Gibt es künftig Trunkenheit ohne Reue? (Foto: pressmaster, stock.adobe.com)
Gibt es künftig Trunkenheit ohne Reue? (Foto: pressmaster, stock.adobe.com)

Angetrunken ohne Nebenwirkungen

David Nutt, Professor für Neuropsychopharmakologie am Imperial College London, arbeitet an einer Alternative zu Alkohol, die er Alcarelle getauft hat. Gegenüber dem britischen Informationsmedium »i« spricht er davon, dass Leute mit Hilfe dieses »synthetischen Alkohols« die »positiven Effekte der Trunkenheit« genießen könnten – ohne gesundheitsschädigende Nebenwirkungen, Kontrollverlust oder Kater am nächsten Tag.

Nach Nutts Angaben soll die neue Alkoholalternative in voraussichtlich fünf Jahren marktreif sein. Momentan laufen Zulassungstest in den USA und Europa. Im wissenschaftlichen Paper dazu (Nutt, D.J.; Tyacke, R.J.; Spriggs, M.; Jacoby, V.; Borthwick, A.D.; Belelli, D. Functional Alternatives to Alcohol. Nutrients 2022, 14, 3761) heißt es: »Eine mögliche Alkoholalternative muss die Zulassungskriterien für Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel erfüllen, was zahlreiche Kurz- und Langzeittests erfordern wird«.

Die Wirkungsweise von Alkohol

Im Paper wird beschrieben, dass die entspannende und gesellschaftsfördernde (»Zunge lockern«) Wirkung von Alkohol darauf zurückzuführen sei, dass er die Aktivität von Gamma-Aminobuttersäure (GABA) im Gehirn verstärke. Hierfür werde ein spezieller Subtyp von GABA-Rezeptoren angesprochen, was die generelle neuronale Aktivität sowie soziale Ängste verringere. Die »perfekte« Blutalkoholkonzentration dafür liege im Bereich von 0,2 bis 0,4 Promille. 

Ab 0,5 Promille könne der Effekt zu Enthemmung (lautes Sprechen, Gestikulieren), Koordinationsstörungen und einem schlechteren Fokus der Augen führen. Zudem beeinflusse Alkohol auch andere Neurotransmitter wie Dopamin und Endorphine, was zur Abhängigkeit führen könne. 

Die Entwicklung einer Alternative

Alcarelle ist eine synthetische Verbindung, die in flüssiger Form eingesetzt werden kann. Damit könnten dann beispielsweise Drinks gemischt werden. Ob der Stoff geschmacksneutral ist, geht aus dem Paper nicht hervor.

Wichtige Grundlage bei der Entwicklung waren sogenannte Neurosteroide, körpereigene Steroide, die im Gehirn synthetisiert werden und teilweise ähnlich wie Alkohol wirken, wie man bei Versuchen mit Nagetieren herausgefunden hat. Bei der Entwicklung von Alcarelle wurden laut Paper drei Ziele verfolgt. 

Erstens: Die neue Verbindung muss zielgenau mit den gewünschten Rezeptoren reagieren und darf keine anderen Rezeptoren triggern, die beispielsweise eine Suchtentwicklung befördern könnten.

Zweitens: Es muss eine Wirkungsobergrenze geben, um Überdosierungen zu vermeiden.

Drittens: Die Verbindung muss auf erwiesenermaßen verträglichen Molekülstrukturen aufgebaut sein, um Gegenreaktionen des Körpers zu verhindern.

Was es schon gibt

Das Prinzip ist nicht gänzlich neu. In der Medizin wird es schon länger genutzt, beispielsweise bei den berüchtigten Benzodiazepinen, die genutzt werden, um Angstzustände und Schlaflosigkeit zu behandeln, aber auch als Droge missbraucht werden. Doch auch das vergleichsweise harmlose Muskelentspannungsmittel Baclofen basiert auf dem GABA-Rezeptor-Prinzip und ist in Italien und Österreich bereits zugelassen, um Alkoholabhängigkeit damit zu behandeln.

Auch an pflanzlichen Mitteln, die eine ähnliche Wirkung haben, wird geforscht, so entstand zum Beispiel der Wermut-Ersatz »Sentia red« auf Basis von 13 verschiedenen Pflanzenextrakten, der bereits am Markt ist. 

Nutt selbst bezeichnet Alkohol wegen der beruhigenden und geselligkeitsfördernden Wirkung als seine »Lieblingsdroge«. Er gilt jedoch keinesfalls als Alkohollobbyist. Seinen Job als Alkoholbeauftragter der New Labour Regierung unter Tony Blair verlor er 2009, nachdem er publik gemacht hatte, dass er Alkohol für gefährlicher als Ecstasy oder LSD halte. VM

Ausgabe 2/2023

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