Andrea Lunardelli will keinen Hitler-Wein mehr verkaufen
Andrea Lunardelli will keinen Hitler-Wein mehr verkaufen

Aus für italienischen Hitler-Wein

Andrea Lunardelli ist der Sohn des Produzenten Alessandro Lunardelli aus dem Friaul, seit Mitte der 1990er Jahre berühmt-berüchtigt für die Linie mit Etiketten von Hitler, Mussolini und anderen Diktatoren. Der Verkauf der Weine ist in Deutschland sowie auch in Österreich verboten. Jedoch nicht in Italien. Immer wieder kaufen auch deutsche Touristen vor Ort vor allem die Weine, die Hitler abbilden - ob aus falsch verstandenem Witz oder tatsächlicher Überzeugung von nationalsozialistischer Ideologie sei dahingestellt. Mit den schockierenden Etiketten feierte der Produzent besonders dann Erfolge, wenn seine Weine für Empörung sorgten, was häufig geschah und derzeit nach einem Facebook-Post erneut geschieht. Nun übernimmt der Sohn das Weingut und will die Etiketten abschaffen.

WEINWIRTSCHAFT-Korrespondentin Veronika Crecelius erreichte Andrea Lunardelli im Urlaub in Graz, Österreich. Im Telefoninterview nahm er Stellung zu den Gerüchten über eine Einstellung der Linie.

Die Hitler-Etiketten Ihrer sogenannten »historischen Linie« haben oft in den letzten 20 Jahren - verständlicherweise - für Empörung gesorgt, diesmal griffen die Medien den Facebook-Post einer geschockten Touristin aus Österreich auf. Stimmt es, das Sie die Hitler-Etiketten einstellen wollen?
Ich werde die gesamte Linie einstellen, es wird also auch keine Etiketten mehr mit Mussolini, Stalin, Sissi oder Napoleon geben. 2023 übernehme ich die Leitung der Kellerei von meinem Vater und ich werde auch den Namen unseres Betriebs ändern. 

Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Ich habe nicht nur die vielen Anfeindungen satt, zumal wir keine Nazis sind, sondern ich bin vor allem besorgt um meinen 80-jährigen Vater. Wir haben im Mai mehrere Morddrohungen aus Russland bekommen. Er hat Angst. 

Wie ist denn Russland auf Ihre Etiketten gestoßen?
Das russische Staatsfernsehen hatte zwischen 2018 und 2019 einen Dokumentarfilm über neonazistische Bewegungen in Italien, Deutschland, Frankreich und Spanien gedreht und das Team hat auch Aufnahmen im Restaurant von Ferdinando Polegato in Sequals gemacht. Dort werden unsere Weine verkauft, auch der Amaro del Duce (Anmerk. der Red. ein Kräuterlikör mit Mussolinis Konterfei auf dem Etikett). Die Sendung oder Teile dieser Sendung wurden zu Kriegsbeginn wieder gesendet, um zu suggerieren, dass Italien nazistisch ist und deshalb auf der Seite der Ukraine. Wir haben unsere Webseite sofort für Russland und die Ukraine gesperrt, sie kann also nicht mehr von diesen Ländern aus eingesehen werden und wir haben eine Anzeige bei der DIGOS erstattet (Anmerk. der Red. die Divisione Investigazioni Generali e Operazioni Speciali  ist ein auf Terror- und Extremismusbekämpfung spezialisierter Organisationszweig der italienischen Polizei).

Werden Sie den Amaro del Duce auch umbenennen?
Nein, er bleibt die einzige Etikette mit dieser Thematik, weil ich nur Teilhaber der Marke bin, Mitbesitzer ist Ferdinando Polegato. Der Amaro wird nicht von mir, sondern in einer Destillerie hergestellt.

Liegt Ihre Weinproduktion noch bei 100.000 Flaschen, von denen die Hälfte mit den Etiketten der »historischen Linie« ausgestattet ist? 
Aufgrund von Covid ist unsere Produktion zurückgegangen und die historische Linie macht nur noch ein Drittel oder Viertel aus. Sie wurde vor allem in touristischen Gegenden wie Rimini oder Jesolo verkauft und in den Autobahnraststätten. Hitler kaufen vor allem die Deutschen, Mussolini die Italiener, aber ich will damit nichts mehr zu tun haben. Außerdem ist meine Lebensgefährtin aus der Ukraine und ich habe dadurch direkten Zugang zu Informationen aus dem Land. Wir möchten nicht mehr mit Nazismus in Verbindung gebracht werden.

Aber jedes Mal, wenn Ihre Etiketten von den Medien verurteilt wurden, stiegen bei Ihnen die Verkäufe ...
Ja, das ist richtig. Das letzte Mal kamen aus Deutschland gleich 40 Nachfragen. Aber das ist dann einmal ein Schub, der flaut auch gleich wieder ab. Das ist es nicht wert, mich interessieren diese Etiketten nicht, es kommt auf unseren Wein an. Und der ist gut. In Italien wurden wir fünf Mal wegen Nazi-Propaganda angezeigt, aber alle Anzeigen sind zurückgewiesen worden. Ich habe das alles satt. Ich bin jetzt 57 Jahre alt und werde alles ändern, wenn ich ab Januar 2023 die Geschäftsleitung übernehme. Die Etiketten der »historische Linie« werde ich beispielsweise mit Künstler-Etiketten ersetzen.

Ausgabe 19/2022

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