Ein Hoch der Vielfalt

Nachdem die Änderungen des Weingesetzes bereits im vergangenen Jahr verabschiedet wurden, dreht sich die Diskussion jetzt um den Referentenentwurf des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zur »Vierundzwanzigsten Verordnung zur Änderung der Weinverordnung« mit Stand 23. Dezember 2020, soviel Amtsdeutsch muss sein. 

Die einzelnen Bundesländer können hierzu noch kleine Korrekturen bis Anfang März einbringen, bevor die neue Weinverordnung am 26. März im Bundesrat endgültig ihren Segen bekommt. Wenn, ja, wenn die Ratsgemeinschaft sich dann einigt. Denn während die Änderungen am Weingesetz kaum Anlass für Diskussionen boten, liefert die Weinverordnung mit Detailregelungen der widersprüchlichsten Art jede Menge Sprengstoff.

Wenn das mit der neuen Verordnung geschaffene Weinrecht, das im Übrigen erst 2026 wirksam wird, ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, bleibt nichts anderes übrig als ein Hoch auf die Vielfalt auszurufen. Offenbar geht es nur noch um Partikularinteressen, aber nicht mehr darum, Weine richtig zu bezeichnen. Im Endeffekt wird jedem jede Option eingeräumt, jede erdenkliche Begrifflichkeit verwenden zu können, egal, ob sie Sinn macht oder nicht. Die Verordnung spiegelt im Übrigen nur die Wünsche der Weinbranche und ihrer Akteure wider. Die zuständigen Mitarbeiter des Bundesministeriums richten nur an, was gekocht wurde.

Beispiel gefällig? Die Spätlese – glauben Sie mir, es gibt sie noch – darf es, wenn es sich um Weine aus einem Anbaugebiet, Bereich oder Großlage handelt, in allen Geschmacksrichtungen geben, von trocken bis süß. Nennt die Spätlese einen Einzellagennamen ist sie nur noch zulässig, wenn der Zuckergehalt den Höchstwert der Geschmacksangabe »halbtrocken« übersteigt. 

In der Realität wird dann die Einzellagen-Spätlese vom Weingut genauso süß sein wie die Billig-Spätlese. Ein echter Fortschritt? Die Aldi Spätlese Rheinhessen/Pfalz in lieblich für 1,99 Euro darf es also weiterhin geben, aber auch die trockene Spätlese ab Weingut, die dann halt ohne Lagebezeichnung auskommen muss. Steht eine der 2.600 deutschen Einzellagen drauf, muss es zwingend süß sein. Das macht Sinn. Ich glaube, ich hab’s kapiert. 

Hermann Pilz, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT
Hermann Pilz, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT

Sie haben im Übrigen richtig gelesen. Großlage und Bereich, deren Zukunft lange in der Diskussion war, leben fröhlich weiter. Sie sind in der Weinbergsrolle verankert. Nur auf dem Etikett werden sie durch den Begriff Region ersetzt. Man wird halt aufpassen müssen, von was man spricht: Region Krötenbrunnen, Bingen, Nierstein, Gutes Domtal, Vulkanfelsen?

In Zukunft werden die deutschen Weinetiketten noch viel mehr Geheimnisse für den wie immer gut informierten Verbraucher bereithalten. Er wird – vielleicht auch unter Zuhilfenahme einer Lupe – den Begriff Hofstück und Kirchenstück unterscheiden müssen, worauf Steffen Christmann, Präsident des VDP, in seiner Stellungnahme zur Reform des Weinrechts, zu Recht hinweist.

Dem Hofstück-Wein, der immerhin auf 1.600 Hektar gedeihen darf, muss zur »klaren« Kenntlichmachung, worum es sich handelt, in Zukunft in 1,2 Millimeter großer Schrift das Wörtchen »Region« zur Seite gestellt werden, dem 3,6 Hektar großen Forster Kirchenstück, eine der renommiertesten Einzellagen Deutschlands, in ebenfalls mindestens 1,2 Millimeter großer Schrift der Ortsname Forst. Und zwar vorne wie hinten, auf dem Schau- wie dem Rückenetikett, die es bei einer Flasche im juristischen Sinn ja überhaupt nicht gibt.

Ich sehe sie schon vor mir die Pulle aus dem Hofstück beim Discounter, zusätzlich verziert mit dem Begriff Großes Gewächs, das dank der Vielfalt auch jeder nutzen darf. Oben auf der Kapsel prangt ein Wappentier, das einem 28-Tage-Grillhähnchen von »Frittis« Grillbude ziemlich ähnlich sieht. Da ist das Motto, »je kleiner die Herkunft, desto höher die Qualität«, glaubhaft umgesetzt.