantinopeler Apfelquitten denken lässt, auch etwas eingelegte Zitrone. Viel spannender und nachhaltiger sind aber die hefig-würzigen Duftnoten: Da tauchen Virginia-Tabak, Bergheu und Bienenwaben (mit dem Honig drin) neben ungeröstetem Sesam und blanchierten Mandeln auf, mit mehr Luft kommen Nuancen von Zimt, Piment und Kardamomkapseln dazu. Komplettiert wird der Duft von rauchig-erdigen Untertönen, die an feuchten Sandstein erinnern (da liegt man dann ja beim Stichwort Ponca auch gar nicht so fern ...). Am Gaumen macht sich direkt die besagte softe Kalk-Sand-Mineralität bemerkbar, der Wein bietet innere Dichte ohne Schwere, schmeckt wieder leicht nach hellem Honig, Mandel und etwas Wachs - das alles jederzeit erfrischt von einem attraktiven, saftigen Säurefaden. Seine Harmonie macht den Wein auch in Sachen Begleitung zu einem Teamplayer: Dieser Ribolla funktioniert bestens zu herbstlichen Gemüse- und Kohlgerichten, Kartoffeln in diversen Zubereitungen (sahniges Gratin, Petersilienkartoffeln zum gedünsteten Fisch), Kurzgebratenem vom Kalb oder Geflügel mit hellen Saucen oder, vielleicht sogar am spannendsten, zum Steinpilzrisotto – da schmeckt man dann auch, dass die Kombination cremig trifft cremig und aromatisch trifft aromatisch nicht per se schwerfällig und sattmachend ist. 

Preis: ca. 15 €
Bezugsquelle (nennt): www.gradisciuitta.eu  

Ausgabe 01/2023

Erhältlich ab 09.11.2022: Pinot-Pioniere Paul und Sebastian Fürst // Einblick ins Priorat // Gourmet-Adressen in Berlin und weitere Themen

Themen der Ausgabe

Aus dem Ei gepellt

Minimalistisch und dennoch ein absoluter Hingucker: Steak mit gebeiztem Eigelb. Liebhaber außergewöhnlicher Kreationen sollten dieses Rezept unbedingt ausprobieren. Dazu kombiniert Sommelière Ilona Scholl einen Lemberger aus dem Hause Aldinger und macht die Ei-Steak-Komposition perfekt. » Zu Rezept und Weintipp

Fürstlicher Besuch

Paul und Sebastian Fürst vom Weingut Fürst aus Franken stehen für pure, elegante Burgunder und charakterstarke Rieslinge. Mit dem Ziel, die Herkunft der einzelnen Weine mit Präzision zum Vorschein zu bringen, produzieren sie einzigartige Gewächse mit Weltruhm. WEINWELT-Chefredakteurin Ilka Lindemann hat die beiden Winzer während der Weinlese besucht und hinter die Kulissen geschaut.

Klein, aber oho!

Vom traditionellen Chasselas bis hin zur innovativen Piwi-Sorte Divico, gibt es in den Weinregionen der Schweiz eine unglaubliche Anzahl unterschiedlichster Rebsorten zu entdecken. Wir haben uns auf eine vinophile Rundreise durch die Deutschschweiz, das Wallis und das Waadtland begeben und waren beeindruckt von der spannenden Vielfalt, die in dem kleinen Weinland steckt.