Mit Klauen und Zähnen

Was bedeutet ein Kartellrecht mit Klauen und Zähnen? Zunächst einmal ist das eine blumige Ankündigung, die den Ärger über eine schlecht durchgeführte Entlastung der Bürger gegen hohe Spritpreise besänftigen soll.

Abseits von diesem recht offensichtlichen Manöver steht dahinter aber die Erkenntnis, dass das bisherige Kartellrecht nicht ausreichend Klauen und Zähne besitz. Schon im Vorfeld des Tankrabatts war die fehlende Durchsetzbarkeit klar zur Sprache gekommen und die Drohkulisse der aufmerksamen Beobachtung durch das Kartellamt aufgebaut worden, die von den Konzernen schnell als potemkinsche Wehranlage enttarnt wurde. 

Sicher fragen Sie sich jetzt, wieso ich in der WEINWIRTSCHAFT über Energiepolitik schreibe. Nein, nicht weil ich auf den Einfluss der steigenden Preise für Diesel für die Kosten der Weinproduktion und des Weinhandels eingehen will. Sondern, weil auch wir vom Kartellrecht betroffen sind. Schon lange stehen die Strukturen des Lebensmittelhandels unter Beobachtung des Kartellamts. Bei der Zuteilung des Real-Erbes war die Wettbewerbsbehörde der wichtigste Entscheider. Die prinzipielle Einigung über eine Übernahme einer Real-Filiale stand stets unter dem Vorbehalt ihrer Zustimmung.
 

Clemens Gerke, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT
Clemens Gerke, Chefredakteur WEINWIRTSCHAFT

Hatte das Kartellrecht also bereits scharfe Klauen und Zähne? Dem dürften die wenigsten in der Weinwirtschaft zustimmen. Der Oligopolisierung des Handels hatte das Kartellamt wenig entgegenzusetzen. Die Abwicklungskämpfe um Real oder Tengelmann wirken wie potemkinsche Schlachten, bei denen klar ist, dass die Weinerzeuger als Lieferanten letztlich nicht vom Ausgang profitieren – und die Kunden ebenfalls nicht. 

Letztlich hat der Handel selbst – auch mit seinem Verzicht auf Margen – für die Oligopolisierung gesorgt. Aus einem harten Wettbewerb scheiden letztlich die Kleinen aus, die ihre Skaleneffekte schlechter umsetzen können. Gleiches gilt für jene, die nicht ganz so gut wirtschaften, wie die Besten. Die kleinen unter den großen Lebensmittelhändlern können nur dann überleben, wenn sie eine andere Strategie als die ganz Großen fahren. Die Famila-Märkte der Bünting-Gruppe sind dafür genauso ein Beispiel wie die Globus-Markthallen. Doch sie können den Weinmarkt nicht retten.

Ob es das neue Kartellrecht mit Klauen und Zähnen kann? Solange keine konkrete Ausgestaltung bekannt ist, lässt sich über die Auswirkungen für die Weinwirtschaft nur spekulieren. Dabei könnte unsere in der Basis immer noch sehr kleinteilige Branche besonders betroffen sein, denn sie kennt viele Oligopole. Für die Winzer sind auch die Kellereien ein Oligopol auf der anderen Seite des Markts. Diese stehen jedoch selbst Oligopolen im Handel und z.B. bei den Glaslieferanten gegenüber.

Die Arbeitsweise oligopoler Strukturen sind in unserer Branche vertraut. Es braucht keine direkten Preisabsprachen gegenüber den Lieferanten, eine genaue Marktbeobachtung reicht aus, um dafür zu sorgen, dass die Oligopolisten bei ausreichendem Angebot Preise finden, mit denen sie leben können. Spätestens nach dieser Erinnerung warten sie wahrscheinlich genauso gespannt wie ich darauf, wie die konkreten Vorschläge zur Verschärfung des Kartellrechts aussehen werden und welche Auswirkungen sie auf die Weinwirtschaft haben wird.
 

Ausgabe 13/2022

WEINWIRTSCHAFT 13/2022

Themen der Ausgabe

Alkoholfrei

Das Segment wächst rasant und bietet dank Lohnunternehmern auch kleinen Erzeugern eine Chance

Prosecco

Das Konsortium wettet auf anhaltenden Erfolg und sichert sich zugleich ab

Portugal

Abseits von Portwein und »hinter den Bergen«. Der kleine Nachbar von Spanien hat einiges zu bieten