Christoph Maria Herbst wirbt für den Shop Vinzery.de. Die Firma hinter dem Portal ist nun insolvent.
Christoph Maria Herbst wirbt für den Shop Vinzery.de. Die Firma hinter dem Portal ist nun insolvent.

Webshop-Agentur insolvent

Corona hat dem Onlinehandel einen ordentlichen Push gegeben. Wer konnte, verlagerte seinen Verkauf ins Netz. Zu eben jener Zeit, Mitte 2020, trat die Firma Intersellers auf den Plan. Die GmbH hat für zahlreiche Weingüter eigene Webshops aufgestellt, die Lagerung und Logistik übernommen und auch in Zusammenarbeit mit großen Medienhäusern wie dem Axel Springer Verlag und der ProSiebenSat1-Gruppe Onlineportale aufgesetzt. 

Nun ist über das Unternehmen das Insolvenzverfahren eröffnet worden, wie WEINWIRTSCHAFT aus Insiderkreisen erfuhr. Am 22. Juli 2022 wurde laut Amtsgericht München die vorläufige Insolvenzverwaltung angeordnet. Insolvenzverwalter ist der Münchner Rechtsanwalt Marc-André Kuhne.

Bereits am 29. März 2022 ging der erste Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens beim Amtsgericht München ein. Übereinstimmend berichten betroffene Partner, die ungenannt bleiben möchten, dass bereits zu diesem Zeitpunkt Zahlungen nur »sehr zögerlich« erfolgten, Ratenzahlungsvereinbarungen seien nicht eingehalten, technische Probleme als Erklärung für Zahlungsverzögerungen vorgeschoben worden. Erst im August sei man über das eröffnete Insolvenzverfahren informiert worden. 

Von Außenständen im hohen vierstelligen Bereich berichten die Intersellers-Partner. Besonders irritiert habe sie, dass inzwischen in allen Impressen der von Intersellers zuvor betreuten Webshops eine neue GmbH, Pluswine, anstelle von Intersellers auftritt. Die Pluswine wurde am 10. Februar ins Handelsregister aufgenommen. Geschäftsführer dieser neuen GmbH ist Todd Covell – der bereits die Geschicke der nun insolventen Intersellers leitete.

Das sagt das Unternehmen

WEINWIRTSCHAFT hat das alte bzw. neue Unternehmen mit den Vorwürfen konfrontiert. »Wir haben Fehler gemacht,« so Sales-Leiter Andreas de Barde. »Wir sind zu schnell gewachsen, dann sind die Umsätze im Onlinegeschäft weggebrochen, technische Lösungen sind teilweise zu teuer umgesetzt worden.« Aus diesen Fehlern wolle man lernen. 

De Barde selbst soll die Geschäftsführung der neuen Pluswine übernehmen, der Notartermin für die Übertragung stehe zeitnah an. Covell werde keine Rolle mehr in der neuen Gesellschaft spielen. Dass die neue GmbH knapp zwei Monate vor dem ersten Insolvenzantrag gegründet wurde, ist laut de Barde schlicht Zufall, man habe die Winzershops in eine eigene Agentur auslagern und von den Medienkooperationen trennen wollen.

Auch Covell selbst äußert sich: »Die Pluswine wurde als 100-prozentige Tochter der Intersellers gegründet.« So erkläre sich auch seine Doppelrolle als Geschäftsführer. »Jetzt ist es ein Glück, dass wir die Pluswine aus der Intersellers herauslösen konnten, um das Geschäft, das wir aufgebaut haben, bestmöglich fortzuführen.« Covell bestätigt, dass er vom ersten Insolvenzantrag Ende März, den damals eine Krankenkasse gestellt hatte, Kenntnis hatte – jedoch nicht damit gerechnet hatte, dass daraus tatsächlich ein Insolvenzverfahren würde. Anderenfalls hätte man, so Covell, »selbstverständlich« sofort alle Partner informiert.

Etwa 150 Partner hatte Intersellers zum Schluss. Einige, aber längst nicht alle, seien bereits bei der neuen Pluswine als Kunden wieder an Bord. Einer davon ist das Weingut Tina Pfaffmann. »Wir waren von Anfang an sehr zufrieden. Wir wurden auch sehr zeitnah über die anstehende Insolvenz informiert und haben uns entschieden, als Partner weiter mit der neuen Pluswine zusammenzuarbeiten«, so Geschäftsführer Heiko Kaiser.

Mit allen anderen Partnern, versichert de Barde, wolle er persönliche Gespräche führen und Lösungen finden, wozu bislang noch keine Gelegenheit gewesen sei. Rund die Hälfte der Winzer habe noch offene Forderungen. Über deren Höhe möchte de Barde keine Angaben machen. Die eingelagerte Ware sei weiterhin Eigentum der Winzer und nicht Teil der Insolvenzmasse und könne, rein theoretisch, direkt zurück ans Weingut gehen. Rund 15.000 Flaschen hat einer der Partner laut eigener Aussage noch im Lager stehen, man hoffe, diese auch zeitnah zurückzubekommen. 

Optimismus

»Ich glaube an das Konzept und daran, dass wir etwas Gutes tun. Wir wollen das Unternehmen komplett neu aufstellen, dazu habe ich mir auch einen finanziellen Berater geholt«, zeigt sich de Barde zuversichtlich gegenüber einem Neustart. Dazu gehören unter anderem Personaleinsparungen: Von ursprünglich 30 Mitarbeitern sind weniger als 15 weiter beschäftigt. Die Technik soll auf günstigere Lösungen umgestellt werden und die Zusammenarbeit mit dem Logistikpartner überarbeitet werden.

Das zweite große Standbein, die Kooperationen mit großen Medienhäusern, hatte sich ebenfalls als weniger erfolgreich als erhofft erwiesen. Der Shop mit der Zeitung Die Welt ist bereits seit längerem eingestellt. Der in Zusammenarbeit mit ProSieben betriebene Webshop Vinzery.de, für den Intersellers ebenfalls als Dienstleister fungiert (nicht als Gesellschafter) und für den Comedian und Schauspieler Christoph Maria Herbst zur Primetime in Werbespots als Testimonal auftritt, besteht dagegen weiterhin und soll fortgeführt werden. Hier wurden auch die Weine der Partner-Weingüter angeboten, teilweise über mehrere Wochen in den TV-Spots direkt beworben. Gebracht hat das nicht jedem etwas, von nur etwa 1.000 verkauften Flaschen berichtet etwa ein Hersteller.

»Mich ärgert vor allem, dass die weiterhin Fernsehwerbung machen«, sagt ein anderer Winzer und Gläubiger  – während er selbst, so glaubt er, wahrscheinlich leer ausgehen werde. AW

Ausgabe 19/2022

Themen der Ausgabe

Discount

Die große Discounter-Wein-Verkostung offenbart die Probleme dieses Absatzkanals.

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Ein Jahr nach Amtsübernahme bei Eggers & Franke fragt WEINWIRTSCHAFT im Interview nach.

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Andernorts werben Weine ungeniert damit, gesund zu sein. Hierzulande steht dem einiges im Wege.