Interview mit Marc Hochard vom Château Musar

Ihre Vorfahren waren französische Kreuzfahrer, die im 13. Jahrhundert von Frankreich aus in den Mittleren Osten reisten. Inzwischen sind die Hochars seit vielen Generationen im Libanon angesiedelt. Seit 1930 betreiben sie ein Weingut, dessen Weine auf der ganzen Welt bekannt sind: Château Musar.

Serge Hochar war der Pionier für Wein aus dem Libanon / Credits: Armin Faber & Partner

Wie lange spielt der Wein bereits eine Rolle im Leben der Familie Hochar?

Marc Hochar: Mein Großvater studierte Medizin in Frankreich und kehrte nach einem langen Aufenthalt dort in den 1920ern in den Libanon zurück. Hier waren die Franzosen gerade dabei, eine Regierung aufzubauen. Sie waren begeisterte Weintrinker. So begeistert, dass mein Großvater Gaston entschied, ein Weingut zu gründen. Er eröffnete Château Musar 1930 in den Kellern  von Schloss Mzar in Ghazir. Mit herrlichem Blick auf das Mittelmeer. Mein Vater Serge und Onkel Ronald übernahmen das Weingut in den späten 50ern und mein Bruder Gaston arbeitet seit den frühen 90ern mit. Heute sind wir fünf Familienmitglieder aus zwei Generationen, die das Erbe meines Großvaters fortleben lassen und aktiv vorantreiben.

Das war sicher nicht immer einfach. Beschreiben Sie doch bitte kurz die Historie des Weinguts und die Schwierigkeiten.

Marc Hochar: Die Geschichte von Château Musar ist gezeichnet von Not und Unglück und gleichzeitig von harter Arbeit und Zielen, die so mancher anfangs als unerreichbar eingestuft hat. Das Mantra meines Großvaters lautete am Anfang, Weine von höchster Qualität herzustellen. Als Serge im Jahre 1959 das Weingut übernahm, war sein Beitrag, das Weingut in Richtung naturnahen und organischen Weinbau zu führen. Ein Ansatz, der die natürliche Bewirtschaftung in den Fokus stellte und auch die Handschrift  des Weinguts und unsere Philosophie prägte.
Der Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1991 hat verheerenden Schaden auf unseren regionalen Märkten angerichtet, entpuppte sich für uns letztendlich aber als getarnter Segen. Er hat uns nämlich gezwungen, unsere Absatzmärkte im Ausland zu erweitern. Am Ende des Krieges 1991, hat Château Musar fast die gesamte Produktion außerhalb des Landes verkauft. Heute sind der Klimawandel und die globale Erderwärmung die größten Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Aber wir sind wild entschlossen, unsere unverwechselbaren Weine zu produzieren, unabhängig davon, was das Leben an Problemen auf uns wirft. Die Jahrgänge, die man bei uns auf dem Weingut verkosten kann, sind allesamt Zeugen unserer Entschlossenheit.

Herr Hochar, könnten Sie noch etwas über die französischen und die libanesischen Mentalitäten erzählen? Ähneln die sich?

Marc Hochar: Frankreich und der Libanon hatten immer enge Verknüpfungen, seit um 1200 herum die ersten Kreuzfahrer in den Mittleren Osten reisten. Im 19. Jahrhundert hatte Frankreich einen starken Einfluss, seit Napoleon III. sich für die Region interessierte. Doch die Verbundenheit zwischen Frankreich und dem Libanon wurde noch stärker, als im Jahr 1920 zum Ende des Ottomanischen Reichs die libanesischen Grenzen, wie wir sie heute kennen, von den Engländern und den Franzosen gezogen wurden und der Libanon unter das französische Mandat fiel. Das erklärt zum Beispiel auch, warum mein Großvater nach Frankreich ging, um Medizin zu studieren. Viele Libanesen sprechen französisch und die französischen Einflüsse auf die Erziehung, die Kultur und die Schulbildung sind stark. Bedauerlicherweise geht dieser Einfluss zurück, seit Englisch sich immer mehr als Weltsprache durchsetzt und davon auch die jüngere Generation im Libanon beeinflusst wird.

Marc, Serge und Gaston Hochard / Credits: Armin Faber & Partner

Eine Frage zu den politischen Umständen: Mit Beginn des Bürgerkriegs ging nicht nur der Weinkonsum im Libanon zurück, sondern es wurden auch viele Weinberge zerstört. Zwischen 1976 und 1984 mussten Sie sogar auf manche Ernte verzichten. Ist das korrekt?

Marc Hochar: Die Trauben wachsen von alleine. Die Trauben scheren sich nicht darum, ob gerade Krieg herrscht. Es ist also immer möglich, Wein zu produzieren, sofern man die Trauben auch in den Keller bekommt. In unserem Fall liegen die Weingärten eine drei-Stunden-Fahrt mit dem Truck vom Weingut entfernt. Und im Jahr 1976, als es kein Benzin im Land gab, konnten wir auch keinen Wein produzieren. Oder im Oktober 1984, da konnten wir nur eine sehr kleine Menge produzieren, weil unsere Trucks mit den Trauben fünf Tage bis zum Weingut unterwegs waren, statt der üblichen drei Stunden. Das hatte natürlich eine sehr eigenständige Ernte zur Folge. Eine Ernte, die wir übrigens in 2014 beginnen zu verkaufen. Kein Witz – der Wein brauchte 30 Jahre, um sich zu klären. Ein sehr eigenständiger Jahrgang.

Alle anderen Jahrgänge konnten wir produzieren. Manche früher, manche später, aber immerhin konnten wir ernten und Weine ausbauen. Seit dem Ende des Krieges in 1991 hatte die politische Situation keinen Einfluss mehr auf unsere Ernten.

Was hat Ihren Vater immer wieder angetrieben und bewegt, weiter zu machen? Er gilt als extrem optimistisch und energiegeladen.

Marc Hochar: Ich glaube, die Energie und der Optimismus sind ihm angeboren. So war er schon vor dem Krieg. Sein Ehrgeiz, eigenständige Weine zu machen, begann schon 1959, als er angefangen hat, Weine zu machen. Und das war, bevor er in Bordeaux Oenologie studierte (das war 1964). Der Jahrgang 1959 ist auch heute noch einer der schönsten und jugendlichsten Weine in unserem Portfolio. Ein Wein, der nur aus seinem Instinkt heraus entstand. Das müssen Sie glauben. Nachdem der Krieg uns unfreiwillig in die ausländischen Zielmärkte katapultiert hat, wurde uns erst bewusst, in welcher Größenordnung sich unsere Weine bewegen. Seitdem haben wir nur positive Kritik gehört und den Respekt, den die berühmten Sammler den Weinen von Château Musar zollen.

Auf welche Rebsorten schwören Sie? Und wie lautet Ihre Philosophie?

Für unsere Rotweine haben wir größtenteils Rebsorten aus Südfrankreich in den Libanon gebracht. Abhängig vom jeweiligen Jahrgang werden unsere Rotweine dann auch mal von den Weinexperten als Bordeaux, mal als Burgunder oder als Wein von der Südlichen Rhône beschrieben. Für uns ist der Stil allerdings sehr eigenständig. Und diese Eigenständigkeit hat auch zu unserer Reputation geführt, die wir in der Weinwelt innehaben. Unsere Weißweine sind sogar richtig eigenständig, denn die produzieren wir aus autochthonen Rebsorten, die nur im Libanon zu Hause sind.

Welche Weißweine haben Sie denn im Portfolio? Und wie viel Prozent Ihrer Produktion macht das aus?

Marc Hochar: Unsere Chateau Musar Weißweine werden aus zwei regionalen Rebsorten vinifiziert, Merwah und Obeideh, die Vorfahren von Semillon und Chardonnay. Das sind auch die einzigen Rebstöcke im Libanon, die noch auf ihrer ursprünglichen Unterlagsrebe wachsen. Sie haben sogar die Reblaus überlebt.
Daraus vinifizieren wir Weine, die sich in keine Schublade stecken lassen. Eine einzigartige Welt der Aromen mit viel Komplexität. Aber definitiv kein Wein für jeden Tag und definitiv kein Wein für jemanden, der einen typischen Weißwein erwartet. Prozentual machen die Weißen etwa zehn Prozent unserer Produktion aus.

Sie setzen gezielt auf organischen Anbau – soll die Reise irgendwann in Richtung Biodynamie weitergehen?

Marc Hochar: Im Jahr 2005 wurden die Weinberge, die wir kontrollieren, als allererste im Libanon als organisch zertifiziert. Und obwohl ein Großteil unserer Landwirtschaft und unsere neuen Anpflanzungen sich den klimatischen Bedingungen beugen müssen, lautet unsere Philosophie, alles so naturnah wie möglich zu handhaben. Die Biodynamie ist für uns derzeit kein Thema, denn wir wollen unsere Weine nicht verändern. Sie zeigen unsere Handschrift, wie wir es wollen.

Beirut / Credits: Armin Faber & Partner

Was sind die Besonderheiten in der Beeka-Ebene (Klima, Böden, Wetterbedingungen …)

Marc Hochar: Die Musar- Weinberge liegen auf Höhen zwischen 1000 und 1500 Metern. Unsere Reben profitieren dort von kühlen Nächten und saisonalen Temperaturen (Schnee im Winter und heiße Sommer), die in langen Reifeperioden resultieren. Das Beeka Valley ist fast Frost- und Disease-frei mit regnerischen Wintern und einer Durchschnittstemperatur von 25 Grad Celsius.
Bei den Böden sind kalkreiche limestone mit Gravel und Stein, die den Weinen ihren distincvtive Charakter und die Komplexität verleihen.

Worauf wird bei der Ernte geachtet?

Marc Hochar: All unsere Trauben werden von unseren örtlichen Bedouinen in der Kühle des Morgens per Hand geerntet, um die Frische zu gewährleisten. Geerntet wird in den Monaten von August bis Oktober.

 

Wohin werden die Weine exportiert?

Marc Hochar: Chateau Musar ist weltweit in mehr als 60 Ländern zu bekommen. Wir stehen genauso auf den Weinkarten von Top-bewerteten Sternerestaurants  wie wir auch in Weinhandlungen zu finden sind, die sich auf Nischenprodukte spezialisiert haben. Also auf der gesamten Range. Zuerst wurde Chateau Musar von Michael Broadbent in den späten 70ern in der UK entdeckt, der die Weine als „a bit of claret, a touch of burgundy, great wines“, beschrieb. Inzwischen sind unsere Weine weltweit für ihre Finesse und Eleganz und ihre außergewöhnliche Fähigkeit zu reifen bekannt. Wir bieten immer noch Jahrgänge aus den 1950ern zum Verkosten an. Und erleben die schönsten Überraschungen.

Erlauben Sie mir zum Schluss noch eine Frage zur derzeitigen politischen Situation und den Einfluss auf die Weinwirtschaft.

Marc Hochar: Mein Vater Serge hat den Libanon in der OIV (der Organisation de la Vigne et du Vin - checken) über Jahrzehnte repräsentiert. Das war, bevor die Libanesische Regierung diesen Industriezweig registriert hat. Heute versteht die Regierung die Wichtigkeit des Weins für den Libanon als Kulturgut, als Arbeitgeber, als voranschreitende Landwirtschaft, als eine der wenigen Exporte aus diesem Land und als Marke, die man mit dem Wein dem Land verleihen kann. Serge war ein Gründungsmitglied und viele Jahre lang Präsident der Vereinigung „Union Viticulture du Liban“, einer Vereinigung von Weinerzeugern. Und seit dem vergangenen Jahr haben wir es geschafft, ein „Institut du Vin“ im Libanon zu gründen, das die Ziele verfolgt, die Qualitätsstandards festzulegen und hochzuschrauben, das den Appellationsgedanken verfolgt und das Regularien für die Weinwirtschaft einführt und verbindlich macht.

Für uns als Weingut ist der Einfluss der Politik nicht wichtig. Wir sind viel mehr stolz darauf und froh, dass wir eine neue Art von Wein Weinliebhabern auf der ganzen Welt zugänglich machen können und durch unsere Weine das Qualitätsdenken mit beeinflussen können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Ilka Lindemann
Fotos: Armin Faber

Informationen

Château Musar ist die bekannteste Weinkellerei im Libanon. Das Spitzenprodukt ist der Rotwein Château Musar, eine Cuvée, die vorwiegend aus den Rebsorten Cabernet Sauvignon, Cinsault, Carignan und Syrah produziert wird. Jede Sorte reift einzeln für zwei Jahre in französischer Eiche, bevor sie miteinander vermählt werden. Danach reifen die Weine noch vier Jahre auf der Flasche, bevor sie in den Handel kommen.

www.chateaumusar.com

Ausgabe 01/2023

Erhältlich ab 09.11.2022: Pinot-Pioniere Paul und Sebastian Fürst // Einblick ins Priorat // Gourmet-Adressen in Berlin und weitere Themen

Themen der Ausgabe

Aus dem Ei gepellt

Minimalistisch und dennoch ein absoluter Hingucker: Steak mit gebeiztem Eigelb. Liebhaber außergewöhnlicher Kreationen sollten dieses Rezept unbedingt ausprobieren. Dazu kombiniert Sommelière Ilona Scholl einen Lemberger aus dem Hause Aldinger und macht die Ei-Steak-Komposition perfekt. » Zu Rezept und Weintipp

Fürstlicher Besuch

Paul und Sebastian Fürst vom Weingut Fürst aus Franken stehen für pure, elegante Burgunder und charakterstarke Rieslinge. Mit dem Ziel, die Herkunft der einzelnen Weine mit Präzision zum Vorschein zu bringen, produzieren sie einzigartige Gewächse mit Weltruhm. WEINWELT-Chefredakteurin Ilka Lindemann hat die beiden Winzer während der Weinlese besucht und hinter die Kulissen geschaut.

Klein, aber oho!

Vom traditionellen Chasselas bis hin zur innovativen Piwi-Sorte Divico, gibt es in den Weinregionen der Schweiz eine unglaubliche Anzahl unterschiedlichster Rebsorten zu entdecken. Wir haben uns auf eine vinophile Rundreise durch die Deutschschweiz, das Wallis und das Waadtland begeben und waren beeindruckt von der spannenden Vielfalt, die in dem kleinen Weinland steckt.