Das Weingut Christmann (Foto: Meininger Verlag)
Das Weingut Christmann (Foto: Meininger Verlag)

»Auf dünnem Eis«

Seit 2007 ist der Pfälzer Winzer Steffen Christmann Präsident des VDP, hier spricht er mit WEINWIRTSCHAFT über Lage, Entwicklungen und Perspektiven für den Verband und den deutschen Weinbau im Allgemeinen.

Wein kommt mit zahlreichen Begriffen auf dem Etikett daher. Versteht der Verbraucher das Bezeichnungsrecht des VDP überhaupt? Brauchen wir für das Gros der Trinker nicht etwas anderes?
Ich glaube, dass der Verbraucher sehr wohl unterscheiden kann zwischen einem Wein aus mehreren Ländern der Europäischen Union, der für ihn weniger wertvoll ist als ein französischer oder deutscher Wein. Und wenn er dann nur deutschen Wein kauft, ist klar, dass dieser weniger wert ist, als ein Pfälzer oder ein badischer Wein. Diese Treppe von unten weiter nach oben fortzusetzen, ist eigentlich nicht kompliziert. Nachdem der deutsche Weinbau den Verbraucher aber bislang mit diesem Thema völlig im Nebel hat stehen lassen und das völlig willkürlich verwendet hat, können wir allerdings nicht erwarten, dass er heute schon weiß, was das ist und sagt: »Ich habe darauf gewartet, dass jetzt die Lagen oder der Ort etwas Besseres sind.«

Es ist ein bisschen wie mit dem Zitat: »Die Demokratie ist eine schlechte Staatsform, aber ich kenne keine bessere.« Ich bin offen für alle anderen Vorschläge, die leichter vermittelbar sind, aber das bisherige System des deutschen Weinbaus hat nach jetzt 50 Jahren nicht dazu geführt, dass der Konsument sich da irgendwie orientieren konnte. Wir sind der Überzeugung, dass wir mit der Klassifikation des VDP eine gute Orientierung geschaffen haben. Und es ist ja schon lange kein VDP-System allein mehr. Es gibt inzwischen auch außerhalb des VDP viele Betriebe, die sich genau diesem Herkunftssystem angeschlossen haben und die ja nicht unbedingt die unerfolgreichsten sind. Deswegen glauben wir, dass das der einzige sinnvolle zu verfolgende Ansatz ist.

 

 

»Wir sind der Überzeugung, dass wir mit der Klassifikation des VDP eine gute Orientierung geschaffen haben«

Dennoch ist es für den Verbraucher in Berlin schwer, einen Unterschied zwischen einem Gimmeldinger, einem Königsbacher und einem Mussbacher Riesling auszumachen, wenn er vor dem Regal steht (Anm. d. Red.: drei benachbarte pfälzische Weinorte). Wo ist der Mehrwert für den Kunden? 
Grundsätzlich erhält er so zunächst mal einen anderen Zugang zur Qualitätsstufe. Ich kaufe selbst viel Wein ein, aber bei manchen Weinen muss ich mir draufschreiben, was er gekostet hat, damit ich weiß, welches Qualitätslevel ich aus dem Keller hole. Wenn ich vor dem Regal stehe, bekomme ich das über den Preis kommuniziert. Wenn der Wein einmal eingekauft ist und ich hole ein halbes Jahr später die Flasche raus, was weiß ich dann? Sobald ich sehe, das ist ein Ortswein, habe ist als Konsument nach einer gewissen Zeit gelernt, dass das die mittlere Stufe im Sortiment eines Erzeugers ist. Anders als Einstufungen wie drei Sternchen, vier Fässchen, Edition Karl Philipp oder was weiß ich.

Der wirkliche Unterschied zwischen den Weindörfern ist sicher nichts für das Gros der Konsumenten. Wir versuchen aber immer stärker herauszuarbeiten, was der Unterschied zwischen Gimmeldingen und Ruppertsberg ist. Und wenn man sich damit beschäftigt, wird das schon deutlich.

Fürchten Sie um die besondere Position, die sich die VDP-Weingüter in den letzten Jahren erarbeitet haben, wenn nun mit dem neuen Weingesetz ein ähnliches System auf jedes Weingut adaptiert wird?
Im VDP hat man sich vor etwa 30 Jahren bereits auf den Weg gemacht und entsprechende Erfahrungen mit der Profilierung gesammelt. An diesem langen Weg der Klassifikation sind wir gewachsen und heute profitieren unsere Mitglieder davon. Es wird am Ende ein Balanceakt. Denn es hängt sehr stark davon ab, wie glaubwürdig und konsequent die Umsetzung des gesamtdeutschen Weinbaus sein wird. Wenn es in die gleiche Richtung geht, wie vor 40  Jahren die Spätlese entwertet wurde, dann wäre es eine Gefahr. Wenn so etwas passiert, würden wir uns davon absondern und auch distanzieren müssen.

Wenn es uns gelingt, dass jeder – auf seinem Niveau, in seiner jeweiligen Marktetage – versucht das glaubwürdig umzusetzen, dann glauben wir, dass uns die Sache am Schluss alle voranbringt.

Gilt das auch für die Marke GG, die Sie ja sehr erfolgreich geschaffen haben? Wird die dadurch nicht verwässert, wenn jeder ein Großes Gewächs herausbringt – und würden Sie dann eher etwas Neues versuchen aufzubauen?
Wir können heute noch keine Antwort darauf geben. Klar ist, dass wir hier auf dünnem Eis unterwegs sind. Allerdings nicht wir, sondern meiner Meinung nach der deutsche Weinbau. Wir wissen alle, wie abfällig teilweise über die elsässischen Grand Crus gesprochen wurde. Es ist die Chance für den deutschen Weinbau, sich maximal zu blamieren. Aber es ist für den deutschen Weinbau umgekehrt auch die Chance, wirklich ein glaubwürdiges, absolutes Spitzenprodukt zu etablieren.

Unsere Meinung ist, dass es viel zu früh in die Weinverordnung gekommen ist. Wir hätten über fünf bis zehn Jahre hinweg den Lagenwein profiliert, und dann hätten wir gesehen, was sich aus diesen Lagenweinen wirklich ernsthaft entwickelt hat. Und dann hätte man aus diesen Lagenweinen am besten die Ersten Gewächse und die Ersten Lagen herausgearbeitet. Und nach weiteren 5 bis 10 Jahren hätten wir dann die großen Lagen und die Großen Gewächse rausgeschliffen. Dann wäre die Chance sehr, sehr groß gewesen, dass der deutsche Weinbau eine ernsthafte und glaubwürdige Grand-Cru-Klassifikation auf den Weg gebracht hätte. Wir selbst haben gelernt, wie viel Zeit solch eine Profilierung braucht. Daher halten wir es für überstürzt, im letzten Moment eine solche Regulierung aufzunehmen.

Wie lässt sich ein pfälzisches Großes Gewächs aus Portugieser verhindern?

...

 

 

Lesen Sie das komplette Interview in WEINWIRTSCHAFT 10/2022, die am 20.5 erscheint. Hier geht es zum Shop, wo sie das Heft abonnieren, oder auch einzelne Ausgaben bequem bestellen können.

Sie lesen lieber digital? Dann holen Sie sich die Meininger-App auf Ihr Smartphone und erhalten Sie per Abo Zugriff auf alle Ausgaben der WEINWIRTSCHAFT. Hier geht es zur App.

Ausgabe 23/2022

Themen der Ausgabe

Ernte 2022

Dass Dürrejahr drückt mancherorts die Erntemengen, andernorts herrscht Zufriedenheit. Und es hätte ja irgendwie alles schlimmer kommen können. Ein weltweiter Überblick.

Interview: Dr. Andreas Brokemper

Der Geschäftsführer von Henkell Freixenet über schwierige Situationen und bisherige Erfolge.

Meininger Verlag auf der ProWein

Viele spannende Veranstaltungen und Themen erwarten die Besucher 2023 am Meininger-Stand.