Leise, still und heimlich

Auf ähnlich klingenden Begriffen herumzutrampeln, mag zunächst kleinlich wirken. Der Diskurs beginnt aber spätestens dann, wenn exakt definierte Begriffe beim Konsumenten eine bestimmte Erwartungshaltung wecken. Das betrifft die rechtlich verankerte Qualität und auch den Preis. Aldis neue »Gran Selección« wird Verbraucher verunsichern und irritieren. Oder schlimmer noch – und zudem viel wahrscheinlicher: Vielen wird nicht auffallen, dass hier ein Wein durch einen völlig anderen ersetzt wurde – die beiden nur fast identisch aussehen. 

Der Discounter geht geschickt vor. Erlernter Standard der Bordeauxflasche: check. Etiketten in Form, Farbgebung und Schrift anpassen: abgehakt. Dazu noch das ulkige Drahtnetz, das keiner braucht, unnötigen Müll produziert und Wertigkeit vortäuscht, auch wenn keine da ist. Schnell den Namen des Weins ändern. Das war‘s. Der Verbraucher, der nach Habitus einkauft und seine geliebte Gran Reserva zu erkennen glaubt, greift zu.

Nicht angepasst, sondern ausgetauscht hat Aldi hingegen den Wein. So stammt die Gran Selección aus einem anderen Anbaugebiet und besteht aus anderen Rebsorten. Der Verbraucher kann natürlich alle obligatorischen Angaben auf den Etiketten nachlesen – aber: Ist es dem Konsumenten ohne nennenswertes Wein-Involvement möglich, all die vielen Angaben in den richtigen Kontext zu setzen? Versteht er oder sie den Unterschied zwischen den gleichermaßen unbeachteten Anbaugebieten Utiel-Requena oder Valdepeñas? Letztlich geht es doch vor allem um das Qualitätsversprechen, das die Gran Reserva liefert. Aldi nutzt das Unwissen aus und schiebt seinen Kunden leise, still und heimlich ein anderes Produkt unter.

 

Simon Werner, Redaktion WEINWIRTSCHAFT
Simon Werner, Redaktion WEINWIRTSCHAFT

Absurd genug, dass ein Wein der höchsten Qualitätsstufe nach spanischem Recht zu Listenpreisen von weniger als drei Euro erhältlich ist. Allerdings hat über all die all Jahre die Gran Reserva beim Kunden ein festes Vorstellungsbild erzeugt. Nun wird dieser Terminus durch einen anderen ersetzt, der zwar einen vielversprechenden Namen hat, aber gänzlich ohne Inhalt daherkommt. Ob der neue Inhalt ähnlichen Anforderungen entspricht? Unbekannt.

Der Handel täte gut daran, nicht so sehr mit Begriffen um sich zu schmeißen, die den Verbraucher verwirren. Gran Reserva und Co. sind Konstanten im Weinkäufer-Gedächtnis. Begriffe dagegen, die Qualität vortäuschen, aber nicht einlösen können, sind Teil dieses Problems – zwar nicht rechtlich, doch führen sie Verbraucher schnell in die Irre.

Ausgabe 13/2022

WEINWIRTSCHAFT 13/2022

Themen der Ausgabe

Alkoholfrei

Das Segment wächst rasant und bietet dank Lohnunternehmern auch kleinen Erzeugern eine Chance

Prosecco

Das Konsortium wettet auf anhaltenden Erfolg und sichert sich zugleich ab

Portugal

Abseits von Portwein und »hinter den Bergen«. Der kleine Nachbar von Spanien hat einiges zu bieten