Foto: iStock.com/IIIerlok_Xolms
Foto: iStock.com/IIIerlok_Xolms

Was kostet ein Wein?

Natürlich ist es billiger, einen Tafelwein zu machen als einen La Tâche, das weiß jeder. Nur, was genau macht den Unterschied? Weinkenner und solche, die sich dafür halten, erklären Ihnen das gern. Nicht immer ist man hinterher schlauer. Wir haben bei Experten nachgefragt – und einige überraschende Antworten bekommen.

Text: Matthias Stelzig

Rebschnitt (Foto: Somogyi Laszlo/Shutterstock.com)

Rebschnitt (Foto: Somogyi Laszlo/Shutterstock.com)

Grüne Lese (Foto: www.deutscheweine.de)

Grüne Lese (Foto: www.deutscheweine.de)

Ernte des reifen Leseguts (Foto: tepic/Depositphotos.com)

Ernte des reifen Leseguts (Foto: tepic/Depositphotos.com)

Aussortieren der Trauben (Foto: iStock.com/Milen_megachrom)

Aussortieren der Trauben (Foto: iStock.com/Milen_megachrom)

Ausbau im Barrique (Foto: iStock.com/AlexD75)

Ausbau im Barrique (Foto: iStock.com/AlexD75)

... oder im Stahltank (Foto: iStock.com/gilaxia)

... oder im Stahltank (Foto: iStock.com/gilaxia)

Flaschen-Abfüllung (Foto: elmar gubisch/stock.adobe.com)

Flaschen-Abfüllung (Foto: elmar gubisch/stock.adobe.com)

Etikettieren (Foto: iStock.com/minemero)

Etikettieren (Foto: iStock.com/minemero)

Weinprobe (Foto: iStock.com/andresr)

Weinprobe (Foto: iStock.com/andresr)

„Was kostet ein guter Wein?“ Das ist für Weintrinker eine wichtige Frage bei der Kaufentscheidung. Umso widerwilliger fällt oft die Antwort aus. Oder man bekommt einen etwas hilflosen Monolog, der mindestens 724 unterschiedliche Kostenstellen enthält und noch eine Menge blumige Schwärmereien von der Bedeutung des Weins als abendländischer Kulturträger. Die angepeilte Analyse endet dann meist mit einem Allgemeinsatz wie: „Der Wein muss es einem einfach Wert sein“, in der Hoffnung, dass das irgendwie philosophisch rüberkommt und sich niemand mehr an die Eingangsfrage erinnert. Wie war die noch? Ach ja, was kostet eine Flasche Wein?

Klar, es gibt viele Weine, die sehr unterschiedliche Prozesse durchlaufen. Für Amarone werden die Trauben aufwendig getrocknet, Eiswein wird nachts bei bitterer Kälte in unwirtschaftlichen Minimengen geerntet, und gute Madeiras braten jahrelang in der Sonne auf einer abgelegenen Atlantikinsel. Gemeint ist hier aber die ganz normale Flasche Wein von einem Winzer, der einfach nur einen guten Tropfen machen will. „Der wird sich aber nicht gern in die Karten gucken lassen“, warnt Monika Reule. Die Geschäftsführerin des Deutschen Weininstituts ist eigentlich die ausgewiesene Fachfrau für solche Fragen. Niemand anders fasst die Branche besser und fixer in Zahlen als sie. „Ganz so einfach ist das auch gar nicht“, erklärt Jürgen Oberhofer. Der promovierte Betriebswirtschaftler vom rheinlandpfälzischen Ministerium für Weinbau hat es trotzdem mit spitzem Bleistift ausgerechnet.

ZWISCHEN SCHNÄPPCHEN UND SCHNAPPATMUNG

Vorausgesetzt, das Weingut hat nicht allzu steile Lagen, fallen pro Hektar und Jahr an die 500 Arbeitsstunden im Weinberg an. Da sind Laubwand-Management und Handernte schon dabei. Dazu kommen Kosten für Maschinen und notwendige Pflanzenschutzmittel. Der Winzer erntet moderate 50 Hektoliter pro Hektar, in den er nach der Ernte über 14 000 Euro gesteckt hat. Etwas anschaulicher macht das 2,10 Euro pro Dreiviertelliter-Flasche. Im Keller muss er zum Teil ziemlich teures Gerät vorhalten. Allein eine ordentliche Presse kommt auf 70 000 Euro. Spätestens jetzt wird es mit komplizierten Berechnungen von Vollkosten, Nutzungsdauer, AfA (Absetzung für Abnutzung) und Ähnlichem ernüchternd. Manch einer spricht da eher vom Untergang des Abendlands. Alles in allem kosten Vinifikation und Ausbau im Keller 1,49 Euro pro Flasche, natürlich ohne Extras wie Barrique-Ausbau. Ist der Tropfen endlich fertig, nimmt der Winzer eine hübsche Flasche (88 Cent), lässt Abfüllen (23 Cent), Korken und Kapsel drauf (60 plus 30 Cent), etikettiert (22 Cent) und ab in den Karton (anteilig 9 Cent). Macht mit ein paar Nebenkosten 2,42 Euro. Jetzt muss er seinen Wein noch unter die Leute bringen. Logo und Etikett entwerfen, Kunden und Webshop pflegen, Angebote machen, an Weinproben und Messen teilnehmen, das kostet jährlich rund 70000 Euro. Das Marketing rechnet sich für einen kleinen Betrieb wesentlich schlechter als für einen großen. Bei 15 Hektar etwa entfallen gerade mal 33 Cent auf die Flasche. Ein Winzer mit fünf Hektar muss 99 Cent rechnen.

„Viele kleine Familienbetriebe unterschätzen das“, erklärt Dr. Matthias Mend von der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau, „und bleiben auf den Kosten sitzen.“ Das ergab seine Unternehmensanalyse von 365 Weingütern der Hochschule Geisenheim. Im besten Fall sind bis hier 6,38 Euro für eine Flasche Wein zusammengekommen. 30 Prozent Marge schlägt der Winzer noch auf – schließlich braucht auch er einen Gewinn. Macht 8,30 mit Mehrwertsteuer 9,88 Euro. Das passt so gerade noch in den Entscheidungsrahmen von Fünf-Euro-Schnäppchen bis Schnappatmung ab zehn. Etwa ein Drittel davon ist für die Erzeugung draufgegangen. Jetzt muss der Kunde noch an seinen Wein kommen. Kostet ihn etwa einen Euro für den Versand oder das Spritgeld für den Einkauf vor Ort, das die meisten aber diskret als Vergnügungsfahrt verbuchen. Praktischer kauft man den Wein im Geschäft. Doch dann muss auch der Händler leben. Der Winzer verzichtet dazu auf etwas Gewinn – er verkauft ja gleich ein paar hundert Flaschen. Aber so wird es meistens für den Konsument teurer.

RENOMMEE WELTWEIT – DAS KOSTET

Jeder Händler versorgt einen natürlich gerne für ein Vielfaches des Preises. Man kann auch einiges mehr in das Ausgangsprodukt investieren, um die Qualität zu steigern. Steillagen machen sowieso mehr Arbeit. 1200 bis 1500 Arbeitsstunden sind da drin. Auch mehr Laubarbeit und grüne Lese schlagen zu Buche und natürlich die daraus folgende Ertragsreduzierung. Das Gleiche gilt für mehrfache Handlese und das Aussortieren am Tisch. Ein Barrique-Fass kostet ungefähr 750 Euro. In drei Jahren Nutzung entfallen ungefähr 1,20 Euro auf eine Flasche. Und natürlich längere Ausbauzeit, in der „die Engel“ drei bis fünf Prozent der Menge wegtragen. Das Weingut unseres Beispielwinzers inklusive Gebäude, Maschinen und Rebfläche bewertet Oberhofer mit rund 1,5 Millionen Euro. In einer besseren Gegend der Bourgogne oder des Bordelais zahlt das mancher für einen Hektar. Die Investition bezahlt man beim Kauf einer Flasche natürlich mit. Zudem können unvorhergesehene Jahrgangsschwankungen und extreme Witterungsbedingungen für mehr Arbeitsaufwand und Ernteausfälle sorgen.

Robert Parker, den einflussreichsten Kritiker, den die Weinwelt je gesehen hat, zitieren Händler und Winzer gerne ausführlich. Ein Satz des Grand Cru-Gurus steht aber selten im Prospekt: „Keine Flasche Wein übersteigt Produktionskosten von zehn Dollar! Weltweit.“ Genau genommen zehn Euro und 84 Cent nach Oberhofer. Mehr kann man in die Herstellung eines Weins nicht investieren. Und auch nicht in Qualität. Dass man zwischen Weinen für 25 und 150 Euro keinen qualitativen Unterschied schmeckt, bestätigt eigentlich jeder, der es mal in einer Blindprobe versucht hat. „Das Marketing treibt die Kosten hoch“, weiß Mend. Anzeigen schalten, Kunden zu teuren Dinners einladen und das am liebsten rund um den Globus, so etwas bildet eine Premiummarke und erzeugt internationale Nachfrage. Ökologisch und nachhaltig geht natürlich anders. Hinzu kommt das Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Erste Gewächse aus Bordeaux und Burgund sind vor allem knapp. Deshalb kriegt sie der, der am meisten zahlt. Das hat nichts mehr mit den Produktionskosten zu tun. Viele dieser Weine werden auch gar nicht zum Trinken gekauft. Mit Blick auf die enormen Steigerungsraten laufen Spekulanten aller Art heiß. Das treibt die Preise weiter hoch.

GANZ UNTEN IM REGAL WIRD ES TEUER

„Die deutschen Winzer haben in den letzten 25 Jahren umgedacht“, sagt Monika Reule zufrieden, „die Qualität ist viel besser geworden.“ Für einen ordentlichen Wein fallen deshalb etwa 4,50 Euro Produktionskosten an – wenn man die bereits aufgezählten Aufwendungen etwas abspeckt. Nur: „Winzer von kleinen Betrieben vergessen oft, ihre eigene Arbeit einzurechnen. Preise von 3,90 Euro“, sagt Monika Reule, „sind reine Kundenpflege.“ Nett gesagt. „Geld verbrennen“ könnte man es auch nennen. Im Supermarkt stehen aber schon Weine für 1,99 Euro. Wie geht das denn? Mit Rationalisierung, Automatisierung, Massenproduktion. Solche Weine stammen von großen Flächen, die mit automatisierten Maschinen bearbeitet werden. Allein ein Vollernter kann die Erntekosten dritteln. Natürlich sind die Erträge hoch. Käufer dieser Trauben, des Mosts oder des Weins sind Industrie-Unternehmen, die Weine in baumhohen Tanks lagern und auf Großbestellung in vollautomatischen Füllstraßen in Flaschen füllen. Marktführer Peter Mertes in Bernkastel-Kues produziert so eine Million Flaschen – am Tag. Ein Teil dieser Weine kommt aus Ländern mit niedrigen Löhnen, weiten Ebenen und stabilem Wetter.

In den Billigversionen kostet ein dreiviertel Liter Wein so um die 60 Cent, 54 Cent für die Verpackung und tschüss. So verdient man auch an 1,99-Wein. „Anbau und Herstellung bestimmen den Preis“, verkündet Marktführer Aldi auf seinen Weinberater-Websites weise. Stimmt nur nicht ganz. Wein wird auf dem Weltmarkt in Übermengen produziert. Wer keinen Abnehmer findet, verkauft irgendwann ganz billig. Zehn Cent pro Liter raunen Branchen-Insider hinter vorgehaltener Hand. Die „Grundversorgung für Vieltrinker“ stellen sie dann als Tetrapack für 99 Cent ganz unten ins Regal. Klingt billig. Aber für fast einen Euro bekommt man auch nur einen Zehn-Cent-Wein. Das ist eigentlich ganz schön teuer.

Allein der Materialaufwand ist hoch - das kostet
  • die Flasche: von 0,24 € bis 1,67 €
  • der Verschluss: von 0,10 € bis 0,70 € (Schraubverschluss bis Naturkork)
  • die Kapsel: von 0,07 bis 0,30 €
  • das Etikett: von 0,07 € bis 0,22 €
  • der Karton: von 0,06 € bis 0,09 €

*Quelle: Dr. Jürgen Oberhofer 2019, DLR Rheinpfalz, Institut für Weinbau & Oenologie

Die Kosten der Weinproduktion

Die Zahlen beziehen sich auf ein Weingut mit 15 Hektar Anbaufläche, das 150.000 Flaschen Wein produziert. Für deutsche Verhältnisse ist das schon nicht mehr klein, aber wirtschaftlich günstig. Die Löhne schwanken zwischen 30 Euro pro Stunde für einen Betriebsleiter und elf Euro für einen Erntehelfer. Rotwein wird grundsätzlich etwas teurer. Der Durchschnittsertrag ist niedriger und die Maischevergärung aufwändiger. Interessant: Wer statt Barriques Eichenholzchips nimmt, senkt die Kosten von 1,18 Euro auf zwei Cent.

Quelle: Dr. Jürgen Oberhofer 2019, DLR Rheinpfalz, Institut für Weinbau & Oenologie
Quelle: Dr. Jürgen Oberhofer 2019, DLR Rheinpfalz, Institut für Weinbau & Oenologie
Schlagworte