Verdrängte Gefahr

Haben Sie von dem Brettspiel »Drinkopoly« gehört? Die Werbung verspricht: »Eine Million Fans, 50 Karten, ein Spielbrett, eine Mission: Besoffen werden« und »100% betrunken und 100% Spaß«. Falls Sie jetzt amüsiert grinsen und sich überlegen, für welchen Freund das ein passendes Geschenk sein könnte, muss ich jetzt zur Spaßbremse werden und Sie bitten, noch einmal nachzudenken.

Zwei Wochen vor dem BDO-Seminar »Es gärt unter der Oberfläche ...« hatte ich mir vorgenommen bald darüber zu schreiben, dass die Weinbranche den Alkoholkonsum nicht verharmlosen darf. Doch was Prof. Dr. Erik Schweickert und andere bei dem Seminar präsentierten, versetzte mich in eine Schockstarre. Inflation und Versorgungsengpässe sind die aktuell drängendsten Herausforderungen, und langfristig sind Klimawandel und Nachhaltigkeit die allgegenwärtigen Top-Themen, doch vielleicht ist die Alkohol-Politik für die Weinwirtschaft eine noch größere Gefahr als die zuvor genannten Themen.

Immer stärker wenden sich Gesundheitsorganisationen dem Kampf gegen den Alkoholkonsum zu. Die Wortwahl spielt dabei eine erschreckende Komponente. Es geht um den Konsum, nicht um den Missbrauch. Wie erfolgreich die Gesundheits-Apostel dabei sind, zeigte sich im Februar dieses Jahres, als die EU-Kommission ihren Plan zur Krebsbekämpfung durchbringen wollte, der Passagen enthielt, nach denen es keinen Alkoholkonsum ohne Gesundheitsrisiken gebe, und Warnhinweise forderte.
 

Clemens Gerke, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT
Clemens Gerke, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT

Damals konnten einige Mitglieder des EU-Parlaments das Schlimmste für die Branche abwenden und den Entwurf abmildern, doch die Gesundheitslobbyisten haben erfolgreich weit mehr als einen Fuß in die Tür der Alkoholpolitik gesetzt. Immer wieder führten die Vortragenden des BDO-Seminars die Parallelen zur Tabak-Industrie auf. Die für die Alkoholbranche angeführten Begründungen und geplanten Maßnahmen entsprächen fast wortgleich dem, was in der Tabak-Industrie nach und nach eingeführt wurde.

Die Weinwirtschaft darf dabei nicht auf eine Sonderrolle hoffen. Denn so wie nicht zwischen Konsum und Missbrauch unterschieden wird, gibt es auch keine Differenzierung zwischen Bier, Spirituosen und Wein. Auch wenn die Weinbranche bisher deutlich stärker als Bier und Spirituosen von EU-Subventionen profitiert, fällt sie in den Bestrebungen der Gesundheitspolitiker ins gleiche Fass. Ein Gespräch mit französischen Kollegen über die »Loi Évin« und die daraus resultierenden weitreichenden Werbeeinschränkungen wird dies verdeutlichen. Vertreter der deutschen Gebietsweinwerbungen wissen, wie die Loi Évin auch als Orientierung bei der Genehmigung von Werbemotiven bereits eine Rolle spielt.

Das Gespenst einer prohibitiven Alkohol-Politik steht also bereits längst im Raum, auch wenn die Weinbranche es kontinuierlich verdrängt. Statt mit innovativen Etikettendesign könnten wir uns vielleicht schon in ein paar Jahren mit der korrekten Anbringung von Schockbildern beschäftigen. Damit einher gingen gravierende Veränderungen der Branche, die es schwer haben dürfte, ihre Vielfalt und Kleinteiligkeit zu erhalten. 

Vorauseilender Gehorsam ist oft nicht die beste Lösung, dennoch sollte jeder von uns überlegen, wie er sich und seine Weine aufstellt. Ein »Vollrausch« genannter Wein steht nicht für moderaten Konsum. Die Verharmlosung von Besäufnissen oder das Prahlen mit getrunkenen Weinmengen ebenfalls nicht. Um Argumente gegen die Gesundheitspolitiker zu besitzen, muss die Branche konsequent für moderaten Alkoholkonsum eintreten. 

Wenn wir glaubhaft darstellen wollen, dass es Weingenuss und eine schützenswerte Weinkultur gibt, müssen wir diese auch leben. Dabei müssen wir uns auch gewahr sein, dass wir uns in einem Elfenbeinturm befinden und es nicht leicht wird, zu einem Vorbild für moderaten Konsum zu werden. Die deutsche Hauptstelle für Suchtfragen definiert einen riskanten Alkoholkonsum ab 24 Gramm/Tag bei Männern und 12 Gramm/Tag bei Frauen. Das sind ein Viertele bzw. 0,13 Liter Wein.

Ausgabe 24/2022

Themen der Ausgabe

Trentino

Trotz Alpen-Panorama schlägt die Marke die Herkunft

Rhône

Starke Konkurrenz, klare Ziele
 

Interview

Patrick Donath von ALDI SÜD über das Discount-Geschäft