Vielfalt als Fluch und Segen

»Fluch der Vielfalt?«, betitelte ich den Artikel zu Rheinhessen in WEINWIRTSCHAFT 5/2021. Den Titel habe ich mit Bedacht gewählt, denn für die Vermarktung und Profilierung ist Vielfalt meines Erachtens ein Fluch. Autohersteller lesen in ihren Werbeanzeigen nicht seitenlange Features vor, sondern konzentrieren sich z.B. auf die Einparkhilfe.

Meine Gesprächspartner haben mir aber auch die Augen für eine andere Perspektive geöffnet. »Weinbaupolitik ist immer ein Kompromiss«, sagt Weinbaupräsident Ingo Steitz. Die Erfahrung lehrt, dass Kompromisse in der Weinbaupolitik meist bedeuten, dass vieles möglich bleibt und nur selten ein Begriff entfernt wird. Für eine Vereinfachung und eine Profilierung gegenüber dem Verbraucher ist eine Vielzahl an Möglichkeiten aber Gift.

Doch die Heterogenität gehört zu Rheinhessen. Schon der rheinhessische Schriftsteller Carl Zuckmayer prägte in seinem Theaterstück »Des Teufels General« die Metapher vom Rhein als der Völkermühle Europas, die der dem Wein eng verbundene Zuckmayer mit dem Zusatz »der Kelter Europas« ergänzte. So vielfältig wie die Herkunft der Rheinhessen, so vielfältig sind auch ihre Vorstellungen von Gegenwart und Zukunft des Anbaugebiets. 

Clemens Gerke, stv. Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT
Clemens Gerke, stv. Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT

Wenn die Leiterin des Arbeitskreises rheinhessischer Jungwinzer Kristin Antweiler sich als Idealbild Rheinhessens »profilierte Vielfalt« wünscht, zeichnet sie nicht nur ein Stimmungsbild der Jungwinzer, sondern des Anbaugebiets. Wer in der Weinbaupolitik mehr als einen Kompromiss der Vielfalt erreicht, tut in Rheinhessen also automatisch eine Position erzwingen, die wahrscheinlich nicht mehrheitsfähig wäre.

Wenn das Weinrecht nach der Weinverordnung den Winzern weiterhin viele Möglichkeiten der Bezeichnung offenhält, passt dies also zum Anbaugebiet Rheinhessen, auch wenn es für eine gemeinsame Gebiets-Vermarktung und -Profilierung große Herausforderungen bedeutet. 

Für den einzelnen Winzer bietet sich aber zugleich ein Strauß an Chancen in der eigenen Vermarktung. Dabei wären die Winzer gut beraten, sich in einem Punkt ein Beispiel an dem Ingelheimer Carsten Saalwächter zu nehmen, der mit seinen Pinots für Furore gesorgt hat – auch wenn sie selbst ganz andere Weine machen wollen. Sich zu spezialisieren, das eigene Angebot auf wenige Punkte zu beschränken, ist für die Profilierung des eigenen Betriebs inmitten der Vielfalt Rheinhessens eine gute Möglichkeit, sich zu positionieren und für etwas zu stehen.

Wer den gesamten rheinhessischen Gemischtwarenladen mitführen will, läuft in Gefahr sich zu verlieren und in der Vielfalt Rheinhessens unterzugehen. So ist die rheinhessische Vielfalt Fluch und Segen zugleich. Es liegt an jedem einzelnen Winzer, den Segen herauszuarbeiten.
 

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